Investor Norbert Ketterer erzählt Wie der Stadtteil auf dem IBM-Labor entsteht

Diese Häuser werden aus Holz gebaut: So ähnlich wie in Dresden könnte die Bebauung am Böblinger IBM-Labor auf dem Rauhen Kapf aussehen Foto: Nokera

Der ehemalige Böblinger möchte in seiner Heimatstadt die größte Holzbau-Siedlung des Landes bauen und für günstigen Wohnraum sorgen.

Vor Kurzem hatte Norbert Ketterer hohen Besuch. Bundesbauministerin Klara Geywitz und Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Rainer Haseloff machten dem ehemaligen Böblinger ihre Aufwartung. Auch das ARD-Fernsehen war dabei. In einem Industriegebiet in der Nähe von Magdeburg präsentierte Ketterer seinen Gästen Beeindruckendes: eine Halle, 700 Meter lang und 170 Meter breit, die gerade gebaut wird. Eine Halle, die einmal Mehrfamilienhäuser ausspucken wird.

 

Hier in der ostdeutschen Provinz soll sie entstehen, die Keimzelle für das neue Bauen, von hier aus möchte Norbert Ketterer mit seiner vor zwei Jahren gegründeten Firma Nokera die Zukunft des Wohnungsbaus revolutionieren. Schon jetzt beschäftigt das Unternehmen über 1000 Mitarbeiter an acht Standorten in Deutschland. Im Verwaltungsrat hat sich Ketterer unter anderem die Expertise eines ehemaligen Tesla-Managers gesichert.

20 000 Wohnungen sollen die Holzbauhalle pro Jahr verlassen

Nicht nur deshalb fühlt man sich in Sachsen-Anhalt an Elon Musk erinnert. Angesichts der Riesenhalle spricht man dort auch von der „Schweizer Gigafactory“ – weil Ketterer fast so gigantisch unterwegs ist wie der US-Milliardär und seine Firma Nokera in der Schweiz residiert. 20 000 Wohnungen pro Jahr sollen den Produktionsort in Sachsen-Anhalt demnächst pro Jahr verlassen – aus Holz gebaut. Zehn Minuten wird es dauern, bis ein Deckenteil produziert ist. Wenige Meter entfernt zeigt Norbert Ketterer seinen Besuchern, wie das aussieht, wenn alles fertig ist. Die Bauarbeiter haben zu Anschauungszwecken ein Mehrfamiliengebäude in die Landschaft gesetzt: „Dieses Haus haben wir innerhalb von dreieinhalb Monaten aufgestellt“, erklärt Ketterer dem Fernsehen.

Die Faszination für seine neueste Geschäftsidee hat Norbert Ketterer auch in einem Böblinger Café nicht verloren. Wenige Wochen nach dem Ministerinnenbesuch legt er Computeranimationen auf den Tisch, die schicke Stadthäuser zeigen. „Sieht man doch nicht, dass das Holzbauten sind, oder?“, fragt er. Holz ist für Norbert Ketterer der „Baustoff des Jahrhunderts“, das Haus vom Fließband die Zukunft. „Wir bauen wie die Automobilindustrie“, erklärt er. Nur eine Planung, nur eine Statik, alles digitalisiert: Je mehr Wohnungen seine Firma liefern wird, desto billiger werden diese. Hier liegt für Norbert Ketterer auch ein Schlüssel zur Lösung der Wohnungsprobleme. Nur wenn rasch, billig und nachhaltig produziert werde, könne Deutschland das drängende Wohnungsproblem lösen, sagt er.

Wie Phönix aus der Asche

Bald wird Norbert Ketterers Heimatstadt ein Zentrum dieses Pioniergeistes werden. Auf dem Gelände des Böblinger IBM-Labors möchte er einen ganzen Stadtteil bauen. „Die größte Holzbau-Siedlung des Landes“, verspricht Ketterer. Rund 35 Jahre nachdem er Böblingen verlassen und es zum millionenschweren Immobilienunternehmer mit Wohnsitz in der Schweiz gebracht hat, möchte er hier ein Leuchtturm-Projekt schaffen.

Wie Phönix aus der Asche tauchte Norbert Ketterer 2019 in seiner ehemaligen Heimat auf, als er mit seiner Firma Greenpark Böblingen das Gelände von der IBM erwarb. Niemand hatte ihn auf dem Schirm, als er die verbliebenen Interessenten im Bieterverfahren auf der Zielgerade aus dem Rennen drängte. Ob ihm dabei half, dass er für die IBM deren neues Forschungszentrum in Ehningen mit einem dreistelligen Millionenbetrag finanziert hat? „Ich gehe davon aus, dass wir am meisten geboten haben“, sagt Ketterer. Das Grundstück, versichert er, sei günstig gewesen. Wohl mit ein Grund, warum Norbert Ketterer auch nicht bange ist, sein Böblinger Vorzeigeprojekt mitten in der Krise in Angriff zu nehmen. Sobald die IBM Ende 2023 auszieht, soll es losgehen.

Wohnraum für 2400 Menschen wird dann an der Stelle entstehen, wo bisher Computer-Chips und digitale Superhirne entwickelt worden sind. 500 Millionen Euro möchte Ketterer hierfür investieren – dort, wo sein Vater viele Jahre als Techniker für die IBM gearbeitet hat, nur einen Steinwurf weg von dem Gelände, auf dem er früher dem Tennisball hinterher jagte, nur wenige Kilometer von seinem Jugendzimmer entfernt, das sich in einem der Hochhäuser beim Oberen See am Siebeneck befand.

Wohnraum für die Zukunft und den schmalen Geldbeutel

Norbert Ketterer ist davon überzeugt, dass er mit der Fließbandproduktion für Wohnhäuser hier genau richtig ist. „Wir brauchen dringend Wohnraum“, sagt er. In der Tat: Auch in Böblingen sind Wohnungen Mangelware – vor allem für den schmalen Geldbeutel. Und hier möchte Ketterer Abhilfe schaffen. Rund 30 Prozent preisgünstigen, sozial verträglichen Wohnraum muss der Investor auf diesem Areal schaffen. So lauten die Spielregeln der Stadt. Eine Quote, die viele Bauherren abwinken lässt.

Eine halbe Stunde und die Küche ist eingepasst

Norbert Ketterer fürchtet diese Vorgaben nicht. Mit Häusern aus der Großproduktion lassen sich preiswerte Wohnungen stemmen. Das Nokera-Konzept sei darauf abgestimmt, sagt Ketterer. Für den günstigen Preis gibt es dafür keine Sonderwünsche, aber „hohen Standard“, wie Norbert Ketterer betont. Hinter den Holzfassaden seiner Häuser ist alles gleich: die Aufteilung, die Bäder, die Küchen – schick und funktional designt, zum größten Teil in den Nokera-Werken produziert und vormontiert. Vor Ort braucht es dann nur noch eine halbe Stunde und einen Kran, der die kompletten Module einpasst.

Packt er im Konfliktfall den großen Hebel aus?

Dass hier ein Großinvestor mit viel Geld ein Filetstück Böblingens ganz alleine bespielt, ist nicht ganz unumstritten in der Stadt. Manche befürchten eine Abhängigkeit von den Millionen des ehemaligen Sohnes dieser Stadt. Was passiert, wenn sich die Absichten von Norbert Ketterer und der Stadt im Zuge des weiteren Verfahrens plötzlich nicht mehr decken?

Es werde kein Baurecht geschaffen, falls die Interessen der Stadt nicht berücksichtigt werden, betont Baubürgermeisterin Christine Kraayvanger. „Die Bebauung muss zur Stadt und zum Quartier passen“, sagt sie. Wenn dies nicht mehr der Fall sein sollte, betätigt Norbert Ketterer dann den großen Hebel und lässt das Böblinger Hoffnungsareal unerledigt liegen? „Nein, es läuft sehr gut mit der Stadt“, versichert Ketterer, macht aber auch keinen Hehl daraus, dass am Ende für den Investor etwas übrig bleiben muss. Auch Christine Kraayvanger sieht derzeit keinen Grund zur Sorge: „Der Spirit ist da“, lobt sie, „bisher gab es im Verfahren noch keine kritischen Punkte.“ Anlass für die Bundesbauministerin, vielleicht bald mal in Böblingen vorbeizuschauen?

Norbert Ketterers Investitionen in Böblingen und Ehningen

NXP-Areal
Während der Finanzkrise hat Norbert Ketterer das Gelände der ehemaligen IBM-Chipfabrik gekauft und mit seiner Gateway Real Estate AG zu einem Logistikstandort entwickelt. Der noch unbebaute Teil des Areals gilt als letzte große Industriebrache Böblingens. Mittlerweile hat Ketterer das Gelände wieder veräußert.

Klett Areal
Den Rohbau des Klett-Areals in der Bahnhofstraße hat das Schweizer Bauunternehmen Implenia übernommen, bei dem Norbert Ketterer Mehrheitsaktionär ist. Als Projektentwicklerin tritt die Münchner Isaria auf – ein Unternehmen, an dem Ketterer lange Zeit große Anteile besaß.

IBM-Technology Campus
Als Großinvestor trat Norbert Ketterer in Ehningen auf. Mit seiner Development Partner AG finanzierte er den Bau des neuen Vertriebs- und Forschungsareal des Computerherstellers, das derzeit entsteht. Das Projekt umfasst vier sechsstöckige Gebäude und gilt als größtes Bauvorhaben der IBM in Deutschland. Investitionssumme: ein „niedriger“ dreistelliger Millionenbetrag.

IBM-Labor
Norbert Ketterers Gesellschaft Greenpark Böblingen hat 2019 das 13 Hektar große Areal des IBM-Labors in Böblingen erworben. Dort plant er einen neuen Stadtteil für über 2000 Menschen. Die Gebäude sollen in Holzbauweise entstehen. Die Produktion der Holzfertigteile übernimmt Ketterers jüngstes Unternehmen – die Schweizer Firma Nokera. Ketterer investiert rund 500 Millionen Euro.

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