Frau Jung, was erwarten Sie sich von der Wiederaufnahme des Falls Peggy?
Einerseits gehe ich schwer davon aus, dass das Verfahren rasch, vielleicht schon am dritten Tag, eindeutig auf einen Freispruch für Ulvi K. hinauslaufen wird. Andererseits bleibt er ja wegen der angeblichen sexuellen Belästigung von Jungen weiter in der Psychiatrie. Und meine Erwartungen sind bereits im Vorfeld sehr gedämpft worden, weil schon durch das Pressegespräch kürzlich klar wurde, dass es jetzt lediglich um die Frage geht, ob Ulvi K. der Mörder von Peggy ist oder nicht. Die zahlreichen Ermittlungsfehler und die Pannen der Justiz werden wieder nicht Gegenstand des Verfahrens sein.
Sie bewerten die Gründe der Bayreuther Richter, die das Hofer Mordurteil nun auf den Prüfstand stellen, als eine „schallende Ohrfeige für alle damals Beteiligten“. Warum?
Die beiden Gründe, die zur Wiederaufnahme führten, könnten spektakulärer kaum sein und attackieren das damalige Verfahren im Kern. Bei beiden geht es um das Geständnis von Ulvi K., das ja in Hof als einziges Beweismittel für seine Verurteilung gedient hat. Zum einen kritisieren die Richter die Umstände, unter denen die Polizei das Geständnis erzielt hat. Unter anderem hatte Ulvi K. bei seiner entscheidenden Aussage keinen anwaltlichen Beistand. Und von der Vernehmung, in der er die Tat gestand, gibt es kein wörtliches Protokoll, weil das Aufnahmegerät kaputt gewesen sein soll. Zudem wurde Ulvi K. nach dem umstrittenen Reid-Verfahren mit bewusst falschen Vorhaltungen konfrontiert, zum Beispiel damit, dass Blutspuren von Peggy auf seinem Arbeitskittel gefunden worden seien. Allerdings hatte der leitende Kriminaldirektor dies sogar seinen eigenen Ermittlern, die die Befragung durchführten, als Tatsache verkauft. Der zweite Grund für das jetzige Verfahren sind massive Zweifel am Glaubwürdigkeitsgutachten des Psychiaters Hans-Ludwig Kröber. Ohne dieses Gutachten hätte das Geständnis überhaupt nicht als Beweis gewertet werden können.
Ina Jung Foto: Droemer
Was daran war fragwürdig?
Die Ermittler hatten sich vor dem Verhör den Tathergang zurechtgelegt. Davon will Kröber nichts gewusst haben. Er bewertete das Geständnis unter der Prämisse, dass Ulvi K. nie mit dem möglichen Tathergang konfrontiert worden sein kann. Außerdem ist dokumentiert, dass von den 226 Fragen, die Kröber im Gespräch mit dem geistig Behinderten stellte, insgesamt 144 Suggestivfragen waren.
Was bedeutet Ihnen selbst das neue Verfahren?
Jahrelang bin ich als Verschwörungstheoretikerin mit Tunnelblick abgestempelt worden, fand keine große Resonanz. Für mich ist das wie eine Lawine, die jetzt endlich losgetreten ist. Wirklich beendet ist die Geschichte für mich aber erst, wenn ich weiß, was wirklich mit Peggy Knobloch passiert ist und wer dafür verantwortlich ist.
Das Gespräch führte Miriam Hesse.