Frau Altstötter-Gleich, warum hecheln heute so viele Mütter einer Bilderbuchfamilie hinterher, statt zuzugeben, dass ein Leben mit Kindern viel mit Chaos und Scheitern zu tun hat?
Wer eine Familie gründet, wird von einem Tag auf den anderen zum hauptverantwortlichen Chef dieses Unternehmens. Anders als im Berufsleben gibt es hier aber keine klar definierten Aufgaben und Ziele. Man hat die meisten Fähigkeiten, die man als Eltern braucht, ja noch nicht einmal gelernt. Trotzdem möchten wir vom ersten Tag an möglichst alles richtig machen – auch weil viele Eltern heute nur noch ein, zwei Kinder haben.
Und dann geht jede Menge schief . . .
Natürlich! Auch, weil man als Eltern in vielen Situationen sofort und unvorbereitet handeln muss. Man kann ja nicht erst unzählige Erziehungsratgeber lesen, wenn ein Kind schreit. Also probiert man eben aus, wie es sich beruhigen lässt. Manches funktioniert, anderes nicht. Und das ist auch gut so, denn wir lernen nur über Fehler. Kinder machen uns das vor: Sie müssen umfallen, um laufen zu lernen. Nur so merken sie, wann ihr Körper im Gleichgewicht ist. Wir sollten alle mehr aus unseren Fehlern lernen, statt unter ihnen zu leiden.
Aber Fehler passen eben nicht zur perfekten Bilderbuchfamilie, die vielen jungen Eltern heute vorschwebt. Woher kommt dieser Anspruch?
Ich denke, die Ansprüche erwachsen aus der Vielzahl an Möglichkeiten, die wir heute haben. Früher konnte man sein Kind nicht bei der Tagesmutter oder in der Krippe lassen, also hatte man es eben selbst zu betreuen. Heute gibt es viele verschiedene Betreuungsmöglichkeiten. Mit der Entscheidung für eine der Alternativen gehe ich aber auch das Risiko ein, eine falsche Wahl zu treffen. Und schon sind wir wieder bei den Fehlern, die wir nicht so gern machen wollen.
Die ausgebaute Kinderbetreuung hat dafür gesorgt, dass beide Eltern berufstätig sein können.
Zunächst einmal ist Perfektionismus ja nicht grundsätzlich etwas Schlechtes. Wenn wir uns anspruchsvolle Ziele setzen und diese erfüllen, bekommen wir dafür beispielsweise mehr Anerkennung oder mehr Geld. Auch wissen wir aus Studien, dass die Doppelbelastung aus Familie und Beruf meist nicht für mehr Stress sorgt, sondern dass sich die Stressoren aus den unterschiedlichen Bereichen sogar aufheben. Ein Beispiel: Wertschätzung für erledigte Aufgaben gibt es eher im Beruf als fürs Putzen und Waschen zu Hause. Emotionen zeigen und sich einfach mal fallen lassen kann man dagegen eher zu Hause. Problematisch wird es, wenn man sich für beide Bereiche zu viel vornimmt, seine eigenen Ziele nicht erreicht und seine Schwächen nicht zugeben kann.
Dann wird jede Menge Energie dafür verwendet, zumindest den Schein des Familien-Idylls zu wahren . . .
Und diese perfektionistische Selbstdarstellung ist sehr gefährlich! Statt das Problem zu lösen und sich beispielsweise zu überlegen, wie man seinen Haushalt dauerhaft in den Griff bekommt, wird nur panikartig alles in die Schränke gestopft, wenn sich die Schwiegermutter anmeldet. Hilfe von außen – also etwa von einer Putzfrau – kann ich mir auch nicht holen, solange ich das Problem nur vertusche. Und obendrein macht die perfektionistische Selbstdarstellung unzufrieden. Denn es geht dabei ja nicht darum, meinen eigenen Ansprüchen gerecht zu werden, sondern um die vermeintlichen oder tatsächlichen Ansprüche anderer.
Wie entgeht man dieser perfektionistischen Selbstdarstellung?
Indem man sich eigene Ziele setzt. Was möchte ich beruflich erreichen? Was für eine Mutter möchte ich sein? Wie soll mein Kind einschlafen? Das schützt vor den Außen-Erwartungen. Und diese Ziele müssen möglichst konkret definiert sein.
Seit Jahren steigt die Zahl der Mütter, die unter krankhaften Erschöpfungssymptomen leiden. Hängt das auch mit zu vielen unerreichbaren Zielen zusammen?
Je mehr ich mir vornehme, umso weniger Zeit bleibt mir zur Erholung übrig. Sind die Ziele zudem schwammig, erreicht man sie schwerer. Das führt zu Druck und Überforderung. Ein konkret zu definierendes Ziel für Mütter sollte auf jeden Fall auch sein: Wie kann ich mich am besten entspannen? Und wann plane ich die Zeit dafür ein?
In den Statistiken geht es fast ausschließlich um erschöpfte Mütter, weshalb wir bisher auch gar nicht über die Väter gesprochen haben. Haben Männer einen gesünderen Umgang mit Perfektionismus?
Nein, Frauen sind nicht perfektionistischer als Männer. Aber Erziehungsarbeit ist nach wie vor eher Müttersache, weshalb die Gesellschaft Mütter auch eher für das Verhalten ihrer Kinder verantwortlich macht. Das sorgt wiederum für den Druck, alles richtig machen zu wollen – und deshalb tappen Mütter eher in die Perfektionismus-Falle als Väter.
Sind uns perfekte Menschen eigentlich sympathisch?
Nein, im Gegenteil. Eigentlich mögen wir die Menschen lieber, die auch mal Fehler machen. Und sie leben übrigens sogar glücklicher und zufriedener als Perfektionisten.