InterviewInterview zum Thema Doping "Bei Kopfschmerztabletten haben da manche schon ein schlechtes Gewissen"

Sport: Tobias Schall (tos)
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Einerseits der Druck, andererseits die reine Lehre - ist das ein schwerer Spagat?

 

Ja, das ist er. Ein Beispiel: wir wurden für die hohen Normen kritisiert. Man muss dazu wissen, dass die Vorgaben vom Weltverband kommen und der DLV die Normen an das Kriterium "Endkampfchance", das im gesamten deutschen Sport gilt, anpasst. Wir können davon ausgehen, dass unter den Top Ten in den Disziplinen manipulierte Leistungen sind. Dadurch wird der Schnitt nach oben gedrückt und über die Norm der saubere Athlet bestraft, weil er möglicherweise an ihr scheitert. Aber wir stehen dazu, weil wir sicher sind, dass unsere Athleten es schaffen können. Das erfordert allerdings eine präzise Trainings- und Saisonplanung und vom DLV andere Entscheidungen.

Zum Beispiel?

Eine Konsequenz ist, dass wir nicht zu jedem Zeitpunkt Meisterschaften veranstalten können, wo das Fernsehen gerade Zeit hat. Sie müssen in die Periodisierung passen. Ich kann einen Sprinter nicht jeden Samstag laufen lassen und Topleistungen erwarten. Saubere Spitzenleistungen sind in der Leichtathletik ein seltenes Ereignis.

Sie sprachen davon, dass ein Athlet in der Saison auch Trainingsphasen benötigt, wobei Topsprinter regelmäßig schnell laufen.

Das trifft nicht für alle zu. Über die "Vielstarter" kann ich nur sagen: Schaut sie an, wenn sie ins Ziel laufen. Wenn ein 400-Meter-Mann über Wochen zwischen 44 und 45 Sekunden läuft und im Ziel ohne Atemnot weiter joggt, weiß ich doch, was los ist.

Wie motiviert man einen Athleten in einem eventuell ungleichen Duell?

Wir sprechen mit unseren Athleten viel darüber. Sie stehen hinter uns. Gerade die Jungen sind sehr idealistisch. Bei Kopfschmerztabletten haben da manche schon ein schlechtes Gewissen.

Aber wenn sie regelmäßig unterliegen?

Man kann ohne Manipulation vorne sein. Das ist anstrengend, es erfordert von den Athleten Mut, Selbstdisziplin und Beharrlichkeit - aber es ist der einzige Weg. Ich habe vor einiger Zeit mit einem unserer Wurftrainer gesprochen und ihn gefragt, wie er die Entwicklung sieht. Er meinte, solange wir qualitativ auf diesem hohen Niveau trainieren, habe er keine Angst. Andere versuchen es über den einfachen Weg der Manipulation. Schwer wird es, so sagte er, wenn andere so gut trainieren wie wir und manipulieren. Was uns in die Karten spielt, ist, dass die IAAF endlich mit umfassenden Blutkontrollen Ernst macht.

Macht man es sich nicht zu einfach? Gerade der deutsche Sport hat mit die größten Dopingskandale ausgelöst - und der DLV ist just dort erfolgreich, wo mit Doping vergleichsweise leicht Erfolg zu erzielen ist.

Unsere Erfolge im Wurf haben nichts mit Doping zu tun. Sie sind das Ergebnis guter Konzepte, guter Trainer und einer herausragenden biomechanischen Betreuung. Im Laufbereich ist das anders. Es gibt leider nur vereinzelt Gruppen, in denen nach den aktuellen Erkenntnissen der Trainingslehre trainiert wird. Wir sind dabei, dieses Wissen den Trainern anzubieten.

Trotzdem: gerade Deutschland hat eine gewaltige Dopingtradition.

Man muss das Dopingproblem in der Leichathletik auch aus der Zeit sehen. Ich habe erstmals den Begriff Anabolika in einer Mannschaftsbesprechung bei einem Länderkampf 1970 gehört. Der damalige DLV-Präsident Kirsch sagte: "Ihr wisst ja, ab nächstem Jahr gibt es Anabolikakontrollen. Ihr müsst euch darauf einrichten. Die Einzelheiten erzählt euch gleich der Joseph Keul" - damals Mannschaftsarzt. Der hat dann erklärt, dass man Anabolika zwei Wochen vor dem Wettkampf absetzen müsse, damit nichts passiert. Wenn man noch Fragen habe, möge man sich an ihn wenden. So war das damals. In dieser Zeit hat das um sich gegriffen.

Es gab kein Unrechtsbewusstsein, man hielt es für ein Kavaliersdelikt. Später hatte man das Gefühl, es wird politisch gefördert. Die Ansicht war ja, dass man unseren Athleten nicht vorenthalten darf, was der Osten seinen Sportlern gibt. So wurde von ganz oben allen Beteiligten auf den unteren Ebenen das Gewissen erleichtert. Im Westen wie im Osten das gleiche Prinzip. Es gab zu meiner Zeit innere Zirkel. Wer nichts nahm, gehörte nicht dazu. Wer nicht dopte, dem wurde vorgeworfen, er sei in seinem Sport nicht konsequent. Heute sollte jedem klar sein, dass Doping den Sport zerstört.

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