Interview zur Pisa-Debatte „Der Unterricht ist zu wenig praxisorientiert“

Von Michael Haas 

Die Pisa-Ergebnisse decken sich mit der Einschätzung der Wirtschaft. 20 Prozent der Schüler laufen hinterher, behauptet die DIHK-Expertin Berit Heintz.

Der Pisa-Test zeigt: deutsche Schüler sind in puncto Kreativität nur Mittelmaß. Foto: dpa
Der Pisa-Test zeigt: deutsche Schüler sind in puncto Kreativität nur Mittelmaß. Foto: dpa
Die Bildungsexpertin Berit Heintz kritisiert, dass der Schulunterricht zu wenig alltagsnah ist. Dies habe sich auch in den jüngsten Pisa-Ergebnissen bestätigt. Heintz leitet das Referat Schulpolitik beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Die 45-Jährige ist vom Fach und hat selbst ein Diplomlehrer­studium absolviert. Die Wirtschaft hatte in den vergangenen Jahren immer wieder die mangelnde Ausbildungsfähigkeit der Schulabgänger kritisiert.
Frau Heintz, hat es Sie überrascht, dass Schüler beim Lösen unerwarteter Probleme international im oberen Mittelfeld liegen?
Nein, wir sind nicht überrascht. Das hat sich schon bei der Einzelfach-Auswertung der Pisa-Studie angekündigt. Da waren die deutschen Schüler in Mathematik und den Naturwissenschaften ja auch ganz gut dabei, und die Leistungen haben sich im internationalen Vergleich verbessert.
Die Alltagstauglichkeit liegt aber unter dem, was angesichts der Pisa-Ergebnisse in diesen Fächern erwartet werden konnte.
Wir setzen die Problemlösefähigkeiten in der Ausbildung nicht ins Verhältnis zu irgendwelchen schulischen Leistungen – das ist auch gar nicht möglich. Aber in einer früheren Pisa-Studie schnitten die deutschen Schüler im Problemlösen besser ab, als die Kompetenzen in den Fächern es hätten erwarten lassen. Insofern hat uns das leicht unterdurchschnittliche Abschneiden diesmal schon ein bisschen überrascht. Es korrespondiert aber mit unserem Eindruck, dass der Schulunterricht zu wenig alltagsnah und praxisorientiert ist. Gerade im naturwissenschaftlichen Bereich wird zu wenig experimentiert, und es findet zu wenig Praxisanschauung statt. Dass dadurch Chancen nicht genutzt werden, praktische Kompetenzen zu erwerben, war schon immer unsere Befürchtung.
Wo stellen die Unternehmen mangelnde Problemlösekompetenzen der Schüler fest?
Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass Jugendliche im unteren Kompetenzbereich die größten Probleme haben. Das merken wir dann schon bei einfachen Einstellungstests, wenn simple Aufgaben zu Schwierigkeiten führen. Zum Beispiel wenn es bei einem Maler heißt: „Berechnen Sie die Fläche, die Sie streichen müssen“, und es ist nicht klar, dass es sich um ein Rechteck handelt, dessen Fläche man berechnen muss. Es ist den Jugendlichen häufig nicht klar: Wie übertrage ich das schulische Wissen auf die Realität?
Erfüllen die deutschen Schüler Ihre Anforderungen?
Die Mehrzahl der Jugendlichen ist qualifiziert für eine Ausbildung, nur ein Teil ist nicht ausbildungsreif. Das sind ungefähr zwanzig Prozent, was sich auch mit den Ergebnissen der Pisa-Studien deckt. Aber da sagen viele Unternehmen inzwischen: Na gut, wenn sie das nicht gelernt haben, dann schulen wir das im Unternehmen nach. In den letzten Jahren sind eher fehlende soziale Kompetenzen zum Problem geworden. Pünktlichkeit, Teamfähigkeit oder Kommunikationsfähigkeit sind oft nicht so ausgeprägt, dass man einen erfolgreichen Verlauf einer Ausbildung erwarten kann. Da sind in erster Linie die Eltern in der Pflicht.
Was muss getan werden, um die Zahl der nicht ausbildungsreifen Jugendlichen zu verringern?
Die leistungsschwächeren Jugendlichen haben in vielen Bereichen Schwierigkeiten – unter anderem, ihren Schulabschluss zu schaffen. Das setzt sich dann natürlich in der Ausbildung fort. Es muss insgesamt mehr getan werden, damit die schwächeren Schüler uns nicht verloren gehen. Das heißt: viel mehr Förderung und viel mehr Übung. Die Schulen klagen zwar, dass sie keine Zeit hätten und der Bildungsauftrag größer sei als das, was die Wirtschaft verlange. Aber gerade für diese Jugendlichen kommt es darauf an, die Grundkompetenzen zu beherrschen, um im Leben eine Chance zu bekommen.
Wieso ist das für die Wirtschaft so wichtig?
Die Studie zeigt,dass aufstrebende Volkswirtschaften in Asien besonders gut abschneiden. Das ist meiner Meinung nach ein Zeichen dafür, dass entwickelte Industrieländer den Anschluss zu verlieren drohen. Sie müssen ihre Bildungssysteme mehr darauf ausrichten, ihre Weltmarktposition zu verteidigen.




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