ExklusivInterview mit Woody Allen „Mein Beruf ist eher ein Unfall“

Von Christian Aust 

An diesem Donnerstag kommt Woody Allens neuer Film „Irrational Man“ in die Kinos. Der bald achtzigjährige Filmregisseur aus New York betrachtet auch sein eigenes Handeln mitunter als irrational. Trotzdem liebt er das Leben. Und er hat noch einige Pläne.

Woody Allen hat noch viele Pläne. Foto: dpa
Woody Allen hat noch viele Pläne. Foto: dpa

New York –  Mit schöner Regelmäßigkeit veröffentlicht Woody Allen mit beinahe achtzig Jahren immer noch einen neuen Film pro Jahr. Das neueste Werk heißt „Irrational Man“ und dreht sich wieder um seine Lieblings-Themen: Tod, Philosophie, Liebe und Verbrechen. Die Hauptrollen spielen Joaquin Phoenix und Emma Stone. Traditionell werden sämtliche Schauspieler mit dem symbolischen gleichen Gehalt bezahlt. Doch selbst kapitale Stars sind bereit, sich auf diesen Deal einzulassen, denn jeder will in seiner Karriere wenigstens einmal mit Woody Allen gearbeitet haben.

Herr Allen, in Ihrem Film geht es unter anderem auch um Philosophie. Erinnern Sie sich noch, was die erste große existenzielle Frage war, die Sie sich gestellt haben?
Als ich noch sehr jung war, konnte ich nicht glauben, dass ich eines Tages sterben werde. Ich war ungefähr fünf Jahre alt und dachte: Mein Gott, das soll irgendwann vorbei sein? Zu realisieren, dass ich sterblich bin, hatte einen enormen Effekt für mein weiteres Leben. Meine Mutter sagte immer, ich war das süßeste, liebste Kind – von meiner Geburt bis zu meinem fünften Lebensjahr. Aber irgendetwas muss dann passiert sein, was mich in ein fieses, schlecht gelauntes und gemeines Kind verwandelt hat. Und irgendwie hatte sie Recht. Ich war nie wieder derselbe, der ich vorher war. Ich wurde depressiv, niedergeschlagen, und ich war nicht mehr nett.
Eine passende Religion hat Ihnen nicht weiter geholfen?
Ich war schon als Kind nie religiös. Ich habe mir nie ein Leben nach dem Tod vorgestellt, oder in den Himmel zu kommen. Ich bin zwar in einem jüdischen Haushalt aufgewachsen, aber all diese Dinge kamen mir von Anfang an lächerlich und albern vor. Ich sehe es so: egal, ob es sich um Religion, Philosophie oder sogar die allerbeste Kunst dreht, alle versuchen dir so eine Art Warenwechsel zu verkaufen. Der Tod ist eine bittere Pille, die wir schlucken müssen. Und wir versuchen ihn uns auf jede erdenkliche Art schön zu reden, gerade in der Religion. Sie belügen und betrügen dich, wo sie nur können. Schrecklich.
Philosophie funktioniert auch nicht?
Die Philosophen mühen sich so sehr ab, dir einen Sinn des Lebens zu präsentieren. Jean Paul Sartre bietet dir sogar die Möglichkeit, das Leben als bedeutend oder unbedeutend zu sehen. Nichts von all dem hilft. Das sind nur intellektuelle Konversationen. Und während du dich tiefgründig unterhältst, verstreicht einfach nur weiteres Leben, und sie trampelt dich über den Haufen. Nehmen Sie Plato, Nietzsche, Wittgenstein oder wer auch immer. Sie haben alle eines gemeinsam. Du kannst noch so viel über das Leben herum labern. Am Ende kommt doch der Tod und holt dich, und daran kannst du nichts ändern. Keine Religion, kein Philosoph wird dich retten. Das ist einfach eine gemeine Tatsache, mit der wir alle Leben müssen. Es gibt ja diesen berühmten Satz: Stell dir den Tod nicht als das Ende sondern als einen Teil des Lebens vor. Was soll ich denn damit anfangen?
Wie gehen Sie dann täglich mit dieser gemeinen Tatsache um?
Indem ich mich ablenke und einfach nicht daran denke. Das habe ich im Laufe der Jahre herausgefunden. Wenn ich zu sehr darüber nachdenke, bekomme ich Depressionen und gerate in Panik. Ich muss diese Gedanken so gut wie möglich ausklammern. Sie lenken sich ab, indem Sie als Journalist Artikel schreiben und Interviews führen. Ich mache Filme. Wir beschäftigen uns mit den albernen, kleinen täglichen Problemen. Werde ich zum Beispiel Emma Stone für die weibliche Hauptrolle bekommen? Aber wen interessiert das am Ende? Das ist alles nur Ablenkung. Deswegen spielt Unterhaltung jeder Art so eine wichtige Rolle in unserer Gesellschaft. Am Ende des Tages schaltest du einfach den Fernseher ein, siehst Sport, Shows oder du gehst ins Kino und verlierst dich in den Bildern. Wenn ich Fred Astaire tanzen sehe, fühle ich mich kurzfristig besser. Aber nur kurzfristig. Für mich ist das alles wie ein nettes Picknick, bei dem ich ständig aus der Ferne schon das Grollen des nahenden Gewitters höre. Mir ist völlig klar: Irgendwann wird es regnen. Kurz: Der Gedanke an meine Sterblichkeit hat mein ganzes Leben ruiniert.
Machen Sie Ihre Filme nicht ein wenig unsterblicher?
Kunst ist eine Art Rebellion gegen den Tod, sagt man. Aber unser Wüten ist dann doch sehr impotenter Art. Man kann sich nur aufregen und ändert damit doch nichts. Also lenke ich mich ab. Ich schreibe ein weiteres Drehbuch, übe meine Klarinette zu spielen oder ich gehe ins Kino. Ich sage immer, statt in den Herzen und dem Bewusstsein der Menschen weiter zu leben, würde ich gerne weiter in meinem Apartment leben.



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