Investitionsoffensive BYD bläst zum Angriff auf Europa

Große Werbung zur Großoffensive: BYD wirbt in Rom für den Dolphin Surf. Foto: Gerhard Bläske

Der weltweit größte Elektro-Autoproduzent aus China, startet eine gewaltige Investitionsoffensive in Europa. Selbst hohe Einfuhrzölle schrecken BYD nicht.

Chinas größter Autoproduzent BYD bläst zum Angriff auf Europa und lässt sich auch von Einfuhrzöllen von 27 Prozent nicht abschrecken. Im April hat der nach Toyota und Volkswagen weltweit drittgrößte Produzent auch in Europa Tesla als Marktführer bei Elektro-Autos verdrängt.

 

Das ist erst der Anfang. BYD, nach eigenen Angaben mit einem Marktanteil von 21 Prozent größter Elektro-Autoproduzent der Welt, setzt voll auf die Internationalisierung und die Verbreiterung der Modellpalette. Allein in diesem Jahr sollen drei neue Werke eröffnet werden: In Ungarn, Kambodscha und Brasilien. 2026 kommt die Türkei dazu, die vermutlich teilweise auch Europa beliefern wird. Bisher ist das 1995 gegründete Unternehmen außer in China nur in Thailand und Usbekistan mit eigenen Pkw-Fabriken präsent.

„Türoffner“ soll der Kleinstwagen Dolphin Surf sein, den das Unternehmen jetzt in Rom vorgestellt hat. Bis Ende Juni soll die gut ausgestattete Basisversion in Deutschland 19 990 Euro kosten, danach 22 990 Euro. Viele Branchenbeobachter hatten einen deutlich niedrigeren Preis erwartet. Ein ähnlich ausgestatteter Fiat 500e kostet aber fast 30 000 Euro. Der Dolphin Surf für Europa wird vorerst in China produziert.

Das Ziel: Mehr als 1000 BYD-Händler in Europa bis Jahresende

Zwischen Januar und April hat BYD allein in Deutschland fast 2800 Autos verkauft, fast so viele wie im gesamten Jahr 2024. Dabei gibt es erst 29 Händler. Nun wird in kürzester Zeit ein riesiges Händlernetz aus dem Boden gestampft und ein umfangreiches After-Sales-Netzwerk aufgebaut. Bis Jahresende soll es in Europa mehr als 1000 Händler geben. Für Deutschland sind 120 bis 140 Händler angepeilt.

BYD-Vizepräsidentin Stella Li bezeichnet den Dolphin Surf als „Weltauto“, das in fast identischer Form auch in China (als Seagull) und Südamerika angeboten wird. Die USA bleiben jedoch ein weißer Fleck. Dort werden nur Busse produziert. Der chinesische Hersteller wirbt beim Dolphin Surf vor allem mit einer großen, kombinierten Reichweite von 322 Kilometern, sehr kurzen Ladezeiten, niedrigen Betriebskosten und günstigen Preisen.

Stella Li zeigte sich in Rom sehr selbstbewusst. Verkaufsziele will sie aber ebensowenig nennen wie die sicher gewaltige Investitionssumme, die BYD da in die Hand nimmt. In früheren Verlautbarungen hat es aber geheißen, der Anteil der Verkäufe außerhalb Chinas solle bis 2030 auf etwa 50 Prozent steigen. Das halten viele Experten für sehr ehrgeizig. Denn 2024 wurden noch weniger als zehn Prozent der Autos außerhalb Chinas verkauft.

Künftig könnte der Dolphin Surf neben anderen Modellen auch im ungarischen Werk in Szeged produziert werden, das im vierten Quartal starten soll. Die dortige „Anfangskapazität“ gibt der langjährige Fiat-Spitzenmanager und „Europa-Sonderberater“ Alfredo Altavilla mit 150 000 Einheiten pro Jahr an. Ein neues Forschungs- und Entwicklungszentrum will BYD 2026 in Budapest eröffnen: Dort würden neue Technologien entwickelt und Fahrzeuge designt, sagt Li, die als rechte Hand von BYD-Präsident Wang Chuanfu gilt und für das operative Geschäft verantwortlich ist. Wang Chuanfu ist mit einem Anteil von 17 Prozent größter Aktionär des Unternehmens.

BYD will die gesamte Lieferkette kontrollieren

Laut Altavilla will der chinesische Autokonzern, der 2024 rund 4,3 Millionen Autos verkauft hat, auf einen Umsatz von umgerechnet 101 Milliarden Euro und einen Nettogewinn von 5,1 Milliarden Euro kam, ein europäisches Zuliefernetzwerk aufbauen. BYD ist bisher dafür bekannt, die gesamte Lieferkette zu kontrollieren, von der Rohstoffbeschaffung bis zur Endmontage. Das verschafft dem Unternehmen, das außerdem Batterien, Elektromotoren, elektronische Steuerungen und Halbleiter selbst produziert, Kostenvorteile und große Flexibilität.

BYD bietet bereits jetzt eine umfangreiche Fahrzeugpalette von zehn Modellen in Europa an. Und die Chinesen greifen auch die deutschen Luxusautohersteller an. Im April wurde in Mailand die Premiummarke Denza offiziell für Europa vorgestellt. Zum Start, vermutlich Anfang 2026, stehen der sportliche Shooting Brake Z9GT und der siebensitzige Van D9 zur Verfügung. Beide gibt es rein elektrisch oder mit einem Plug-in-Hybrid-Antrieb. Verantwortlich dafür zeichnet Chefdesigner Wolfgang Egger, der früher für Audi und Lamborghini gearbeitet hat.

Unterschätzen sollten die deutschen Premiumhersteller den Herausforderer nicht. Der einstige chinesische Partner und „Lehrling“ von Mercedes-Benz (damals Daimler) ist längst selbst zum Meister geworden und hat im Heimatmarkt China den einstigen Marktführer Volkswagen weit hinter sich gelassen.

Immer wieder wird BYD vorgeworfen, den schnellen Aufstieg vor allem unfairen staatlichen Subventionen zu verdanken. Li weist solche Anschuldigungen zurück. Konkurrenten wie Volkswagen erhielten in China die gleichen Hilfen.

Enger Draht nach Stuttgart

BYD
steht für Build your Dreams, bietet ausschließlich reine Elektrofahrzeuge und Autos mit einer selbst entwickelten DM-i-Hybridtechnologie an. Der deutsche Hauptsitz ist Stuttgart, wo im Januar 2023 die erste Verkaufsstelle eröffnet wurde.

Stuttgart
Auch sonst hat BYD eine enge Beziehung in die Landeshauptstadt. 2011 gründeten die damalige Daimler AG und BYD ein paritätisches Joint Venture, mit dem Ziel, Elektro-Fahrzeuge unter dem Namen Denzo zu entwickeln und zu bauen. Mercedes-Benz verkaufte 2024 die letzten Anteile daran. BYD beliefert Mercedes aber noch mit Batterien. bl

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