Interview über Alpin-Tourismus „Man muss immer mit Gefahren rechnen“

Tobias Hipp, Experte für Gletscher und Klimawandel beim Deutschen Alpen-Verein Foto: DAV

Der Deutsche Alpenverein (DAV) sieht eine Zunahme von Steinschlag, Schlammlawinen und Felsstürzen. Große Berg- oder Eisstürze blieben aber eher die Ausnahme, meint Tobias Hipp, DAV-Experte für Gletscher und Klimawandel.

Herr Hipp, in den Alpen brechen, wie kürzlich bei Galtür in Tirol, ganze Bergteile unvermittelt herab. Wie groß ist die Gefahr für Wanderer und Kletterer?

 

Man muss sich darüber im Klaren sein: Im Gebirge muss man immer mit den üblichen alpinen Gefahren rechnen. Sei es Steinschlag, der Abgang von Schlammlawinen oder auch Felsstürze. In dieser Dimension wie beim Fluchthorn bei Galtür geschieht so etwas aber eher selten. Für den Bergsportler ist es aber nie ganz auszuschließen.

Nehmen solche Bedrohungen zu?

Ja, diese Ereignisse häufen sich. Im vergangenen Jahr etwa wurden im Mai Bergsteiger im Wallis Opfer eines Eissturzes in 3400 Meter Höhe. Sie mussten evakuiert werden, es gab zwei Tote und zwei Schwerverletzte. Kurz darauf, im Juli, brach ein Teil der Gletscherzunge an der Marmolata in den Dolomiten ab und verschüttete den Aufstiegsweg: elf Tote, acht Verletzte.

Ist jeder Bergsportler diesem Risiko also ausgeliefert?

Nein, nicht per se. Große Berg- oder Eisstürze bleiben eher die Ausnahme. Wir sehen aber eine Zunahme der üblichen alpinen Gefahren, die es immer schon gegeben hat wie Steinschlag und kleine Felsstürze. Das Risiko für den Bergsportler lässt sich aber meist reduzieren. Am wichtigsten ist eine gute Alpinausbildung, dadurch kann man Gefahren real einschätzen. Man lernt, wie man sich sicher an einem Gletscher bewegt.

Was kann man als Vorbereitung machen?

Absolut notwendig ist eine gründliche Tourenplanung. Man muss sich aktuelle Informationen einholen, wie die Bedingungen etwa am Gletscher sind oder ob Steinschlagzonen gemeldet wurden. Das ändert sich von Jahr zu Jahr schneller, es bilden sich beispielsweise neue Spaltenzonen, oder der Übergang vom Gletscher an den Fels wird schwieriger.

Und wann sollte man auf eine Tour verzichten?

Sehr warme Temperaturen und anhaltende Hitzewellen begünstigen Steinschlag und Felsstürze. Starkregen ist oft der Auslöser: Es dringt viel Wasser in den Berg, Schuttflächen können zu Schlammlawinen werden. Wann es dann genau zu einem Bergsturz kommt, ist aber leider weiterhin nicht genau vorhersehbar.

Wenn solche Touren denn gefährlich sein können und immer wieder auch gefährlich sind – sollte man darauf nicht einfach verzichten und die Natur Natur bleiben lassen?

Das sehen ich und der Alpenverein natürlich nicht so. Die Berge sollten schonend von Bergsportlern und Wanderern genutzt werden. Naturschutz ist uns auch sehr wichtig. Doch man sieht, durch die Coronazeit verstärkt, eine starke Zunahme von Alpenbesuchern. Das freut einen, das Erleben in der Natur ist ja wichtig und für die Menschen eine große Bereicherung. Doch eine bessere Lenkung der Besucher ist wichtig. Wird das gut gesteuert und erhält der Naturschutz seine Berechtigung, dann haben alle genug Platz am Berg.

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