IPAI-CEO Moritz Gräter „Wer sich mit KI beschäftigt, der muss hier gewesen sein“

IPAI-CEO Moritz Gräter im Interview mit unserer Zeitung. Foto: Avanti/Ralf Poller

Ein Ort, der Europas KI-Zukunft mitgestalten soll – in Heilbronn: IPAI-Geschäftsführer Moritz Gräter spricht exklusiv über seine Pläne und Visionen.

Baden-Württemberg: Lea Krug (lkr)

Der Innovationspark Künstliche Intelligenz (IPAI) soll ein zentraler KI-Standort innerhalb Europas werden. So zumindest sieht es IPAI-Geschäftsführer Moritz Gräter, der unserer Zeitung exklusiv die Pläne zum neuen Campus im Areal Steinäcker – nordwestlich der Heilbronner Innenstadt – präsentiert. Wirtschaft, Gesellschaft und Wissenschaft sollen Platz finden, neue Wege zu gehen. So die Idee von Gräter, den wir in den IPAI-Spaces getroffen haben.

 

Sie wollen mit dem IPAI eines der bedeutendsten KI-Ökosysteme Europas werden. Ist das nicht größenwahnsinnig?

Ich würde sagen, es ist eine große Vision. Wir am IPAI wollen wirklich einen Unterschied machen. Die ursprüngliche Idee für IPAI hatte das Land Baden-Württemberg, doch von der ersten Idee bis heute hat sich viel getan: Wir sind im Oktober 2022 gerade mal mit drei Leuten gestartet, heute sind wir 60 Mitarbeiter und haben fast 80 Mitglieder und Partner. Darunter sehr große Unternehmen wie Audi und Porsche, Vodafone, aber auch viele Mittelständler wie Fischer, Mann+Hummel oder EBM-Papst.

Warum sind Sie sich so sicher, dass diese große Vision auch Wirklichkeit werden kann?

Nur ein Beispiel von vielen: Vor wenigen Monaten erst hat Audi, welches von Anfang an Mitglied unserer Plattform ist, bekannt gegeben, dass es Neckarsulm zum zentralen Standort für Digitalisierung und KI im Konzern machen will. Und eines der führenden Chipcluster Europas – imec – baut am IPAI einen neuen Standort auf. Das zeigt für mich: IPAI ist schon heute ein Erfolg. Und dennoch sind wir erst am Anfang dieser Reise.

In Hinblick auf die rasanten Entwicklungen in den USA und in China stellt sich aber die Frage, ob es für Europa nicht ohnehin schon zu spät ist für KI, oder?

Wir müssen definitiv unsere KI-Infrastruktur stärken. Aber bei der Anwendung von KI, gerade im Industriebereich, sehen wir große Möglichkeiten. Mit unserer Plattform schaffen wir eine Allianz der Willigen, die Lust haben ihre Unternehmen mit KI zu transformieren und damit zukunftsfähig aufzustellen.

Was war zuerst da: der Ort oder die Idee?

Der Ort selbst ist Teil der Idee. Heilbronn ist ein Zukunftsort – hier kommen viel Puzzlestücke für Zukunft zusammen. Im Umkreis von 80 Kilometern um Heilbronn leben über fünf Millionen Menschen – ein enormes Einzugsgebiet mit vielen Weltmarktführern. Das Land Baden-Württemberg hat den Bedarf für ein solches KI- Zentrum erkannt, um Künstliche Intelligenz gezielt in die Anwendung zu bringen. Mit diesem Anspruch haben wir uns beworben – mit einem 30 Hektar großen Areal für den Campus.

Der neue Campus von oben Foto: IPAI/MVRDV

Wann geht es so richtig los und was soll konkret auf dem Campus entstehen?

Im November ist Spatenstich und dann entsteht sukzessive ein Quartier, das architektonisch so gestaltet ist, dass es einerseits die perfekte Heimat für Unternehmen ist, um hier an KI zu arbeiten – aber in dem auch Austausch und Transparenz gefördert wird, mit Gebäuden wie dem Reallabor, wo Technologien pilotiert und sehr frühzeitig unter Realbedingungen vertestet werden können. Ebenfalls aufgebaut werden eine Kita und auch ein Wohngebäude – für Menschen, die für eine begrenzte Zeit hier arbeiten. Wir wollen, dass hier wirklich Leben herrscht. Das ganze Gelände wird grundsätzlich für die Öffentlichkeit zugänglich sein. Und das architektonische Highlight ist sicher das öffentliche Kommunikationszentrum mit der verspiegelten Fassade: ein zentraler Ort, an dem wir in Ausstellungen, Workshops und Events die Menschen für KI begeistern wollen.

Warum ist es so wichtig, die Gesellschaft beim Thema KI mitzunehmen – sind wir zu ängstlich?

So eine disruptive Technologie braucht Akzeptanz in der Gesellschaft. Es gibt viele Menschen, die Angst haben vor KI, das ist auch alles etwas unheimlich, das verstehe ich. Aber ich will hier deutlich machen: Es ist ein Werkzeug und wir müssen jetzt lernen, es richtig einzusetzen.

Sie haben drei Kinder – dürfen die auch schon KI nutzen? Oder sind Sie da nicht auch selbst skeptisch?

Es darf digitale Unterstützung geben – das gebe ich auch meinen Kindern mit. Technologie kann helfen. Ich versuche ihnen zu zeigen, wie KI sinnvoll eingesetzt werden kann. Bei uns zu Hause lassen wir zum Beispiel unsere eigenen Gute-Nacht-Geschichten mit KI erstellen. Ein Verbot der Technologie gibt es bei uns nicht – meine Kinder sollen lernen, verantwortungsvoll mit KI umzugehen.

Droht uns durch manche Technologien nicht auch eine gewisse Verblödung, wenn wir nicht mehr selbst denken, sondern nur noch die KI fragen?

KI soll uns unterstützen – aber der Mensch steuert sie. Und das ist ganz entscheidend. Wenn man sieht, wie viel Kreativität und Wertschöpfung entsteht, wenn Mensch und KI zusammenwirken, dann ist genau das der Weg, den wir brauchen.

Einerseits ist beim IPAI immer wieder von Bildung und Transformation die Rede, aber geht es letztlich nicht auch einfach darum, Geld zu verdienen?

IPAI soll sich mittelfristig finanziell selbst tragen – ganz klar. Unternehmen bezahlen dafür, um hier dabei zu sein. Aber wir haben auch einen gemeinnützigen Teil, die IPAI Foundation, in der wir uns mit gesellschaftlichen Themen beschäftigen dürfen. Dazu gehört ein Besucherzentrum, in dem wir ganz grundlegend und spielerisch erklären, was mit KI möglich ist, aber auch offen diskutieren, wo die Grenzen und Probleme liegen.

Was macht ihnen selbst Sorgen?

Der Energieverbrauch von Künstlicher Intelligenz ist eine echte Herausforderung. Stand heute benötigen KI-Anwendungen noch zu viel davon – und das müssen wir ernst nehmen. Es kann nicht nur um höher, schneller, weiter gehen. Wir müssen auch hinterfragen, welchen Ressourceneinsatz diese Technologie erfordert – und wie wir sie effizienter gestalten können.

Woher kommt das Geld dafür und wie hoch ist die Investitionssumme?

Das Land Baden-Württemberg stellt rund 50 Millionen Euro als Anschubfinanzierung zur Verfügung. Auch die Dieter Schwarz Stiftung beteiligt sich mit weiteren 50 Millionen Euro für den gemeinnützigen Teil von IPAI und für unsere IPAI Foundation. Darüber hinaus fließen Investitionen aus den Unternehmen der Schwarz Gruppe, mit denen wir den verbleibenden Finanzierungsbedarf abdecken.

Das Kommunikationszentrum in mehr als 60 Meter Höhe soll der zentrale Ort des Campus werden. Foto: IPAI/MVRDV

Heute geben Sie erstmals Einblick in die Architektur des IPAI-Campus. Ist er angelehnt an die Konzepte im Silicon Valley?

Solche Orte sind ohne Frage eine wichtige Inspirationsquelle. Wir kopieren aber nicht einfach, sondern entwickeln etwas, das zu uns und auch unserer Region passt. Hier schaffen wir einen Ort, an dem Wirtschaft, Wissenschaft und Forschung zusammenkommen. Diesen Campus haben wir so geplant, dass er Platz für 5.000 Arbeitsplätze bietet. Die ersten Gebäude im ersten Bauabschnitt sollen Ende 2027 bereits stehen. Der Ort soll gleichermaßen für KI-Entwicklerinnen und -Entwickler gedacht sein – aber auch für den Großvater, der gemeinsam mit seinem Enkel mehr über das Thema erfahren möchte. Unser Ziel ist es, einen ikonischen Ort zu schaffen – einen Sehnsuchtsort für alle, die sich mit Künstlicher Intelligenz beschäftigen. Einen Ort, von dem man später sagt: Wer sich mit KI beschäftigt, muss einmal dort gewesen sein.

Moritz Gräter
Der Geschäftsführer des IPAI, Moritz Gräter, stammt aus einer Tübinger Juweliersfamilie, ist 42 Jahre alt und hat drei Kinder. Seit Oktober 2022 ist er der CEO des IPAI.

Architekturbüro MVRDV
Hinter dem architektonischen Entwurf zum neuen IPAI-Campus und der Ausarbeitung steckt das renommierte niederländische Architekturbüro MVRDV, die beispielsweise auch das Depot des Rotterdamer Museums Boijmans Van Beuningen entworfen haben.

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