Nach Ihrer Lehrzeit bei Manfred Rommel wurden Sie in jungen Jahren Oberbürgermeister von Schwäbisch  Gmünd . . .
. . . wo mich die Auseinandersetzungen wieder eingeholt haben. Der Streit entzündete sich an der atomaren Nachrüstung der Amerikaner mit Pershing-II-Raketen. In der Mutlanger Heide verging kein Tag ohne Demonstrationen. Ich konnte die Ängste der Menschen sehr gut nachvollziehen: Die atomare Aufrüstung war erschreckend und die Dimension der möglichen Vernichtung kaum begreifbar.

Vietnamkrieg, RAF-Terrorismus, Kalter Krieg – all das ist heute Teil der jüngeren Geschichte. Mit dem Ende der ideologischen Schlachten ist es für Ihre Partei schwieriger geworden, sich zu profilieren. Gerade auch in Großstädten wie Stuttgart.
In der Tat. Die CDU hat ein Großstadtproblem in ganz Deutschland. Sie tut sich schwer damit, für die „Creative Class“ attraktiv zu sein. Diese tendiert zu den Grünen. Wenn das Image einer Partei und ihr Programm nicht mehr attraktiv genug erscheinen, wenden sich die kreativen Köpfe von ihr ab. Deren attraktive Ideen fehlen der Partei dann wiederum.

So etwas nennt man Abwärtsspirale.
In der steckt die CDU in vielen Großstädten. Die Kanzlerin hat mich vor anderthalb Jahren gebeten, Analysen dazu vorzulegen. Wenn es für die CDU einfache Antworten gäbe, hätte ich die längst verkündet.

Was macht demgegenüber derzeit den Sex-Appeal der Grünen bei den Wählern aus?
Da spielt das Lebensgefühl eine große Rolle und die Offenheit. Zudem werden ökologische Themen bei den Grünen verortet, nicht bei der CDU. Das Programm, das ich umgesetzt habe, könnte zu 80 Prozent im Kommunalwahlprogramm der Grünen stehen. Dazu kommt der Personalfaktor: Der Ministerpräsident ist in hohem Maße glaubwürdig. Er erscheint nicht nur glaubwürdig, er ist es auch.

Zum heutigen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann haben Sie ein weitaus besseres Verhältnis als zu seinem Vorgänger Stefan Mappus.
Gut, dazu gehört auch nicht viel.

Nach dem „schwarzen Donnerstag“ hat Mappus Sie in die Villa Reitzenstein hochzitiert und für Ihre kritischen Töne zum Polizeieinsatz abgekanzelt.
Das war ein ganz bitterer Moment. In erster Linie war der Tag schlimm für Stuttgart. Ich war sehr betroffen angesichts des Polizeieinsatzes und seiner Folgen. An diesem Abend sind mir erstmals ernsthafte Zweifel gekommen, ob Herr Mappus die richtige Persönlichkeit für dieses Land ist.

Woran machen Sie das fest?
Unter anderem daran, wie er auf meine Betroffenheit und meinen Versuch, zur Mäßigung aufzurufen, reagiert hat. Wenn einem das Gespür fehlt und die Umgangsformen, dann ist man für eine bestimmte öffentliche Aufgabe ungeeignet.