Investor Martin Herz Ein Deutscher macht Detroit wieder flott

Investor Herz: „Als ich hier ankam, standen in meiner Straße 80 Prozent der Häuser leer. Heute ist es umgekehrt.“ Foto: Steve Przybilla

In der US-Metropole stehen Tausende von Häusern leer. Manche sehen die Ruinen als Schandfleck, andere als Chance. So wie der Münchner Martin Herz, der sie wieder herrichtet.

Gar nicht so leicht, in eine Ruine zu kommen, selbst wenn sie einem gehört. „Ich hab mal meinen Schlüssel mitgebracht“, sagt Martin Herz, greift zur Bohrmaschine und löst eine Pressspanplatte, die den Eingang blockiert. „Wegen der Hausbesetzer“, sagt Herz und bittet nach drinnen. Dort sieht es noch desolater aus: überall Schutt, Staub Unrat. Die Decke ist aufgerissen, verschimmelte Holzbalken lugen hindurch.

 

Hier wohnt schon lange niemand mehr. Keine Möbel, kein Strom, kein Wasser –abgesehen vom Regen, der durchs Dach tropft. Die meisten würden um eine solche Bruchbude einen großen Bogen machen. Martin Herz hingegen sieht sie als Chance. Der 40-jährige Bauingenieur ist 2016 von München nach Detroit gezogen, um sich seinen Traum zu erfüllen. Er kauft leer stehende Häuser, um sie zu sanieren und anschließend zu verkaufen oder zu vermieten. The American Dream, gelebt von einem Deutschen.

„Hier liegt einfach was in der Luft“

Martin Herz ist ein freundlicher Typ. Sorgsam getrimmter Bart, zugewandt, immer einen Spruch auf den Lippen. „Ich fand Detroit schon in der Schule spannend“, sagt der Projektentwickler. „Hier liegt einfach etwas in der Luft.“

Im weißen Jeep Gladiator, einem für amerikanische Verhältnisse moderaten Pick-up-Truck, fährt Herz durch sein Viertel. Die Gegend, in der Herz seine Häuser kauft, heißt LaSalle Gardens: breite Straßen, stattliche Herrenhäuser, viele Bäume. Hier wohnten einst die Industriellen, die Holzbarone und Angestellten der Autoindustrie. Manche Häuser sehen aus wie kleine Schlösser.

So sieht es in Detroit an vielen Stellen aus, bevor Martin Herz loslegt. /Foto: Steve Przybilla

Doch so stattlich die Gebäude einmal waren – viele stehen leer. Die Fenster sind verbarrikadiert, die Vordächer hängen herunter. Detroit hat eine turbulente Geschichte hinter sich: Die Stadt, in der Henry Ford die Fließbandproduktion einführte, erlebte in den 50er-Jahren einen Boom. Danach ging es allmählich bergab: Konkurrenz aus Fernost, Abwanderung, Pleite. 2009 ging General Motors in die Insolvenz, 2013 erklärte sich auch die Stadt für zahlungsunfähig, die größte kommunale Pleite in der US-Geschichte. Von einst zwei Millionen Einwohnern sind aktuell 640 000 übrig.

Ein Müllcontainer vor dem Haus! Das macht staunen

Die Geschichte eines Niedergangs? So sieht Martin Herz es nicht. Schon in seiner Masterarbeit hat er sich damit beschäftigt, welches Potenzial in Detroit schlummert: Die Universität wächst beständig, das Henry-Ford-Hospital baut neu. „Allein in dieses Projekt fließen 2,5 Milliarden Dollar“, sagt Herz. „Und natürlich müssen diese Menschen auch irgendwo wohnen.“ Wenn es nach ihm geht, am besten in einem seiner Objekte. „Als ich hier ankam, standen in meiner Straße 80 Prozent der Häuser leer. Heute ist es umgekehrt.“

Weit kommt der Münchner mit seiner Baustellentour nicht. Ein Auto hält am Straßenrand, ein Mann steigt zum Quatschen aus: „Hey, Martin! How are you doing?“ Der Mann heißt Terence Willis, kommt aus Detroit und saniert ebenfalls Immobilien. „Martin spornt mich an, weil er eine neue Perspektive reinbringt. Wenn er ein Haus kauft, stellt er als Erstes einen Müllcontainer auf.“ Willis kann es kaum fassen. „Müll aufsammeln! Das hat hier vorher niemand gemacht.“ Herz lacht, die beiden klopfen sich auf die Schultern. „Alles für Detroit“, sagt Willis. „Wir lassen die Stadt wieder glänzen.“

Um eine Immobilie in Detroit zu erwerben, muss man nicht reich sein. Anhand eines Doppelhauses mit 280 Quadratmetern erklärt Martin Herz, wie sein Geschäftsmodell funktioniert. Das Haus hat er für 5000 Dollar (4570 Euro) von der Detroit Land Bank Authority erworben, einer staatlichen Institution, die leer stehende Gebäude vermarktet. Dann kommt die eigentliche Investition: Fenster, Türen, Dach, Boden, Strom- und Wasserleitungen müssen neu gemacht werden, ebenso die Heizung und die Küche. „So eine Sanierung kostet gut und gerne 250 000 Dollar“, sagt Herz. Nur die soliden Backsteinmauern und Holzbalken bleiben stehen. Am Ende verkauft er das Haus wieder, in diesem Fall für 325 000 Dollar. Ein Gewinn von 70 000 Dollar.

Oder er sucht einen Mieter. Wer Interesse hat, muss nicht nur die eigene Kreditwürdigkeit nachweisen, sondern auch ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen. Auch bei Arbeitgebern oder früheren Vermietern ruft Herz an, um sich ein Bild zu machen – ein No-Go in Deutschland, aber in Amerika ganz normal.

Als er 2016 nach Detroit kam, hatte Martin Herz 300 000 Euro in der Tasche. Sie stammten aus einer Hypothek, die er auf seine Münchner Eigentumswohnung aufgenommen hatte. Damals war noch sein Bruder Matthias dabei; er kümmerte sich von München aus ums Finanzielle. Zusammen kauften sie eine ganze Straße, was aber schon bald zum nächsten Problem führte: Die verfallenen Häuser gehörten ihnen nun, aber für die Sanierung fehlte das Geld.

Aus der Not heraus suchten sich die Brüder private Kapitalgeber – laut Herz mit Zinsen von zehn bis zwölf Prozent. „Erst als wir Häuser saniert hatten, konnte ich mich bei den Banken blicken lassen. 15 sagten Nein, eine sagte zu.“ Mittlerweile sind Investoren aus Deutschland mit an Bord. Wie der Leipziger Unternehmer Norbert Giehler. „Ich habe Martin in Detroit durch Zufall auf der Straße getroffen“, erzählt Giehler, der selbst zahlreiche Immobilien in den USA besitzt. Der junge Mann habe ihn sofort überzeugt. „Er war mir sympathisch, es fühlte sich gut an – da bin ich sehr spontan. Von Profit sind wir zwar noch Lichtjahre entfernt“, sagt Giehler, „aber wir müssen ja erst mal was aufbauen.“

Kritiker schimpfen über Steueranreize für Milliardäre

Doch diese Ansicht teilen nicht alle. Theo Pride zum Beispiel. Der Aktivist leitet die Detroit People’s Platform, einen Verein, der für die Rechte der mehrheitlich schwarzen Bevölkerung eintritt. Er schimpft gegen „Steueranreize für Milliardäre“ und eine Politik, „die denen das meiste gibt, die schon das meiste haben“. Martin Herz ist kein Milliardär, doch auch er trägt in Prides Augen zu einer Verdrängung der Alteingesessenen bei: Das Wohnen in den aufgehübschten Vierteln werde so teuer, dass es sich nur noch Weiße leisten können.

Konkret stört ihn, dass der deutsche Unternehmer so viele kleine Apartments herrichtet – für berufstätige Singles. „Davon haben Familien nichts. Die Preise, die er verlangt, können sich viele nicht leisten, selbst wenn sie auf dem Papier günstig sind.“

Es ist schwer, diesen Widerspruch aufzulösen, selbst wenn sich Martin Herz als einer der Guten sieht. „Das ist keine Gentrifizierung, sondern Normalisierung“, sagt er, denn wenn er sie nicht kaufe, würden die Ruinen einfach verfallen. „Meine Nachbarn freuen sich, dass sich in ihrem Viertel endlich was tut“, behauptet Herz. Aber auch er hat schon Menschen rausgeworfen. „Das waren Mietnomaden, die vorher gar keine Miete bezahlt haben. Niemand hat das Recht, irgendwo zu wohnen, wo man es sich nicht leisten kann.“ Der herzliche Typ mit der Baseballmütze – in solchen Momenten wirkt er ziemlich kalt.

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