Interview zum Fall Mollath „Es ist sinnvoll, die Regeln zu modifizieren“

Gustl Mollath  nach seiner Freilassung. Er kommt zunächst bei einem Freund unter. Foto: dpa
Gustl Mollath nach seiner Freilassung. Er kommt zunächst bei einem Freund unter. Foto: dpa

Der Psychiater Henning Saß sieht nicht erst nach dem Fall Gustl Mollath Reformbedarf im Bereich des Maßregelvollzuges.

Politik/ Baden-Württemberg: Christian Gottschalk (cgo)
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Stuttgart - Der Psychiater Henning Saß sieht nicht erst nach dem Fall Gustl Mollath Reformbedarf im Bereich des Maßregelvollzuges. Psychisch Kranke begehen weniger Straftaten als Gesunde, sagt der Psychiater. Er warnt davor, Patienten und die Psychiatrie zu stigmatisieren.

Herr Saß, wie viele psychiatrische Gutachten haben Sie mit der Fragestellung erstellt, ob jemand in eine Klinik eingewiesen werden muss?
Solche Gutachten werden entweder im Strafverfahren erstattet, wenn es um die Anordnung einer Unterbringung geht, oder wenn es darum geht, ob eine Unterbringung weiter bestehen bleiben soll. Von beiden habe ich in 30 Jahren Gutachtertätigkeit sicher einige hundert gemacht.
Wie begutachtet man einen Menschen?
Wesentliches Mittel ist ein langes Gespräch mit dem Probanden, dabei wird die Lebensgeschichte erörtert, die zu den vorgeworfenen Tatumständen geführt hat. Man untersucht durchschnittlich ein bis drei Tage, insgesamt fünf bis 20 Stunden. Es gibt da einfachere und kompliziertere Fälle. Zusätzlich hat man Akten zur Verfügung.
Nun gibt es Menschen wie Herrn Mollath oder Frau Zschäpe, die nicht sprechen wollen. Was dann?
Das ist aus Sicht des Gutachters ungünstig, weil die Beurteilungsbasis geschmälert wird. Aus Sicht des Probanden ist es sein gutes Recht. Man ist dann auf Fremdinformationen angewiesen.
Ist man sich als Gutachter seiner Sache immer 100 Prozent sicher?
Nein, natürlich nicht. Es ist außerordentlich wichtig, dass man den Grad der Sicherheit, die man zu besitzen meint, bei der Besprechung des Gutachtens deutlich macht. Es gibt den Fachausdruck „non liquet“, es reicht nicht. Dann muss man sagen, dass man die gestellte Frage nicht beantworten kann, weil die Beurteilungsgrundlage nicht ausreicht.



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