Peter Fratton, der Kronzeuge der grün-roten Landesregierung für die Gemeinschaftsschulen, steht dem Kultusministerium nicht mehr zur Verfügung. Er vermisse die Auseinandersetzung in der Sache und störe sich an der Fundamentalopposition, sagt er im Interview der Stuttgarter Zeitung.

Politik/Baden-Württemberg: Renate Allgöwer (ral)
Stuttgart. Er gilt als Kronzeuge für das individuelle Lernen und neue Lernformen. Doch nach heftiger Kritik an seinem Konzept will sich Peter Fratton nun auf die Einzelberatung von Schulen beschränken.
Herr Fratton, man hat Sie als Vorzeigereformer des Schulwesens gefeiert. In der Zwischenzeit hagelt es Kritik an Ihnen, wie erklären Sie sich das?
Ich habe das noch nie so erlebt. Ich war auch in Hamburg tätig und fand dort eine ganz andere Umgebung. Ich glaube, es hängt damit zusammen, dass man mit Schulpolitik Wahlen gewinnen kann und dass einige einfach dagegen sind, weil andere dafür sind. Mir fällt es schwer, mich auf dieser Ebene zu erklären. Wenn ich daran denke, dass Euer Wahlkampf erst beginnt, dann wird vielleicht alles noch schlimmer und das nimmt mich zu sehr mit. Eine konstruktive Arbeit an den Schulen wäre mir dann nahezu unmöglich.

Welche Konsequenzen ziehen Sie aus den öffentlichen Vorwürfen?
Ich lasse mich nicht mehr auf eine politische oder bildungswissenschaftliche Diskussion ein. Ich will nicht mehr in irgendwelchen Kommissionen und Gremien mitmachen. Ich ziehe mich zurück, weil ich den Eindruck habe, es werden möglichst viele Gründe gegen eine Gemeinschaftsschule gesucht, und manche wollen einfach nicht, dass sie gelingt. Das zeigt sich schon daran, dass die größten Kritiker weder mit mir gesprochen noch ein Haus des Lernens besucht haben. Wenn ich aber einzelnen Schulen konkret behilflich sein kann, dann mache ich das weiterhin gerne.

Sie wollen keine wissenschaftliche Auseinandersetzung, was halten Sie aber den Vorwürfen entgegen? Einer davon lautet, Ihre Thesen seien unwissenschaftlich.
Ich will das gar nicht widerlegen. Ich bin tatsächlich der Praktiker. Ich kann den wissenschaftlichen Untersuchungen Zigtausende Einzelgespräche mit Kindern entgegensetzen und tausende von Stunden, die ich im Lernatelier begleitet habe. Diese Erfahrung ist das, was ich weitergeben kann. Wenn es jetzt heißt, Individualisierung nutzt gar nichts, muss ich sagen, das ist nicht unser Thema. Unser Thema ist Zielorientierung, Leistungsanspruch und eine entspannte Lernatmosphäre.

Es wird kritisiert, die Hälfte Ihrer Absolventen scheiterten beim Abitur. Stimmt das?
Nein. Unsere Kinder machen eine externe Prüfung. Diese eidgenössische Matura kann man in zwei Teilen machen. Man kann die Teile, die man nicht auf Anhieb geschafft hat, einmal wiederholen. Dabei haben alle unsere Absolventen bestanden. Dieser Vorwurf ist deshalb falsch.

Scheuen Sie die politische Auseinandersetzung über ihre Reformidee?
Die CDU behauptet in einer Landtagsanfrage, dass „Unterrichtskonzepte selbst ernannter Schulreformer und Neudenker . . .  in der aktuellen Bildungsforschung schlicht durchfallen“. Damit bin ich gemeint. Ich bin bald 65 Jahre alt, und nehme mir die Freiheit, die Dinge zu tun, von denen ich denke, wirklich etwas bewirken zu können. Ich konzentriere meine Kräfte lieber auf eine Schule, in der ich unmittelbar mit Eltern und Kindern arbeite. Dass diese Konzepte in der Bildungsforschung durchfallen, trifft nicht zu.