Interview über Familientragödien „Niemand wird über Nacht zum Mörder“

Von Verena Orth 

Bei Familiendramen sind in Deutschland im August 13 Kinder getötet worden. Im Interview spricht der Essener Psychotherapeut Christian Lüdke über die Motive der Täter, die Hintergründe und die Frage, ob sich solche Tragödien häufen.

In diesem Haus in Berlin-Gatow hat ein Mann seine Familie ausgelöscht. Foto: dpa
In diesem Haus in Berlin-Gatow hat ein Mann seine Familie ausgelöscht. Foto: dpa
Stuttgart – Verzweiflung und elterliche Gewalt haben innerhalb weniger Wochen 13 Kinder in Deutschland das Leben gekostet. Sie wurden vom Vater, von der Mutter oder deren Lebensgefährten getötet. Der Essener Psychotherapeut und Traumaexperte Christian Lüdke spricht im StZ-Interview mit Verena Orth über die Motive der Täter und die Hintergründe.
Herr Lüdke, in Neuss wurden zwei Kinder und eine Frau tot in ihrer Wohnung entdeckt. Der Vater ist auf der Flucht. In Berlin hat ein 69-Jähriger sein Baby in einer Babyklappe abgelegt und danach seine Frau, seine zwei Kinder und sich selbst umgebracht. Was treibt Menschen zu solchen Taten?
Das unterscheidet sich bei Männern und Frauen. Frauen töten ihre Kinder im Glauben, ihnen damit etwas Gutes zu tun. Sie wollen die Kinder vor dieser bösen Welt schützen, in der sie selbst nicht haben bestehen können. Für Männer ist auch Rache ein Motiv, nach dem Motto: Du hast mein Leben zerstört, und nun nehme ich dir das Liebste.

Sind das Menschen wie du und ich, oder geht der Tat eine psychische Erkrankung voraus?
Niemand wird über Nacht zum Mörder. Bei Männern sind das oft typische Versager, die beruflich, privat, sexuell, als Vater – einfach überall – versagen. Mit der Gewalttat wollen sie ihr Gesicht wahren.

Töten Männer ihre Familie öfter als Frauen?
Männer löschen die Familie aus, Frauen töten ihre Neugeborenen. Nimmt man diese Fälle zusammen, gibt es in der Häufigkeit der Tat keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern.

Warum fällt es Frauen leichter, Neugeborene zu töten als Kleinkinder?
Diese Mütter konnten keine emotionale Bindung zu dem Kind aufbauen, das in ihnen heranwächst. Sie wurden in ihrer Familie oft selbst nicht als Person wahrgenommen. Das Kind ist quasi eine Altlast, die sie mit sich herumschleppen. Das Töten ist dann eine ganz primitive Form der Pro­blembeseitigung. Diese Frauen sehen das gar nicht als Mord, sie denken nur „die Arbeit, das Schreien, das muss endlich aufhören. Das muss weg.“

Sind die Taten Affekthandlungen?
Nein. Die Täter haben das in ihrer Fantasie schon einige Male durchgespielt. Man unterscheidet zwischen Auslöser, Motiv und Ursache. Das Ereignis, das der Tat unmittelbar vorausgeht, also Trennung, Kündigung, Streit, Schulden, das ist der Auslöser. Doch das Motiv – wiederkehrende Misserfolge – entwickelt sich über einen langen Zeitraum. Die Ursache gründet oft in der Ursprungsfamilie: Die Täter haben nie gelernt, mit Enttäuschungen im Leben zurechtzukommen. Das Ereignis, das zu der fälschlicherweise als Affekt bezeichneten Tat führt, ist nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.

Im August gab es sieben Familientragödien in Deutschland. Werden die Taten häufiger?
Wenn man die absoluten Zahlen betrachtet, gibt es keine signifikante Erhöhung. Aber die Medien berichten mehr, intensiver und bundesweit über die Fälle. Es sind Bilder in Echtzeit, von Überwachungskameras oder Handys. Das führt zu einer gefühlten Zunahme der Fälle.

Gibt es eine Verbindung zwischen den Gewaltdelikten und weltpolitischen Ereignissen wie der anhaltenden Krise?
Nein, gar nicht. Das ist einfach eine ganz traurige Serie, die man oft beobachten kann, wenn die Ferien zu Ende gehen. Ähnliches geschieht auch an Weihnachten, und montags bringen sich mehr Menschen um als am Wochenende. Weil dann die Familien aufeinanderhocken und es mehr Streitigkeiten gibt. Diese Gewalttaten haben mit partnerschaftlichen Konflikten zu tun, nicht mit den Ängsten vor wirtschaftlichen Veränderungen.

Gibt es eine funktionierende Prävention?
Das Zauberwort lautet: Aufklärung. Wenn jemand bei den Behörden aktenkundig ist, darf der Polizist nicht in den Kindergarten gehen und sagen „Der Vater dieser Kinder ist ein bekannter Gewalttäter.“ Da sollten die Hoheitsbehörden mit anderen Institutionen einen Schulterschluss eingehen und viel früher Informationen untereinander austauschen und aufklärend informieren.

Gibt es bei diesen Taten Nachahmer?
Niemand kommt auf den Gedanken, jetzt auch seine Familie umzubringen, weil er von solchen Fällen liest. Menschen, die schon lange in einer ähnlichen Stimmungslage wie die Täter sind, können sich bestätigt fühlen. Dabei handelt es sich dann allerdings nur bedingt um Nachahmung.

Sollten sich die Medien zurückhalten?
Nein, ich finde die ausführliche Berichterstattung richtig. Es sollte aber häufiger über Positives berichtet werden: In Deutschland sind Gewalttaten rückläufig, und das hat viel mit der Information aus den Medien zu tun.

Warum hat der Vater aus Berlin-Gatow sein Baby verschont?
Der Säugling hat mit der Familiensituation noch nichts zu tun, er hat noch nicht darunter gelitten. Die anderen Familienmitglieder werden unbewusst als mitverantwortlich angesehen. Der Vater muss sich um sie kümmern, sie haben Ansprüche. Ein Neugeborenes ist eher auf die Mutter fixiert als auf den Vater. Es ist unschuldig.

Buch: In seinem aktuellen Sachbuch „Wenn die Seele brennt: Mit eigener Kraft aus der Krise“ befasst Christian Lüdke sich mit der Bewältigung von emotionalem Stress und Lebenskrisen (Medhochzwei Verlag, Heidelberg).




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