Interview mit Wolfsexpertin „Der Wolf verfällt seinem Jagdinstinkt“

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Die Wolfsexpertin Christiane Schröder aus Brandenburg hält den Begriff „Blutrausch“ in Bezug auf frei lebende Wölfe für nicht angebracht. Aber einen Persilschein für auffällige Tiere will auch sie nicht ausstellen.

Experten der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt waren am Schauplatz des Wolfsrisses in der Nähe von Bad Wildbad rasch zur Stelle. Foto: dpa
Experten der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt waren am Schauplatz des Wolfsrisses in der Nähe von Bad Wildbad rasch zur Stelle. Foto: dpa

Stuttgart - Die Biologin Christiane Schröder aus Potsdam gilt als Expertin für Wölfe. In Brandenburg, wo 200 frei lebende Wölfe gezählt worden sind, kommt es häufiger vor, dass ein einzelner Wolf mehrere Schafe reißt, wie jetzt in Bad Wildbad, wo mehr als 40 Schafe einem Wolfsangriff zum Opfer gefallen sind, entweder, weil sie gerissen wurden oder weil sie in der Enz ertranken. Schröder ist seit 2015 die Landesgeschäftsführerin des Naturschutzbundes (Nabu) in Brandenburg und hat mehrfach Wolfsrisse begutachtet.

Frau Schröder, in Bad Wildbad sind mehr als 40 Schafe durch einen Wolfsangriff gestorben. Warum reißt ein Wolf mehrere Schafe? Kommt so etwas auch in Brandenburg vor?
Ja, leider erleben wir das auch hier immer wieder mal. Eine Ursache des Problems ist auch unsere Art der Tierhaltung, die Schafe sind eng eingepfercht und können nicht auseinanderlaufen oder weglaufen. Der Wolf verfällt dem, was wir als Menschen als Blutrausch bezeichnen. Aber eigentlich ist der Begriff nicht angebracht. Es entspricht in dieser Situation dem normalen Jagdverhalten des Tieres, es verfällt seinem Jagdtrieb. Der Wolf reißt ein Schaf, bevor er jedoch zum Fressen kommt, ist der Jagdtrieb weiter durch die noch frei laufenden Schafe stimuliert. Daher reißt er noch weitere.
Wie oft passiert so etwas in Brandenburg?
Den größten Überfällen dieser Art fallen zehn bis 30 Nutztiere zum Opfer. Ich würde schätzen, das so etwas zwei bis dreimal jährlich in unserem Bundesland vorkommt.
Was können die Nutztierhalter vorbeugend tun?
Wichtig ist, dass der Wolf nicht in ein Gatter eindringen kann, da hilft ein guter Stromzaun. Oft gibt es aber Schwachstellen, etwa die, dass ein Wassergraben nicht eingezäunt ist. Gut wäre auch, wenn die Schafe nicht zu eng eingepfercht werden und das Gatter rund oder oval ist. Sind Ecken da, fällt es dem Wolf leicht, sie dort hineinzutreiben.
Was ist mit Herdenschutzhunden?
Wir haben in Brandenburg mit Pyrenäenberghunden gute Erfahrungen gemacht. Die sind moderat aggressiv, halten die Wölfe draußen und verbellen nicht jeden Fußgänger. Gut wären zwei Hunde pro Herde, falls zwei Wölfe auftauchen.
Durch solche Vorfälle mit dem massenhaften Riss von Schafen – sinkt da nicht die Akzeptanz des Wolfes in der Bevölkerung?
Die Akzeptanz schwankt. Ich würde sagen, sie liegt bei uns bei 50:50 in der Bevölkerung. In Regionen, wo Wölfe schon länger vorkommen, hat man gelernt, mit ihnen umzugehen. Andernorts gibt es noch unbegründete Ängste, wo gefürchtet wird, dass der Wolf die Kinder von der Bushaltestelle wegholt. Mit Transparenz und Aufklärung ist viel geholfen, das Landesumweltamt in Brandenburg leistet das. Es informiert beispielsweise darüber, wo Wolfsrudel sind. Der Wolf ist ein Raubtier, er wird nie Vegetarier sein. Wir haben hier in Brandenburg einen hohen Bestand an Rehen, Damwild und Wildschweinen. Da ist der Wolf eigentlich dringend notwendig.
Ist ein Wolf, der so viele Schafe auf einmal reißt wie in Bad Wildbad, nicht verhaltensauffällig und muss geschossen werden?
Da ich den Fall aus Baden-Württemberg nicht kenne, mag ich mich dazu nicht äußern. Wenn die Herde gut gesichert war und das Eindringen des Wolfes nicht am schlechten Zaun gelegen hat, dann könnte der Wolf im Wiederholungsfalle auch nachdem Bundesnaturschutzgesetz entnommen werden. Etwa, weil er Zäune untergräbt oder darüber klettert.
In Baden-Württemberg heißt es, wir haben wegen der für die Landschaft auf der Alb eminent wichtigen Schafhaltung eine Sondersituation, da lasse sich der Wolf nicht mit in Einklang bringen. Sehen Sie das auch so?
Wir haben in Brandenburg auch Heiden. Eine Sondersituation hängt sicher von der Landschaft ab, ich könnte sie mir in hochalpinen Lagen vorstellen, wo das Einzäunen unmöglich ist.