Investition in Energie-Infrastruktur Transnet stellt sich für Energiewende neu auf

Von Alexander Del Regno 

Der Netzbetreiber hat sein neues Kontrollzentrum in Wendlingen eröffnet. Von dort wird die Stromversorgung des Landes gelenkt. Nötig wurde der 50-Millionen-Bau durch den steigenden Anteil von Ökostrom im Netz – und wachsende Terrorgefahr.

Der Transnet-Ingenieur muss den Überblick auf allen Kanälen behalten – damit die Stromversorgung  im Land gesichert ist. Foto: dpa
Der Transnet-Ingenieur muss den Überblick auf allen Kanälen behalten – damit die Stromversorgung im Land gesichert ist. Foto: dpa

Wendlingen - Nach zwei Jahren Bauzeit hat Transnet BW seine neue Schaltzentrale in Betrieb genommen. In der Leitstelle überwachen die Mitarbeiter der EnBW-Tochter täglich, rund um die Uhr die Einspeisung und den Transport von Energie in die baden-württembergischen Stromnetze. Die sogenannte Hauptschaltleitung wurde am Freitag offiziell in Betrieb genommen – im Beisein von Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Rainer Baake (beide Grüne), Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium. Fast 50 Millionen Euro ließ sich Transnet BW das High-Tech-Gebäude kosten – beziehungsweise die Verbraucher. Denn die Baukosten werden, wie viele andere Kosten der Energiekonzerne auch, auf die Strompreise umgelegt.

Der schlichte Bau aus viel Glas und noch mehr Beton soll vor allem eines bieten: Sicherheit. Und zwar in zweifacher Hinsicht. Zum einen zählt die Schaltzentrale zu jener Art von Infrastruktur, die ein bevorzugtes Ziel von Terroranschlägen abgeben könnte. Eine massive Bauweise, stabile Zäune und mehr freie Fläche drum herum soll diese Gefahr bannen. Sicherer soll aber auch die Stromversorgung werden – weil mit der Energiewende der Anteil von wetterabhängigem Strom in den Netzen steigt.

1,8 Millionen Quellen erzeugen Strom – von der Fotovoltaik-Dachanlage bis zum Kohlemeiler

Rund ein Drittel des in Deutschland genutzten Stroms stammt bereits aus erneuerbaren Quellen, wie Sonne und Wind – die jedoch unstetig erzeugt werden und damit die Ingenieure in den Schaltzentralen der vier deutschen Netzbetreiber vor Herausforderungen stellt. Wie groß diese sind, verdeutlicht ein Vergleich Baakes: Vor der Energiewende hätten etwa 250, in der Regel konventionelle Kraftwerke Strom erzeugt. Heute seien es 1,8 Millionen Quellen, von der Fotovoltaik-Dachanlage auf dem Einfamilienhaus bis zum Kohlemeiler. Die meisten davon seien jedoch regenerativ – und deren Zahl nehme zu, sagt Baake.

In Wendlingen sitzen daher in einer Schicht jeweils drei Ingenieure an halbkreisförmigen Schreibtischen wie Manager an der Frankfurter Börse und sind ebenso wie diese umgeben von Monitoren. Vor ihnen wölbt sich eine 65 Quadratmeter große Leinwand, die für jedes Multiplex-Kino taugen würde. Darauf ist das rund 3200 Kilometer lange Stromnetz des Landes in Form von roten (380-Kilovolt Gleichstrom) und grünen (220 Kilovolt-Wechselstrom) Linien abgebildet. Ziffern zur Einspeisung von Wind- und Sonnenstrom oder etwa des bayrischen Atomkraftwerks Isar blinken ebenso wie die Hertz-Zahl. Diese muss stets 50 betragen, um die Netze stabil zu halten. Fällt die Hertz-Zahl um 0,1 herrscht Alarmstimmung. Dann müssen zum Ausgleich Kraftwerke hochgefahren werden. Steigt sie in dieser Größenordnung, müssen Anlagen abgeschaltet werden. Beides kommt in Wendlingen jedoch so gut wie nie vor – 2006 habe man zuletzt ein so deutliches Absinken der Hertz-Zahl registriert, sagt ein Ingenieur. Ein kritischer Anstieg sei indes noch nie engetreten, weil im Südwesten vergleichsweise wenig Windkraft genutzt wird. Kollegen anderer Netzbetreiber in Nord- oder Ostdeutschland seien da schon öfter gefordert.

Baden-Württemberg war scho immer Stromimportland – und bleibt es wohl auch

Baden-Württemberg dagegen sei immer schon Stromimportland gewesen – und das werde sich im Zuge der Energiewende weiter verschärfen, betont Hans-Josef Zimmer, Aufsichtsratschef von Transnet BW.

Schließlich wird künftig mit den Anlagen auf See noch mehr Windenergie im Norden erzeugt, der gen Süden transportiert werden muss. Dazu sollen spätestens ab 2025 drei Starkstromtrassen Deutschland durchqueren. Zwei davon, Südlink und Ultranet, enden in Baden-Württemberg – in Großgartach bei Heilbronn und in Philippsburg nahe Karlsruhe. Während für Ultranet teils bestehende Trassen genutzt werden, soll der Bau von Südlink laut einer Transnet-BW-Sprecherin zehn Milliarden Euro kosten. Das ist drei- bis viermal mehr als ursprünglich geplant, weil ein beträchtlicher Teil der Leitungen unterirdisch verlegt werden soll. Für die teure Alternative hat sich die Politik entschieden, um die Gegner der Trassen zu beruhigen. „Das ist nicht auf meinem Mist gewachsen“, stellte Ministerpräsident Kretschmann dazu klar.

Die beiden Stromtrassen sind für Transnet BW ein weiterer Grund für den Bau der neuen Schaltzentrale. Der Aufwand, die Energie zu lenken, zu handeln und von Gleich- auf Wechselstrom umzuwandeln, werde mit den gigantischen Leitungen steigen. Dafür sei man nun gerüstet, heißt es bei dem Netzbetreiber.