Interview zur Zeitumstellung und zum Uhren-Boom „Eine richtige Uhr kann man vererben“

Eine hochwertige Uhr kann zum Familienerbstück werden. Foto: Collection of the Vacheron Constantin Museum, Geneva

Warum der Uhren-Experte Gisbert L. Brunner die Zeitumstellung ablehnt und die Investition in eine teure Uhr sich durchaus lohnen kann.

Stuttgart/München - Dem Computer am Handgelenk oder in der Handtasche zum Trotz – das Interesse an wertvollen mechanischen Uhren steigt seit Jahren. Der Uhrenexperte Gisbert L.Brunner gibt Tipps für Sammler – und hat eine Warnung für Spekulanten.

 

Herr Brunner, wie viele Uhren müssen Sie an diesem Wochenende von Hand umstellen?

22. Alles Großuhren. Pendeluhren, Küchenuhren, Wecker. Armbanduhren sind noch nicht mitgerechnet.

Wie viele kommen da hinzu?

Ich besitze zahlreiche Armbanduhren. Aber die meisten davon pflegen zu schlafen.

Sind Sie also froh, wenn die Zeitumstellung abgeschafft wird?

Ja, aber nicht nur aus praktischen Gründen. Ich halte nichts von der Zeitumstellung. Die Erde dreht sich halt um die Sonne, und deshalb wird es mal früher dunkel, mal später. Da sollte der Mensch nicht eingreifen.

Obwohl heute jeder ein Handy hat mit Zeitanzeige, tragen die meisten Menschen noch eine Armbanduhr. Warum?

Also ich finde finde eine Armbanduhr sehr viel praktischer als ein Handy, das man erst aus der Tasche ziehen und entsperren muss. Auf der Armbanduhr kann man die Zeit nebenbei ablesen, wenn man das Handgelenk etwas dreht – und zwar ohne dass ein Gegenüber das wahrnimmt. Das ist deutlich diskreter als bei einem Handy.

Ist dieser praktischer Aspekt der alleinige Grund?

Für den Mann ist die Armbanduhr neben Ehering und Manschettenknöpfen der einzige legitime Schmuck. Durch die Armbanduhr kann man sich von anderen unterscheiden. Deshalb ist sie für viele Männer auch ein Statussymbol.

Nicht nur für Männer. Vor kurzem ist eine SPD-Politikerin kritisiert worden, weil sie auf einem Foto mit einer Rolex zu sehen war.

Für mich nicht nachvollziehbar. Was spricht dagegen? Eine Rolex ist ein Ausdruck von Nachhaltigkeit. Die haben sie mindestens 20 bis 30 Jahre, die verschmutzt keine Luft und behält oder steigert ihren Wert. Ich kann zum Kauf nur gratulieren.

Das sehen nicht alle so unbefangen. Die Firma Siemens hat ihrem Chef 2004 auf einem Foto eine Rolex wegretuschiert, weil es offenbar nicht angemessen schien, sich mit einer Uhr zu zeigen, die ein paar tausend Euro gekostet hat.

Abgesehen von bestimmten Modellen aus Gold, oder mit Brillanten besetzt, ist eine Rolex keine teure Uhr. Langfristig gesehen ist es eine preiswerte Uhr. Nach 10 oder 15 Jahren bekommen sie das, was sie bezahlt haben, auf jeden Fall zurück. Möglicherweise sogar deutlich mehr. Es ist ein Ausdruck von Qualitätsbewusstsein. Ich bin nicht der Meinung, dass man sich dafür schämen muss.

Welche Marken und Modelle sind beim Thema Wertsteigerung die Aufsteiger der letzten Jahre?

Rolex ist sicherlich die Marke schlechthin, welche man mit Wertsteigerung verknüpfen kann. Wenn Sie vor 20 Jahren ein Modell wie die GMT Master gekauft haben oder auch die Submariner, können Sie damit heute durchaus den doppelten Preis erzielen. Eine Daytona Paul Newman kostete in den 70er Jahren schlappe 2500 Mark. Jetzt erzielt sie einen sechsstelligen Betrag. Wenn Sie heute mit etwas Glück eine neue Rolex Daytona bekommen, können Sie sie einen Tag später mit 50 Prozent Aufschlag weiterverkaufen. Das gilt auch für bestimmte Modelle der Marke Patek Philippe.

Also Geld zusammenkratzen und ab zum Händler?

Schnelldreher mit Gewinngarantie bekommt man als Gelegenheitskäufer nicht. Die gehen an Stammkunden. Ansonsten ist Vorsicht geboten. Wenn man sich eine teure Uhr kauft, sollte man es aus Leidenschaft zur Uhr tun. Wenn man es nur tut, weil man sich einen kurzfristigen Spekulationsgewinn verspricht, sollte man die Finger davon lassen.

Welches ist ein gutes Einsteigermodell, wenn man sich eine erste hochwertigere Uhr gönnen will?

Es gibt interessante Modelle für relativ kleines Geld. Ein gutes Beispiel ist die Max-Bill-Uhr von Junghans. Und zwar das limitierte Bauhaus-Modell für 1500 Euro. Wenn man sich sich sowas kauft, macht man mit Sicherheit nichts falsch. Begrenzte Auflage, schönes mechanisches Uhrwerk, klassisches Design, das nicht aus der Mode kommt. In der nicht limitierten Auflage gibt es sie auch billiger. Das Gleiche gilt für Nomos-Uhren aus Glashütte.

Bei einem Blick auf die derzeit gefragten Modelle hat man den Eindruck, in einem Museumskatalog zu blättern.

Vintage-Uhren, also alte Uhren, gewinnen zunehmend an Bedeutung. Vintage ist der neue Luxus. Alle Marken mit Geschichte kramen in ihrem Archiv und versuchen, Modelle aus den 30er bis 6oer Jahren wiederzubeleben. Und der Erfolg gibt ihnen Recht. Wenn die Leute heute über Junghans reden, reden sie über die Max-Bill-Uhr. Die kam 1961 erstmals auf den Markt. Der Philosoph Sören Kierkegaard hat gesagt, wer sich mit dem Zeitgeist vermählt, wird schnell Witwer sein. Mit solchen Uhren passiert Ihnen das nicht.

Sie zitieren gerne den Satz des US-Psychologen Robert Levine, das Ticken der mechanischen Uhr sei der Herzschlag der menschlichen Kultur. Das Vordringen der geräuschlosen Computeruhren ist so gesehen ein schlechtes Zeichen, oder?

Wenn man guckt, wie viele Smartwatches verkauft werden, muss man sagen: Es wird die Gewohnheiten, die Zeitwahrnehmung verändern. Andererseits: Gerade junge Leute, die es vielleicht gewohnt sind, nur noch aufs Handy zu schauen, werden durch die Smartwatches vertraut damit gemacht, etwas am Handgelenk zu tragen. Irgendwann kommen diese Smartwatch-Träger vielleicht darauf, dass sie ihr veraltetes Modell nicht alle zwei, drei Jahre ersetzen, sondern eine richtige Uhr tragen wollen. Eine richtige Uhr ist eine mit einem mechanischen Uhrwerk, eine, die man sogar vererben kann.

Welches ist Ihre liebste Uhr?

Eine Stahluhr mit hellem Zifferblatt, sehr schön, sehr klassisch, 1950er Jahre, aus der Uhrmacherschule Genf mit einem Werk, Zifferblatt, Zeigern und Gehäuse von Patek Philippe. 1987 habe ich sie zufällig bei einem Gebrauchtwarenhändler in Genf entdeckt und für 500 Schweizer Franken (umgerechnet 567 Mark oder 290 Euro) gekauft. Ich nenne sie meine Exit-Uhr: Wenn ich mal aus dem Leben scheide, möchte ich diese Uhr tragen.

Zur Person

Gisbert Brunner (71) ist einer der führenden deutschen Uhren-Experten. Er studierte in München, Jura, Sonderpädagogik und Psychologie. Seit 1983 hat er mehr als 20 Bücher zum Thema Uhren veröffentlicht. In seinem neuen Buch „The Watch Book Compendium“ gibt er einen Überblick über die Entwicklung der wichtigsten Uhrenmarken der Welt. Die Fotos hat Christian Pfeiffer-Belli ausgesucht (erschienen bei teNeues, 504 Seiten, ca. 1000 Fotos, 49,90 Euro)

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