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InterviewInterview So weit die Füße tragen

Von Gabriele Kiunke 

Es gibt wohl keine Frau in Deutschland, die weiter gewandert ist als sie: Christine Thürmer hat über 30 000 Kilometer zu Fuß bewältigt. Eine Begegnung beim Wandern im Berliner Forst.

Als letztes Postamt auf dem Pacific Crest Trail erreichte Christine Thürmer Stehekin.  Foto: Thürmer/Malik-Verlag
Als letztes Postamt auf dem Pacific Crest Trail erreichte Christine Thürmer Stehekin. Foto: Thürmer/Malik-Verlag

S-Bahn-Station Eichwalde. Ein kleines Dorf im Osten von Berlin, gepflasterte Straßen, kleine Einfamilienhäuser. Der Bahnhof ist Treffpunkt für eine Wandertour mit Christine Thürmer. Die Vollzeitwanderin (48) hat in den vergangenen Jahren Tausende von Kilometern in der ganzen Welt zurückgelegt. Als eine von nur 230 Menschen weltweit erwanderte sie alle drei Fernwanderwege in den USA mit insgesamt über 12 700 Kilometern. Auch in Deutschland kennt die Berlinerin jeden Wanderweg, allein den Alb-Nordrandweg (365 km) ist sie schon zweimal abgelaufen.

Frau Thürmer, Ihre erste Tour war der Pacific Crest Trail (PCT), ein Fernwanderweg von der mexikanischen zur kanadischen Grenze. Warum gleich so eine Herausforderung?

Ich war ein Jahr zuvor als Urlauberin im Yosemite Park unterwegs. Dort traf ich zufällig einige Thruiker, so nennt man in den USA die Langstreckenwanderer, die mit einer minimalistischen Ausrüstung unterwegs sind. Das hat mich fasziniert. Ich wäre gerne mit ihnen etwas gewandert, aber als ich morgens um 9 Uhr aus meinen Zelt krabbelte, waren sie schon längst weg. Da habe ich Blut geleckt.

Wann sind Sie dann gestartet?

Einige Monate danach wurde mir gekündigt. Ich arbeitete damals als Geschäftsführerin und habe Betriebe saniert. Es gehörte zu meinem Job, dass ich auch immer wieder Mitarbeiter entlassen musste. Deshalb habe ich es als ausgleichende Gerechtigkeit empfunden, als es eines Tages mich selbst traf. Gleichzeitig erkrankte in dieser Zeit ein guter Freund sehr schwer und starb. Alles zusammen gab mir den Anstoß, es zu wagen. Ich erstellte dann für mein Projekt eine Art Businessplan und plante alles genau: Ausrüstung, Route, Versorgung unterwegs. Nur trainiert habe ich nicht. Ich bin eigentlich unsportlich.

Verglichen mit dem Pacific Crest Trail ist die Runde durch den Eichwälder Forst ein Spaziergang: schlappe acht Kilometer. Christine Thürmer sieht aus wie eine Frau, der man auch nicht mehr zutrauen würde. Keine schlanke, sportliche Figur, eher der Typ gemütlich. Sie wirkt freundlich, sympathisch, normal. Statt teurer Funktionskleidung trägt sie eine schlichte, schwarze Fleecejacke, eine dunkle Dreiviertelhose, Turnschuhe, Rucksack. Zum Hobbywanderer-Outfit passt ihre Schrittgeschwindigkeit: mehr Spaziergänger-Tempo denn strammes Wandern. Auf schmalen Pfaden geht es durch einen Birkenwald, nur der ein oder andere Jogger kreuzt den Weg. Anstrengende Aufstiege sind keine zu erwarten.

Wie haben Sie es geschafft, Tausende von Kilometern zu wandern?

Das Wichtigste ist, sein eigenes Tempo zu finden. Ich gehe so, dass ich genau vier Kilometer in der Stunde wandere. Und in diesem Tempo schaffe ich bis zu 50 Kilometer am Tag, meist waren es 30. Ich habe weder eine Blase noch sonstige Probleme bekommen. Mit mir sind auf dem Trail ein paar sehr sportliche Männer gestartet, die haben alle aufgegeben, auch, weil sie sich überschätzt haben.

Und Sie sich nicht?

Nein. Ich dachte am Anfang gar nicht, dass ich es überhaupt schaffe. Das Geheimnis einer Langstreckenwanderung ist die Gewichtsoptimierung. Meine Ausrüstung wiegt fünf Kilo, und um das zu schaffen, trenne ich die Etiketten aus der Kleidung und verzichte auf Unterwäsche. Kein Handtuch, nur ein großes Taschentuch, das auch zum Waschen reichen muss. Zähne werden trocken geputzt.

Wie ist es mit Essen?

Dieses Gewicht kommt noch obendrauf, an manchen Tagen vier Liter Wasser. Dazu das Essen für mehrere Tage, allerdings keine Äpfel oder Gemüse, viel zu viel Gewicht. Ich habe morgens immer ein halbes Pfund Müsli mit kaltem Wasser gegessen, tagsüber Fertiggerichte und zwischendurch 400 Gramm Süßigkeiten.

Auf ihren monatelangen Wandertouren schmelzen die Kilo wie Eis in der Sonne, bis zu zehn verliert Christine Thürmer dabei. Ihr Köper hat sich den extremen Situationen angepasst. Sobald er geschont wird, legt er Reservepolster an, wie in den vergangenen Monaten, in denen sie wieder in Berlin lebte, um ihre Erlebnisse für ihr Buch aufzuschreiben.

Klingt nach viel Verzicht und wenig Genuss.

Ich schaue nicht, auf was ich verzichte, sondern was ich gewinne. Überwältigende Naturerlebnisse, grandiose Landschaften, Freiheit und Unbeschwertheit. Die einzige Entscheidung, die ich treffen musste, war, welche der 23 Fertiggerichte ich zu Mittag esse. Das war befreiend.

Wollten Sie nicht mal aufgeben?

Was viele sehr mürbe macht, ist der Dreck. Wenn man sich tagelang nicht waschen kann, sieht man irgendwann aus wie ein Penner und stinkt auch so. Aber das hat mir nichts ausgemacht. Das Wandern löst bei mir einen Flow aus, diesen psychologischen Effekt, der einsetzt, wenn man eine Tätigkeit macht, die Spaß macht. Aber man braucht Durchhaltevermögen und muss mit sich klarkommen.

Wie war das Gefühl, nach 4000 Kilometern anzukommen?

Unbeschreiblich. Als ich die Strecke im Flugzeug überflog, hatte ich ein absolutes Glücksgefühl. Ich fühlte mich unbesiegbar und kam mit einem absoluten Hochgefühl zurück nach Berlin.

Zeit für eine Kaffeepause auf einer einsamen Lichtung, ein Baumstumpf bietet sich als Sitzgelegenheit an. Um zu zeigen, wie sie unterwegs lebt, hat Thürmer ihre Ausrüstung dabei, darunter das Ein-Mann-Zelt, Isomatte, Wassersack, die wenigen Wechselklamotten, Gaskocher und Kochtopf. Nach ihrer Rückkehr vom PCT kehrte Thürmer ins Arbeitsleben zurück. Die erste Bewerbung klappt auf Anhieb und sie heuert als Geschäftsführerin eines maroden Betriebes an. Doch sie will wieder los, verhandelt ein halbes Jahr Auszeit. Nun will sie den Continental Divide Trail (bis zu 5000 km) gehen. Unterwegs erhält sie die Kündigung - ein „Wink des Schicksals“.

Warum?

Ich war noch nicht so weit, selbst zu kündigen, weil ich mich meinen Mitarbeitern verpflichtet fühlte. Aber als ich den Businessplan für meine Firma erstellte, habe ich mich gefragt, wie eigentlich mein eigener Lebensplan aussieht. Meine wichtigste Ressource ist die Lebenszeit und das ist die, die am wenigsten planbar ist. Ich habe mich dann für Risikominimierung entschieden. Ich arbeite zwar gern, aber die nächsten 20 Jahre möchte ich fürs Wandern nutzen.

Christine Thürmer ist zu sehr Betriebswirtschafterin, um sich in ein Abenteuer zu stürzen. Ihren Ausstieg aus dem bürgerlichen Leben hat die alleinstehende Frau genau kalkuliert. Da sie jahrelang sehr gut verdiente, verfügt sie über ein finanzielles Polster. Wenn sie monatlich 1000 Euro ausgibt, reicht das Geld, bis sie 90 ist. Aber alles ist nicht mehr drin: Ihre Wohnung gibt sie auf, die meiste Zeit ist sie ja unterwegs.

Wie kommen Sie damit zurecht?

Mit wenig Geld auszukommen, ist das geringste Problem. Ich lebe sehr sparsam, aber sehe das positiv: je weniger Geld, desto mehr Abenteuer. Wenn ich reise, mache ich viel Couchsurfing. Beim Wandern zelte ich, aber nie auf Campingplätzen. Am besten schlafe ich in der Natur. Ich bin gern mit Menschen zusammen, aber genieße auch die Einsamkeit.

Was planen Sie als Nächstes?

Ich vergleiche mein Leben mit einem Hochglanz-Magazin. Ich darf blättern und überlegen, was ich als Nächstes tun werde, nämlich Europa von West nach Ost durchqueren, von Santiago nach Istanbul. Ich könnte mir auch vorstellen, einen Deutschland-Trail zu konzipieren.

Der Waldrand ist erreicht, gegenüber liegt das Ziel, der Bahnhof Grünau. Die Einladung auf einen Abschlusskaffee in einer Bäckerei nimmt Thürmer gern an und freut sich über den üppigen Milchschaum des Cappuccinos. Mit ihrem Buch möchte sie eine Botschaft vermitteln: „Jeder kann 1000 Meilen wandern.“