Interview zum nationalen Bildungsbericht „Noch riesige Baustellen“

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Deutschland gebe zu wenig Geld für Bildung aus und durch G 8 leide womöglich die Qualität des Abiturs, klagt Heinz-Peter Meidinger. Er ist Vorsitzender des Philologenverbandes.

Die deutschen Schüler haben die wenigsten Unterrichtsstunden bis zum Abi. Foto: dpa
Die deutschen Schüler haben die wenigsten Unterrichtsstunden bis zum Abi. Foto: dpa

Herr Meidinger, mehr Abiturienten, weniger Schulabbrecher – sieht so die von der Kanzlerin propagierte Bildungsrepublik. aus?
Die Bildungsrepublik ist noch nicht ausgebrochen. Es gibt zwar Fortschritte, man darf aber Quantität nicht mit Qualität verwechseln. Eine gestiegene Zahl von Abiturienten sagt nichts darüber aus, ob diese Schulabgänger ein Studium bewältigen können. Und da gibt es Besorgnis erregende Trends. In einigen technischen Bachelorstudiengängen und in einigen geisteswissenschaftlichen Fächern steigt die Abbrecherquote.

Die Qualität des Abiturs sinkt, wie Unis beklagen?
Die Unis haben immer schon über die Schulabgänger geklagt. Dennoch müssen wir manche Entwicklungen ernst nehmen. Es gibt aus Bayern und Niedersachsen, wo der doppelte Abiturjahrgang durch ist, Anzeichen dafür, dass das achtjährige Gymnasium das Niveau besonders in den Kernfächern, Mathe, Deutsch und den Fremdsprachen nicht immer halten konnte.

G 8 wird ja wieder zurückgefahren.
Mittlerweile haben fünf Bundesländer G 9 wieder zugelassen. G 8 erfordert einen Ganztagsbetrieb. Daran aber hakt es oft. So sind Unterrichtsstunden weggefallen. Die deutschen Schüler haben aber international gesehen ohnehin mit die wenigsten Stunden bis zum Abitur. Hier sind es 9500 im Durchschnitt der OECD etwa 11 000 Stunden. Ich bin persönlich durchaus dafür, den Schulen die Freiheit zu geben, das Abitur in acht- oder in neunjähriger Form zu organisieren.

Werden damit die Mobilitätshindernisse für die Familien nicht noch größer?
Es ist in der Tat eine große Herausforderung die Koordination, Vergleichbarkeit und Mobilität zu verbessern. Das Gymnasium steht dabei aber nicht im Zentrum, sondern die unterschiedliche Schulstruktur in den Ländern. Manche haben Hauptschulen, andere nicht, manche Förderschulen, andere nicht. Es gibt unterschiedliche Lehrpläne. Ich hoffe, dass die Bildungsstandards mehr Vergleichbarkeit bringen. Wir brauchen auch eine stärkere Abstimmung der Lehramtsprüfungen.

Braucht der Bund mehr Kompetenzen?
Das könnte zu einer Standardisierung auf dem niedrigsten Niveau führen. Wir sollten lieber das bisherige System positiv weiter entwickeln.

Wo sehen Sie insgesamt das größte Defizit?
Deutlich wird in dem Bericht die Unterfinanzierung der Bildung. Wir liegen unter dem OECD-Schnitt. Das ist für ein reiches Land nicht hinnehmbar.

Können wir uns da das Betreuungsgeld leisten?
Da maße ich mir keine Stellungnahme an. Klar ist: es gibt riesige Baustellen im deutschen Bildungssystem. Wir müssen uns stärker um die 20 Prozent Risikoschüler kümmern, brauchen mehr Ganztagsschulen, mehr Inklusion und tun auch in der frühkindlichen Bildung noch längst nicht das Nötige. So bräuchte man eigentlich bundesweite Sprachstandstests für die Jüngsten. Alles gleichzeitig finanzieren zu wollen, ist illusorisch. Mir wird dann immer bange, wenn noch ein neues Großprojekt hinzukommt.