Wenn Saskia Fröhlich mit ihrem extrovertierten Ex-Partner auf eine Party musste, wünschte sie sich nichts sehnlicher als Brechdurchfall. Nicht, weil sie ihren damaligen Partner nicht gemocht hätte – Partys mit vielen Menschen sind für sie schlicht der Horror. An manchen Tagen ist sie schon sozial ausgelastet, wenn sie mit dem Herrn vom Lieferdienst gesprochen hat.
Schon als junge Erwachsene hatte sie nie das Bedürfnis, ständig unterwegs zu sein, erzählt sie. Richtig bewusst ist ihr dies mit ihrem letzten Partner geworden. Partys waren sein Leben, sie flüchtete sich dort oft aufs Klo. Bloß mit niemandem reden müssen. Wenn es gar kein Entkommen gab, schützte sie eine Blasenentzündung vor. Da kann man in Ruhe auf dem Klo bleiben. Ihren Ex-Partner bezeichnet sie als den „Extro-Ex“. Extro steht für extravertiert, sie selbst ist introvertiert.
Introvertierte sind lieber dabei statt mittendrin
Über letzteres hat die 28-Jährige aus Essen ein Buch geschrieben. Es heißt „Introvertiert – na und? Lieber nur dabei statt mittendrin“, und das beschreibt ziemlich genau, wie sie sich ihr Leben vorstellt. Sie möchte nicht im Mittelpunkt stehen, sie möchte nicht ständig unter Menschen sein oder gar jeden Tag ausgehen.
Mit Grauen erinnert sie sich daran, wie sie in ihrem zweiten Grundschuljahr mit ihren Eltern aufs Land gezogen ist. Der Orts- und Schulwechsel war unangenehm genug, aber richtig unangenehm wurde es, als zwei Mädchen sie am ersten Tag in der neuen Schule über den Hof führten und ein Junge aus ihrer Klasse auf sie zu rannte – und ihr die Nase brach. Während sie dann auf dem Boden hockte und ihr das Blut aus der Nase lief, schaute die halbe Schule sie an. „Am ersten Tag direkt im Mittelpunkt“, erinnert sie sich in ihrem Buch. „Wieso hatte Jakob nicht bis nach der Schule damit gewartet, mir ins Gesicht zu schlagen? Auf dem Heimweg, wo es niemand mitbekommt?“
Obwohl sie am liebsten ihre Ruhe hat, ist sie heute trotzdem ein bisschen berühmt. Auf Instagram hat die Stand-up-Comedian und Content Creatorin rund 380 000 Follower, auf Tiktok über 820 000, dort verbreitet sie ihren „Schlechte-Laune-Humor“ aus ihrer „kleinen scheiß Drecksküche“ – es dreht sich alles um Kochen, Do-it-yourself-Projekte und wie sie sich selbst in verschiedenen Berufen vorstellt („Ich als…“).
Als Comedian steht sie im Rampenlicht, privat hasst sie das. Was ist mit mir? Die Frage hat sie sich oft gestellt. Während andere in sozialen Situationen aufblühen, ihre Lebensenergie daraus ziehen, ist es bei Saskia Fröhlich umgekehrt. Sie ist am liebsten daheim.
Dass dies einfach eine Charaktereigenschaft ist, hat sie erst in ihren Zwanzigern festgestellt, durch ein YouTube-Video über „Extraversion – und Introversion“. „Introversion. Das magische Zauberwörtchen gab mir Antworten, die mich aus den Selbstzweifeln retteten“, schreibt sie in ihrem Buch. Davor sei sie von anderen sehr oft in ihrem Leben als schüchtern oder als „wenig sozial“ bezeichnet worden. Das waren aber die charmanteren Beschreibungen. Manchmal hörte sie sogar, sie ziehe „immer eine Fresse“. Dabei sei sie einfach häufig eher in sich gekehrt, beobachte gern und lasse sich beschallen, sagt Fröhlich. Den Satz „Jetzt sag doch auch mal was!“ hat sie in ihrem Leben sehr oft gehört.
Introversion sei nicht mit Schüchternheit oder gar einer sozialen Phobie gleichzusetzen, betont sie. Aber der extravertierte Charakter gilt in unserer Gesellschaft als der „normalere“. Extraversion bezeichnet Menschen, die am liebsten unter Menschen sind und Gesellschaft lieben, deren Hobbys sind wohl weniger lesen oder häkeln.
Die Begriffe „introvertiert“ und „extravertiert“ wurden von dem Schweizer Psychoanalytiker Carl G. Jung 1921 eingeführt. Er beschrieb damit die gegensätzlichen Wesensarten von Menschen in Bezug auf Wahrnehmung, Denken und Fühlen – und dass einige Menschen eine Neigung in eine der beiden Richtungen haben.
Die meisten Menschen sind mal introvertiert, mal extravertiert
Jung war der Meinung, dass Introvertierte und Extravertierte jeweils eine Minderheit sind und die meisten Menschen Züge von beiden Ausprägungen haben. Es ist keine Störung, sondern ein Persönlichkeitsmerkmal.
Extravertierte Menschen richten ihre Energie nach außen, wohingegen introvertierte eher nach innen gerichtet sind. Diese beiden Wesenszüge gelten als sehr stabile Persönlichkeitsmerkmale. Das bedeutet, es ist ein Charakterzug, der nur schwer zu verändern wäre. Allerdings ergeben einige Studien zum Thema Introvertiertheit, dass es auch davon abhängen kann, wie eine Person aufgewachsen ist. Bei Kindern, die mit nach außen gekehrten Eltern aufwachsen, bei denen oft Besuch von Freunden da ist, oder die oft auf Reisen sind, wird extravertiertes Verhalten eher gefördert.
Eine Überblicksarbeit von iranischen Biochemikern der Universität in Gorgan zeigt, dass sich Persönlichkeitseigenschaften wie Introversion auf die physiologische Stressreaktion auswirken können. Stress kann unter anderem das Hormonsystem aktivieren und die Immunfunktion beeinflussen. Introvertierte Menschen können oft intensivere biologische Stressreaktionen durch soziale Situationen haben.
Für Saskia Fröhlich bedeutete dieses Wissen eine enorme Erleichterung – endlich konnte sie ihr Anders sein verstehen. Und es war für sie auch ein Anlass, sich nicht mehr danach zu richten, ob dies anderen gefällt. „Ich habe das lange genug in meinem Leben getan“, sagt sie.
Klar, manchmal muss sie für ihren Beruf extravertiert sein. Neulich war Fröhlich auf der Frankfurter Buchmesse, um ihr Buch zu promoten. Dies bedeutete: zig Lesungen, Meet and Greets und Signierstunden mit ihren Fans. „Anfangs war ich noch wie high, dann innerlich tot.“ Ihre soziale Batterie war leer nach zwei Tagen, sie war platt. „Aber ich habe es genossen“, sagt sie. Weil sie weiß, dass solche Events sie enorm anstrengen, hat sie sich den Montag danach freigehalten und den Tag mit ihrem Laptop auf der Couch verbracht. Als Selbstständige kann sie sich ihren Alltag frei gestalten. Ein Leben in einem Großraumbüro wäre für sie ein Albtraum.
War Introvertiertheit früher fast schon mit neurotisch und langweilig gleichgesetzt, sprechen inzwischen in sozialen Netzwerken und Medien immer mehr junge Menschen offen darüber, dass sie nicht gerne auf Partys gehen oder unter Menschen sind. „Drinnies“ heißt der bekannteste Podcast, den Giulia Becker und Chris Sommer hosten. Sie sprechen darüber, warum sie am liebsten in ihren eigenen vier Wänden sind anstatt, ständig „ein Bierchen trinken zu gehen“.
Fröhlich ignoriert die Meinung anderer inzwischen
Für Fröhlich ist es ein Traum, einfach nur zu Hause zu sein – und ja, dieser Traum ist ihr wichtiger als die Meinung anderer. „Ich selbst habe ja die Zeit meines Lebens mit mir“, sagt sie und lacht. Für ihren Alltag „draußen“ hat sie sich mit kleinen Helfern ausgestattet: So geht sie nirgendwo ohne ihre Noise-Cancelling-Kopfhörer hin, sie schläft mit Ohropax, und wenn sie rausgeht, dann am liebsten zum Joggen in den Park. Wie jemand gerne in der Stadt „bummeln“ gehen kann, ist ihr ein Rätsel.
Aber ein bisschen kompromissfähig will sie schon bleiben. Mit dem „Extro-Ex“ war das nicht möglich, von ihm hat sie sich längst getrennt. Inzwischen habe sie einen Partner, mit dem sie Kompromisse finden kann. „Ich will mich ja nicht komplett abschotten“, sagt sie.
Zur Person
Leben
Saskia Fröhlich, geboren 1996, ist Content Creatorin und Comedienne, die in Deutschland auf Stand-up-Bühnen auftritt und eine riesige Fangemeinde auf Social Media hat. Bekannt wurde sie besonders durch ihre ironischen Kochclips, in denen sie unter dem Motto „Willkommen in meiner kleinen scheiß Drecksküche“ mit schlechten Kochkünsten begeistert.
Werk
Neben ihrer Bühnenpräsenz hat Fröhlich kürzlich das Buch „Introvertiert, na und? Lieber nur dabei statt mittendrin“ veröffentlicht, in dem sie ihre Erfahrungen als introvertierte Person teilt und mit Mythen über Introversion aufräumt. (nay)