Interview über Nachkriegsbausünden Das Problem der Architektur aus den 70er- und 80er-Jahren

Politik/ Baden-Württemberg: Thomas Faltin (fal)
Es geht Ihnen aber nicht nur um die Straßen. Die Architektur der 1970er und 1980er Jahre ist für Sie Teil des Problems.
Natürlich. Die Häuser sind heute mehr Klotz als Haus, und sie gehen nicht mehr auf den städtischen Raum ein. Seit etwa 40 Jahren werden hauptsächlich Solitäre gebaut, die irgendwie auf das Grundstück gestellt werden.
Ein Beispiel aus Stuttgart?
Man braucht nur in das Neubauviertel hinter dem Hauptbahnhof zu gehen – dort stehen verschiedene Gebäude nebeneinander, aber es ist überhaupt kein städtischer Raum entstanden. Und das liegt daran, dass die Gebäude in ihren Erdgeschossen zu wenig öffentliche Bereiche und Läden haben, dass es nicht in ausreichendem Maße eine Durchmischung von Wohnen und Arbeiten gibt, dass die Parzellen viel zu groß sind und dass die soziale Mischung nicht stimmt. Deshalb sind solche Viertel tot.
Wer ist für diese Entwicklung verantwortlich? Reden Architekten und Stadtplaner zu wenig miteinander?
Sie legen den Finger in die Wunde. Wir haben verschiedene Disziplinen, die sich mit der Stadt auseinandersetzen – Architekten, Verkehrsplaner, Raumplaner. Aber man spricht kaum miteinander. Der Verkehrsplaner hat keine Ahnung vom Stadtraum, der Raumplaner hat keine Architekturausbildung, und der Architekt kennt sich im Städtebau nicht richtig aus. In der Ausbildung der verschiedenen Disziplinen haben wir erhebliche Mängel, und vor allem gibt es keine Kooperation. Jeder schaut mit Scheuklappen auf seine Arbeit. Früher galt das Prinzip ‚Stadt gestalten’, heute puzzeln wir irgendetwas zusammen, das zwar funktioniert, aber nicht mehr schön ist.
In Stuttgart gibt es eine große Diskussion um den Erhalt alter Bausubstanz. Die Menschen, so könnte man meinen, haben eine Sehnsucht nach der alten Stadt.
Dass die Bevölkerung in die Vergangenheit schaut, ist nichts anderes als ein hilfloses Agieren, weil der Laie gar nicht weiß, warum die Stadt so hässlich geworden ist.
Mit dem Verlust des Alten hat das also gar nichts zu tun?
Nein, es hat vor allem damit etwas zu tun, dass wir Architekten versagt haben. Wir kümmern uns nicht mehr um die Schönheit der Stadt. In dem Moment, in dem unsere Architektur ansprechend wäre und die Bevölkerung damit zurechtkäme, würde sie nicht verlangen, solche „Hutzelhäusle“ zu bauen, wie man es derzeit beim Dom-Römer-Projekt in Frankfurt macht.
Bei diesem Projekt wird nach dem Abriss des riesigen technischen Rathauses das mittelalterliche Viertel mit vielen kleinen Häusern rekonstruiert. Kein Vorbild?
Ich bin der Vorsitzende des Gestaltungsbeirates dieses Projektes, zusammen mit Arno Lederer aus Stuttgart. Dort werden die alten Parzellen wiederhergestellt, und das ist sehr positiv. Und auf diesen Grundstücken werden von verschiedenen Bauherren einzelne Häuser gebaut – auch das sehe ich positiv. Es sollen dort aber nun viele Gebäude nach alten Vorbildern rekonstruiert werden; das war im ursprünglichen Konzept anders. Das tut dem Viertel nicht gut. Aber es ist typisch für unsere Zeit, dass die Menschen in die Retroarchitektur flüchten, weil viele der Meinung sind, man könnte die gute alte Welt zurückholen. Aber dem ist nicht so.
Manche sagen, die Stadt verkomme auch deshalb zum Einheitsbrei, weil die Grundstücke so teuer sind und die Investoren immer nur billig bauen wollen.
Solche Investoren gibt es, aber sie sind nicht die Regel. Und in solchen Fällen müsste einfach der Souverän, die Stadtverwaltung und der Gemeinderat, sagen: Passt mal auf, liebe Investoren, hier wollen wir eine bestimmte Qualität haben. Da müssen die Städte stärker auftreten. Stuttgart hat wirtschaftlich kaum Probleme; da könnte die Stadt doch selbstbewusster sagen, was sie haben will und was nicht. Wenn jeder Architekt macht, was er will, und wenn kein Investor sich an der Kultur des Ortes orientiert, dann gehen die Städte eben kaputt.
Sie fordern also ein Gesamtkonzept der Städte. Was braucht es noch, um die Städte lebendiger zu machen?
Wir brauchen Durchmischung, und zwar in der Stadt. Die großen Einkaufszentren auf der grünen Wiese sind der Tod der Stadt. Das kann man landesweit erleben.
In Stuttgart werden derzeit gleich drei große Einkaufszentren mitten in der Stadt gebaut. Ist das besser?
Nicht wirklich, denn für diese Einkaufszentren werden meist mehrere alte Häuser abgerissen. Dann kommen dort große Blöcke hin und es wird langweilig. Das ist einfach so. Unsere Welt lebt doch von der Vielfalt. Vielfalt bringt Schönheit. Wenn ich fünf Häuser habe mit fünf verschiedenen Ladenbesitzern, dann gibt es Vielfalt, die allerdings in einem übergreifenden Konzept zusammengebunden sein kann.
Wie gehen Sie bei Ihren eigenen Projekten vor, um die Stadtkultur zu bereichern?
Ich setze mich immer erst mit dem Ort auseinander. Wie sah früher die Umgebung aus? Dabei schaue ich mir alle früheren Epochen an. Dann mache ich mir die Stadtstruktur klar. Und erst danach beginne ich zu planen. Allerdings räume ich ein, dass auch meine Möglichkeiten begrenzt sind. Über die Durchmischung kann ich zum Beispiel nicht entscheiden. Letztlich bestimmt der Bauherr, was er auf einem Grundstück braucht.
Eine Serie mit Vorher-Nachher-Bildern aus Stuttgart sowie viele weitere Themen zur Stuttgarter Stadtgeschichte finden Sie auf unserer StZ-Themenseite „Von Zeit zu Zeit“ oder in der gleichnamigen StZ-Geschichtswerkstatt.




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