Titelteam Stuttgarter Zeitung: Armin Käfer (kä)

Was werfen Sie dem Parlament vor?
Der Beschluss vom 19. Juli war unüberlegt und übereilt. Man hat sich darauf fixiert, dass man Beschneidungen irgendwie ermöglichen muss – aber alle Probleme ignoriert, die sich daraus ergeben.

Was raten Sie?
Auf jeden Fall verbieten muss der Gesetzgeber Beschneidungen ohne Anästhesie. Sie ist barbarisch. Eigentlich müsste sie unter Vollnarkose geschehen. Bei Neugeborenen ist das aber viel zu gefährlich und nur bei medizinisch zwingenden Eingriffen angezeigt. Andere Narkosetechniken lassen aber Wirkungslücken. Daher werden wohl auch in Zukunft Neugeborene mit der Beschneidung furchtbar gequält. Schon die Narkose erscheint gläubigen Juden als Zumutung. Man müsste aber außerdem verbieten, dass Beschneidungen künftig weiter von Mohelim und im privaten Rahmen durchgeführt werden. Eigentlich sollten das nur Ärzte in der Klinik machen dürfen.

Was spricht dagegen, Beschneidungen als Ausnahmefall zu definieren?
Es handelt sich in der Sache letztlich um ein jüdisch-muslimisches Sonderrecht. Und das ist, wie gesagt, ein Sündenfall des Rechtsstaates. In dieses Horn werden wohl leider die schäbigsten Subjekte hierzulande tuten: Antisemiten, die es bei uns ja auch gibt.

Andererseits ist das Verbot der Beschneidung zentral für die Geschichte des Antisemitismus. Irritiert sie das?
Natürlich. Aber man staunt ja ein bisschen, dass die Beschneidung für Juden unverhandelbar sein soll. Es gibt doch viele andere biblische Vorschriften, die nicht mehr beachtet werden. Man möchte sagen: Ihr habt eurem Gott schon eine ganze Menge abgehandelt. Warum nicht auch den blutigen Eingriff selber ersetzen durch einen symbolischen Akt und ihn später der eigenen Entscheidung des Heranwachsenden überlassen? Dieses Ansinnen ist wohl auch deshalb schwierig, weil die Polemik gegen Beschneidungen seit dem Apostel Paulus ein antijüdischer Topos war. Das verschafft einem großes Unbehagen. Aber gänzlich von Zumutungen verschonen kann der Gesetzgeber hier Juden und Muslime nicht.

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