Herr Porth, Daimler will bald mit dem Impfen der Beschäftigten beginnen. Wie groß ist das Interesse?
Das Interesse ist sehr groß. Es haben sich bereits 58 000 Beschäftigte registrieren lassen. Das ist bereits mehr als die Hälfte derer, die wir angeschrieben haben. Wir wissen natürlich nicht, wie viele unserer Mitarbeiter bereits außerhalb von Daimler eine Impfung erhalten haben.
Es hieß zuletzt, dass die Betriebe spätestens am 7. Juni mit den Impfungen beginnen können. Gilt das auch für Sie?
Das konkrete Startdatum kenne ich selbst noch nicht. Wir sind auf jeden Fall startklar. Wir haben an allen deutschen Standorten Impfstraßen aufgebaut und könnten sofort mehr als 3000 Beschäftigte pro Tag impfen.
Wissen Sie denn, welchen Impfstoff Sie bekommen?
Nein, das wissen wir nicht, und das macht die Organisation noch komplexer. Mit manchen Impfstoffen können wir die ganze Belegschaft impfen, andere wie Astrazeneca nur, wenn der Beschäftigte sich explizit für diesen Impfstoff entscheidet. In der Regel werden zwei Impfungen benötigt, bei Johnson & Johnson hingegen genügt eine Impfung. Die Planung ist dadurch sehr komplex.
Wie funktioniert die Abrechnung des Impfstoffes?
Das ist einer von vielen Punkten, die politisch noch nicht final geklärt sind. Uns ist jetzt in erster Linie wichtig, dass wir den Impfstoff bekommen und dass wir unseren Beschäftigten ein Angebot machen können. Erst dann schauen wir, wie das am Ende abgerechnet wird. Problematisch finde ich, dass es uns als einer der führenden Industrienationen nicht gelungen ist, eine einheitliche digitale Dokumentation für geimpfte und genesene Beschäftigte zu etablieren, obwohl wir mehr als ein Jahr Zeit hatten, uns darauf vorzubereiten.
Was bedeutet das in der Praxis?
Ich beispielsweise hatte Corona und gelte als Genesener. Jetzt muss ich zwei Dokumente mit mir herumtragen. Eines zum Beleg, dass ich erkrankt war, weil ich dann nur noch eine Impfung bekomme, und eines, um zu dokumentieren, dass ich wieder genesen bin. In der betrieblichen Praxis kommt erschwerend hinzu, dass wir als Arbeitgeber aus Datenschutzgründen gar nicht dokumentieren dürfen, wer geimpft ist und wer nicht. Wir haben keinerlei Kenntnisse darüber, ob diejenigen Kolleginnen und Kollegen, die keinen Termin bei uns gemacht haben, außerhalb von Daimler geimpft wurden oder ob sie sich schlichtweg nicht impfen lassen können oder möchten. Auf dieser Grundlage ist es kaum möglich, Lockerungen bei den Hygienevorschriften zu planen.
Was wäre Ihr Vorschlag zur Verbesserung?
Bremen beispielsweise hat die Menschen dazu verpflichtet, dass sie Tests, die Unternehmen an die Mitarbeiter ausgeben, auch nutzen. Das halte ich für psychologisch wichtig, um den Menschen klarzumachen, dass in der Pandemie jeder Einzelne eine gesellschaftliche Verantwortung trägt.
Das heißt, Sie wären dafür, dass nur noch geimpfte Menschen an den Arbeitsplatz kommen dürfen?
Ich bin dafür, dass Transparenz darüber geschaffen wird, wie der Impfstatus jedes Einzelnen ist. Die Menschen, die miteinander in einem Team arbeiten, sollten die Chance haben, das Infektionsrisiko in der Gruppe realistisch einschätzen zu können.
Welche Rolle spielt die Industrie bei der Verbreitung des Virus. Im Großraum Stuttgart sind die Inzidenzen hoch, und manche vermuten, dass auch die hohe Industriedichte Anteil daran hat.
Unsere Daten belegen nicht, dass wir mehr belastet sind als unser Umfeld. Im Gegenteil: Wir haben wenige Fälle, und die Auswertung unserer Daten zeigt, dass mehr als 90 Prozent der Infektionen außerhalb der Werkstore stattfinden. Die Fallzahlen an unseren Standorten liegen in der Regel unterhalb des Landkreises, in dem sie sich befinden.
Es gab immer wieder Kritik auch von Beschäftigten, die gesagt haben, dass der Konzern die Einhaltung der Regeln im Betrieb zu wenig kontrolliert und sanktioniert. Greifen Sie nun härter durch?
Wir haben umfassende Maßnahmen zum Infektionsschutz und gehen diesen auch nach. Es gibt durchaus auch Ermahnungen und Abmahnungen. Kritisch sind vor allem Situationen, in denen Gruppen zusammenstehen, etwa in der Pause oder beim gemeinsamen Rauchen. Wenn es Hinweise gibt über Verstöße gegen die Corona-Schutzmaßnahmen in einzelnen Bereichen, gehen wir auch diesen nach.
Daimler befindet sich in einem epochalen Transformationsprozess. In diesem Zusammenhang will der Konzern auch bis zu 20 000 Stellen abbauen, wobei Sie auf betriebsbedingte Kündigungen verzichten wollen. Wie viel unterschriebene Verträge über Frühpensionierung, Altersteilzeit und freiwillige Ausscheidungen liegen denn inzwischen vor?
Wir liegen im Rahmen unserer Erwartungen. Die Programme laufen bis Ende 2022, bis dahin wollen wir das Einsparvolumen erreichen. 2019 hatten wir rund 174 000 Mitarbeiter in Deutschland, 2020 sind es nur noch rund 166 500 Beschäftigte. Wir sind da auf dem richtigen Weg.
Die Planungen sehen auch einen Abbau von rund 15 Prozent der Führungskräfte vor. Viel Unmut erzeugt dabei das interne Jobforum, bei dem Führungskräften, deren Stelle weggefallen ist und die keine Abfindung annehmen wollen, ein neuer Job vermittelt werden soll. Die Führungskräfte sehen dieses Forum aber als ein Instrument, das sie aussortieren und zum Ausstieg motivieren soll. Werden Sie das Forum anpassen?
Dazu sehe ich keinerlei Veranlassung, bei uns wird niemand aussortiert. Das Jobforum ist eine gemeinsam mit dem Betriebsrat initiierte Plattform – nicht nur für Führungskräfte. Sie ist auch nicht neu, sondern bereits ein bewährtes Instrument bei den Trucks. Es ist auch nicht so, dass das Jobforum bei einer überwiegenden Zahl der Teilnehmer zu Unmut führt, das sind eher Einzelfälle. In Summe sind nur 0,2 Prozent unserer Mitarbeiter im Jobforum. Und dass das Jobforum die Mitarbeiter zum Ausstieg motivieren soll, ist auch nicht richtig. Im Gegenteil: Es konnte bereits zahlreichen Führungskräften und Mitarbeitern mit diesem Instrument eine neue Beschäftigung im Konzern vermittelt werden.
Im Zuge der Elektrostrategie will Daimler bis 2025 zudem einen Großteil seiner Beschäftigten umschulen. Wie viele Menschen haben bisher eine Schulung im Bereich Elektromobilität absolviert?
Allein in den vergangenen beiden Jahren haben wir in Deutschland rund 69 000 Beschäftigte zu Themen rund um die Elektromobilität qualifiziert. Bis 2025 werden wir weitere rund 130 000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dazu schulen. Insgesamt haben wir damit rund 200 000 Teilnehmer an Qualifizierungsmaßnahmen zur Elektromobilität – allein in unseren deutschen Werken.
Viele der Transformationsprojekte werden Sie nicht zu Ende bringen. Sie scheiden 2022 aus. Ist das schmerzlich?
Ich habe in meinem Berufsleben so viele Führungskräfte in dieser Lebensphase begleitet. Jetzt bin ich bald dran mit dem Ruhestand. Es ist völlig normal, dass man nicht alles zu Ende bringen kann. Das ist der natürliche Lauf der Dinge.
Sie gehen im Moment ja immer dahin, wo es ungemütlich ist . . .
. . . sagen wir: spannend.
Sind Sie gerne Krisenmanager?
Ich bin jemand, der gerne etwas bewegt.
Auch beim VfB? Streben Sie an, nach Ihrem Ausscheiden bei Daimler Mitglied des Aufsichtsrats zu bleiben?
Das hängt vom Ausgang der Präsidentenwahl ab.
Sie wollen also nur im Aufsichtsrat bleiben, wenn der gegenwärtige Präsident Claus Vogt abgewählt wird und der Kandidat Pierre-Enric Steiger gewinnt?
Ich kenne Herrn Steiger nicht, aber meine kritische Haltung zu Herrn Vogt ist bekannt. Und es gibt keinen Grund, diese zu ändern.
Und Sie würden dann den Sitz für Daimler einnehmen?
Daimler hat als Investor zwei Plätze im Aufsichtsrat. Ein Platz ist geknüpft an eine aktive Rolle im Management; für den zweiten Platz muss das nicht gelten. Den ersten Platz würde Franz Reiner als Chef der Daimler Mobility AG behalten.
Und Sie würden auch Ihren Platz behalten, selbst wenn Sie bei Daimler ausscheiden?
Ja, das ist – unter den genannten Voraussetzungen – mit dem Unternehmen so besprochen.