Interview mit Wolfgang Schorlau Im Frühjahr läuft „Dengler“ im ZDF

Von  
Sind Sie der Erste, der all diese Mosaiksteine zu einem Gesamtbild fügen will?
Nein. Da gab es vor mir – neben den Untersuchungsausschüssen – schon ein paar wache Journalisten, ohne die es überhaupt keine Aufklärung geben würde. Aber ein paar neue Mosaiksteine werde ich in meinem Buch schon verarbeiten können . . .
 . . . um am Ende wieder eine große Verschwörungstheorie vorzulegen. Oder täusche ich mich da als geübter Dengler-Leser?
Ich bin kein Verschwörungstheoretiker. Ich bemühe mich, Fakten zusammenzutragen und auf diesem Fundament meine Figuren handeln zu lassen. Die Figuren sind erfunden. Die Fakten aber – und da bemühe ich mich sehr – müssen stimmen! Ich vermute, dass oft diejenigen am lautesten „Verschwörungstheorie“ rufen, die tatsächlich die eigentlichen Verschwörer sind.
Bleiben wir beim Thema, aber wechseln wir den Schauplatz, von der Theresienwiese in Heilbronn zu jener in München. Vor fünf Jahren haben Sie Dengler im „München-Komplott“ damit beauftragt, das Oktoberfest-Attentat von 1980 aufzuklären . . .
 . . . und jetzt prüft auch die Karlsruher Bundesanwaltschaft, ob sie den Fall wieder aufnehmen soll. Es handelt sich bei dem Attentat mit 13 Toten immerhin um den schwersten Terrorakt unserer Nachkriegsgeschichte! Dass der Bombenleger ein Einzeltäter war, diese von der Staatsanwaltschaft über Jahrzehnte verfolgte These, lässt sich nicht mehr aufrechterhalten. Schon Dengler hat das Gegenteil bewiesen . . . Im Ernst: bei meinen Recherchen hat es mir damals fast die Sprache verschlagen, wie das rechtsradikale Umfeld des Attentäters systematisch weg­ermittelt wurde.
Verspüren Sie eine leichte Genugtuung, dass Sie mit Ihrem Buch damals auf der richtigen Fährte waren?
Nun, ich bilde mir da nicht zu viel ein. Kriminalromane ändern die Welt nicht, obwohl . . . Die Dengler-Thriller finden eine gewisse Verbreitung und helfen vielleicht, Druck auf die verantwortlichen Leute auszuüben. Unter Kollegen wird oft die Frage diskutiert, ob Literatur etwas bewirken kann – da habe ich doch den Eindruck, dass ich mit meinen Büchern manche Themen näher an die Öffentlichkeit bringen kann, wenigstens einen halben Zentimeter.
Die Chancen stehen nicht schlecht, dass es auch ein ganzer Zentimeter wird: Im Frühjahr läuft der erste „Dengler“ im ZDF, der Pharma-Thriller „Die letzte Flucht“. Haben Sie ihn schon gesehen?
Den Rohschnitt, ja – und ich bin begeistert (lacht). Es hat zwei Tage gedauert, bis ich die DVD in den Rekorder geschoben habe, so stark war meine Angst vor Enttäuschung. Aber der Regisseur Lars Kraume hat es geschafft, zwei Dinge umzusetzen, die mir am Herzen lagen: Er hält mit tollen Actionszenen die äußere Spannung, die in der „Letzten Flucht“ eine große Rolle spielt – und er hält zudem mit starken Dialogen die innere Spannung, die sich aus dem Thema ergibt, dem kriminellen Umgang mit der Not todkranker Menschen. Dazu zwei herausragende Schauspieler: Ronald Zehrfeld als Dengler und Birgit Minichmayr als Olga. Das ist zwar eine überraschende, weil – verglichen mit den Romanfiguren – doch junge Besetzung, aber eine ideale.
Es ist also nicht mit einer empörten Distanzierung von der Verfilmung zu rechnen?
Nein, definitiv nicht.