Über Tage waren Zehntausende Jesiden im kargen Sindschar-Gebirge im Nordirak eingeschlossen. Die meisten konnten aus dem Höhenzug fliehen. Die USA verzichten auf eine Rettungsaktion.

Korrespondenten: Knut Krohn (kkr)

Bagdad - Nach der Flucht der meisten Jesiden aus dem irakischen Sindschar-Gebirge hat das US-Militär einen zunächst erwogenen groß angelegten Rettungseinsatz wieder verworfen. In dem Höhenzug im Norden des Landes seien nur noch rund 1000 Menschen eingeschlossen, sagte einer Sprecherin der UN-Mission im Irak (Uanmi) am Donnerstag der Nachrichtenagentur dpa. Laut dem Flüchtlingshilfswerk UNHCR konnten sich in den vergangenen fünf Tagen etwa 80 000 Menschen aus dem Gebirge vor den Dschihadisten in Sicherheit bringen.

 

Die Vereinigten Staaten hatten zuvor einen Militäreinsatz erwogen, um Zehntausende Menschen aus dem kargen Sindschar-Gebirge zu retten. Das Pentagon teilte jedoch mit, Spezialeinheiten der USA seien nach Erkundungen zu dem Schluss gekommen, dass sich dort wesentlich weniger Flüchtlinge aufhielten als angenommen. Nach US-Luftschlägen in den vergangenen Tagen sei es vielen gelungen, mit Hilfe kurdischer Kämpfer der Belagerung durch die Terrormilz Islamischer Staat (IS) zu entkommen. Zudem seien die Verfolgten nach Abwürfen von Nahrung und Wasser durch die US-Streitkräfte besser versorgt als noch vor einigen Tagen, teilte Pentagonsprecher John Kirby mit.

Die UN rufen die höchste Notstandstufe aus

Wegen der Flüchtlingsentwicklung in den vergangenen Tagen riefen die Vereinten Nationen (UN) für den Irak die höchste Notstandsstufe aus. Es gelte der Notstand der Stufe 3, teilte die Unami mit. Die dritte Stufe ermöglicht es den UN, zusätzliche Hilfsgüter und Gelder zu mobilisieren. Der Irak ist nach Syrien, dem Südsudan und der Zentralafrikanischen Republik aktuell das vierte Land, in dem die UN einen Notstand der Stufe 3 erklärt haben.

Pentagonsprecher John Kirby teilte auch mit, dass die US-Luftangriffe auf islamistische Milizen in der Region weiter gehen würden, um deren Vormarsch zu stoppen. So zerstörten Kampfdrohnen nahe einem Stützpunkt der Extremisten einen mit Waffen bestückten Lastwagen der IS-Milliz, teilte das US-Militär mit.

Die Erfolge der Islamisten sind überraschend

Die Erfolge der IS-Kämpfer sind überraschend. Zumal nach Ansicht von Experten wesentlich weniger Kämpfer zu ihren Verbänden zählen als das schnelle Vorrücken vermuten lässt. Die Rede ist von einigen tausend Mann, welche die Regierungstruppen seit zwei Monaten vor sich hertreiben. Allerdings verfügen die Terroristen über modernes Waffenmaterial. Die irakische Armee hat bei ihrem Rückzug moderne Ausrüstung hinterlassen, die zu großen Teilen aus den USA stammt. Dadurch konnten die IS-Kämpfer „erhebliche Mengen jener Ausrüstung erbeuten, die sie am dringendsten brauchten“, erklärt der Rüstungsexperte Anthony Cordesman vom Center for Strategic and International Studies in Washington.

Die IS-Kämpfer sind aber auch in der Lage, sich Waffen zu besorgen. Das Geld dafür bekommen sie vor allem durch Spenden aus Katar und Saudi-Arabien, aber auch durch Wegzölle entlang der Grenzen zwischen dem Irak und Syrien. Zudem sind die Kämpfer sehr erfahren. Die Beteiligung an den Gefechten des syrischen Bürgerkriegs habe der IS „unvergleichliche Trainings- und Lernmöglichkeiten geboten“, erläutert ein Sprecher der auf Aufklärungsdienste spezialisierte US-Firma Soufan. Die Dschihadisten kämpfen in Syrien seit 2013 gegen den Machthaber Baschar al-Assad.

Die Motivation der Terroristen ist hoch

Die Militäroffensive der Terroristen konzentriert sich bisher auf sunnitisch geprägte Regionen, in denen der IS Rückhalt erfährt. Weil der Widerstand in diesen eher dünn besiedelten Regionen sehr überschaubar ausfiel, konnten die Islamisten die Verluste in den eigenen Reihen minimieren sowie Motivation und Zusammenhalt stärken. Mit entscheidend ist auch der Ruf, der den IS-Truppen vorauseilt. Sie gelten als äußerst grausame Kämpfer, die den Tod nicht fürchten. Über das Internet und die sozialen Netzwerke verbreitet die Gruppe gezielt brutale Fotos, etwa von enthaupteten Feinden, um den Kampfeswillen ihrer Gegner zu unterhöhlen.

Der Erfolg der IS-Milizen ist auch auf Schwäche der Gegner zurückzuführen. Die kurdischen Peschmerga-Milizen seien im Vergleich zur irakischen Armee zwar relativ kampfstark, sagt der Rüstungsexperte Cordesman, „aber ihre Infanterie ist schwach“. Erfahrene Kämpfer, die schon gegen den irakischen Diktator Saddam Hussein gefochten hätten, gebe es nicht mehr. Außerdem schmälerten die finanziellen Probleme der Autonomieregierung von Kurdistan auch die Kampfkraft der Peschmerga. Die irakische Armee wiederum versucht immer noch vergeblich, ihre Selbstauflösungserscheinungen nach den Anfangserfolgen der Dschihadisten vergessen zu machen. Von einer schlagkräftigen Truppe kann aber keine Rede sein, wie die mangelnden Resultate der angekündigten Gegenoffensive verdeutlichen. „Die IS hat die frappierenden Schwächen ihrer Gegner aufgezeigt“, heißt es bei Soufan. „Das zeigt sich ganz besonders im erbärmlichen Erscheinungsbild der irakischen Armee.“

Die umkämpften Gebiete und die Zahl der Flüchtlinge im Irak. Klicken Sie auf die Grafik für eine größere Ansicht