Vom 14. bis 28. März wird der Deutsche Musikwettbewerb ausgetragen. Erstmals findet er in Stuttgart statt. Der Trompeter Reinhold Friedrich erklärt, warum der Wettbewerb wichtig ist – und warum er der beste der Welt ist.
11.03.2013 - 14:03 Uhr
Herr Friedrich, kürzlich ist der Pianist Van Cliburn gestorben, der 1958 als 23-Jähriger in Moskau den Tschaikowski-Wettbewerb gewann. Seine anschließende Karriere war enorm, aber kurz und fast tragisch. Hätte er sich vielleicht anders entwickelt ohne diesen spektakulären Wettbewerbserfolg?
Vorab: ich habe Van Cliburn kennen gelernt, so um 1976, als ich im Orchester gewesen bin, und habe mit ihm gespielt, das dritte Klavierkonzert von Rachmaninow, glaube ich. Das war für mich als junger Kerl sehr beeindruckend. Was seinen Fall betrifft, ist das jetzt spekulativ und eher eine generelle Frage . . .
Gut, warum braucht es Wettbewerbe?
Ich bin grundsätzlich für Wettbewerbe, weil man sich in der Reibung solch eines Prozesses profiliert. Man soll nicht erwarten, dass der Wettbewerb etwas für mich tut, sondern ich tue mir etwas Gutes, indem ich daran teilnehme. Und im Übrigen, in der Musik haben Sie eigentlich immer eine Art Wettbewerb: in der Klasse an der Hochschule, dann die Probespiele, um eine Stelle im Orchester, in der Musikschule oder eine Professur zu bekommen. Wenn man als Musiker mit Wettbewerb ein Problem hat, dann muss man entweder sofort den Beruf wechseln oder genial sein wie Anne-Sophie Mutter. Mit der habe ich bei „Jugend musiziert“ mitgemacht und bei der war schon mit acht Jahren klar: Die braucht keine großen Wettbewerbe.
Es geht also auch ohne.
Dem Trompeter Sergei Nakarjakow hat seine Plattenfirma geraten, nicht an Wettbewerben teilzunehmen, denn wenn man nicht den ersten Preis macht, schadet man der Karriere. Das war richtig, weilNakarjakow ein Spezialist ist und eventuell für manche Wettbewerbe nicht kompatibel war, weil er kaum Alte und Neue Musik spielt. Trotzdem hat er Karriere gemacht. Gegenbeispiel: der Pianist Bernd Glemser hat hintereinander zig Wettbewerbe gewonnen. Trotzdem hat er sich in Interviews beklagt, dass er von der Musikindustrie nicht so beachtet worden ist, obwohl er so viel gezeigt hat, wie die Siege bewiesen. Mir selbst haben Wettbewerbe für die Karriere sehr wenig gebracht. Ich wurde beim ARD-Wettbewerb nicht erster Preisträger, sondern zweiter.
Musik ist schwer messbar, vieles bleibt subjektiv. Liegt darin nicht ein Frustrationsmoment: bei Teilnehmern und Jurys?
Verschiedenen Geschmack können Sie nicht ausschließen. Es gibt in der Musik verschiedene Schulen. Da kommt es in der Jury vor, dass der eine das Spiel eines Kandidaten unglaublich toll, genial findet, für den anderen ist es absolut indiskutabel, zum Davonlaufen – und beide sind sehr renommierte Fachleute. Ich habe das vor einem Jahr bei einem Kammermusikwettbewerb in Osaka erlebt. Es gab zwei Jurys, eine für Bläser und eine für Streichquartett. Bei den Streichern hat sich eine richtige Polarisierung ergeben: Westeuropa gegen USA. Die Juroren haben sich derart gestritten, dass sie keinen ersten Preis vergeben haben. Wir in der Bläserjury haben in geheimer Abstimmung alle drei Preise einstimmig vergeben.
Was unterscheidet den Deutschen Musikwettbewerb von anderen Wettbewerben?
Das ist einfach der am besten aufgestellte Wettbewerb der Welt. Punkt.
Aha!?
Weil beinahe jedes Künstlerprofil in ihm vertreten ist, also alle Instrumente, viel mehr als bei anderen Wettbewerben. Und dann gibt es die Spezialwertungen von Ensembles für zeitgenössische Musik, für alte Musik, für freie Besetzungen oder beispielsweise für Begleiter, die genauso gewichtet werden wie Solisten. Es ist unsinnig, dass die Klavierprofessoren deutscher Musikhochschulen ihren Unterricht so ausrichten, als ob alle ihre zwanzig Studenten eine große Solokarriere vor sich haben – wider besseres Wissen. Der Deutsche Musikwettbewerb setzt da eben einen Anreiz für Pianisten, etwa als Liedbegleiter.
Wie fördern Sie die jungen Musiker?
Neben dem Preis gibt es eine Nachförderung, zum Beispiel die Produktion einer CD, die der Musiker auch konkret mitgestalten kann. Aber wir überlegen inzwischen, wie man auch anders helfen kann, da die CD im Zeitalter des Downloads nicht mehr so relevant ist: also mit einer Webseite etwa. Und schließlich fördern wir weitere Konzerte für die Künstler. Das alles macht diesen Wettbewerb so einmalig.
Warum geht man jetzt, nach vielen Jahren in Berlin, nach Stuttgart?
Wir gingen in der öffentlichen Wahrnehmung eine bisschen unter bei der Vielzahl der musikalischen Veranstaltungen. Und die Unterstützung war nicht optimal. Es ist sinnvoller, in eine Stadt zu gehen, die den Wettbewerb will – und sich dann auch anstrengt. Wir werden jetzt den Austragungsort des Deutschen Musikwettbewerbs wie die Olympischen Spiele anbieten, aber umsonst bekommt man uns nicht, die Städte müssen sich schon anstrengen.
Die Hochschulen haben heute einen Ausländeranteil von mindesten vierzig, meistens mehr Prozent. Steht es schlecht um den deutschen Nachwuchs?
Generell nicht, aber die Bedingungenhaben sich verschärft, etwa durch G8. Zum Teil ist die Musikausbildung hierzulande ganz toll, aber nicht jede Musikschule ist exzellent, ich merke das als Hochschullehrer. Es gibt ganz starke Musikländer: natürlich Korea, Japan sowie China, wo sehr in die Infrastruktur der Hochschulen investiert wird. Vor einigen Jahren gehörte dazu Ungarn, jüngst Spanien, das in den vergangenen zwanzig Jahren eine hervorragende Musikausbildung hingestellt hat mit einem entsprechenden Umfeld, Orchestern und Konzertsälen, und dadurch Talente eingefangen hat. Das droht nun durch die wirtschaftliche Lage zu implodieren. In Frankreich dagegen ist leider die Hochzeit der Conservatoires vorbei. Die Menschen sind überall die gleichen – Talent gibt es überall: Es liegt letztlich an der Förderung. Ich war in einem Musikgymnasium, gegründet von dem kürzlich gestorbenen Paul Wehrle, einem hochverdienstvollen Mann, er war der erste Präsident des Landesmusikrates Baden-Württemberg. Ihm verdanke ich, was ich heute bin.