Iran-Krieg und Asien Schiebende Mopedfahrer und darbende Bauern
Was in Europa ärgerlich ist, ist in Asien zum Teil dramatisch. Mancherorts bedrohen gestiegene Energiepreise Leib und Leben. Es gibt aber auch Ausnahmen.
Was in Europa ärgerlich ist, ist in Asien zum Teil dramatisch. Mancherorts bedrohen gestiegene Energiepreise Leib und Leben. Es gibt aber auch Ausnahmen.
In Deutschland sind die Spritpreise auf Rekordhoch, die Autofahrer schimpfen und die Regierung macht mehr oder weniger hilflose Angebote, die Situation zu verbessern. In Asien stellt sich die Situation vielerorts um einiges dramatischer dar. Der Krieg gegen den Iran, geführt von den USA und Israel, blockiert den Handel durch die Straße von Hormus, und es sind vor allem die asiatischen Länder, die mit Öl und Gas von dort aus versorgt werden.
Das treibt absonderliche Blüten, die in Washington mit Missfallen zur Kenntnis genommen werden. Japan, Thailand, Südkorea und die Philippinen, eigentlich Nationen, die ziemlich fest aufseiten der USA verortet sind, haben versucht, mit dem Iran Abkommen zu schließen, die Lieferungen von Öl und Erdgas gewährleisten sollen. Zudem kaufen asiatische Länder vermehrt Rohstoffe aus Russland – und füllen somit die Kassen des Kreml. Eine willkommene Finanzspritze für Wladimir Putin, nicht zuletzt um den Krieg in der Ukraine weiter zu finanzieren.
So zum Beispiel die Philippinen. Der Inselstaat hat bereits im März als erstes Land der Welt den nationalen Energienotstand ausgerufen und zum ersten Mal seit Beginn des Ukraine-Krieges wieder russisches Öl gekauft. Die fast vollständig von Importen aus der Golfregion abhängige Wirtschaft liegt am Boden, der öffentliche Verkehr funktioniert nicht mehr, der Landwirtschaft fehlen Düngemittel.
Diplomaten aus Manila verhandeln mit Teheran und – das zeigt die Dramatik der Situation – mit Peking. Trotz hitziger Streitigkeiten über Grenzen und Territorien im Südchinesischen Meer wurde die Zusammenarbeit im Energiesektor gesucht. Und China sagt klar, was es im Gegenzug erwartet. „Strategische Klarheit“ fordert die Zeitung „Global Times“ von Manila. Begrenzte Ressourcen seien zur Linderung der innenpolitischen Probleme einzusetzen und nicht „um wertvollen Treibstoff für teure Militärübungen und provokative Manöver zu verschwenden“.
Steigende Lebensmittelpreise und die Auswirkungen der Nahostkrise auf die Verfügbarkeit von Treibstoff und Gas führen in Indien dazu, dass manch ein Wanderarbeiter um sein Überleben kämpfen muss. Viele Menschen haben Schwierigkeiten, an Flüssiggasflaschen zu gelangen, dem in Indien am weitesten verbreiteten Brennstoff zum Kochen. Die BBC berichtet darüber, dass sich der Preis pro Flasche in den letzten Tagen vervierfacht habe und damit über dem Tagesverdienst liege. Die Arbeiter verließen daher in Scharen die Städte, um in ihre Provinzen zurück zu kehren. Dort gibt es zwar kaum Möglichkeiten um etwas zu verdienen, ein Feuer kann zur Not aber mit Holz entzündet werden.
In Bangladesch, mit 173 Millionen Einwohnern eines der am dichtesten bevölkerten Länder der Welt, ist der Benzin- und Gas-Markt fast vollständig zusammengebrochen. Das Land muss mehr als 95 Prozent seines Energiebedarfs durch Importe decken. Um Energie zu sparen wurden Universitäten geschlossen und an Tankstellen der Verkauf von Kraftstoffen rationiert. Letzteres hat sich weitgehend erledigt, die Tanklager sind an vielen Stationen leer. Mopedfahrer, die es noch bis zur Zapfsäule geschafft hatten, sieht man ihr Gefährt nach Hause schieben. Ein weiteres Problem: die aktuelle Reisernte benötigt besonders intensive Bewässerung und Düngung – an beidem fehlt es nun.
Verglichen mit den Auswirkungen in den ärmeren Regionen Asiens scheint die Lage in Japan beherrschbar. Zum zweiten Mal seit Beginn des Iran-Kriegs wird die Regierung Anfang nächsten Monats Ölreserven freigeben. Im April hatte Premierministerin Sanae Takaichi bereits die größte Freigabe genehmigt, die die Regierung jemals getätigt hat. Das Land verfügt über Ölreserven für 230 Tage, importiert aber auch 95 Prozent seines Rohöls aus dem Nahen Osten. Nun versucht die japanische Regierung zunehmend anderswo einzukaufen, Öl ebenso wie Gas. Denn vor der Tür wartet bereits ein Problem in Form des japanischen Sommers: dann werden all überall die Klimaanlagen angeworfen, und die sind besonders energieintensiv.
Derweil kommt China bisher vergleichsweise wenig beschädigt durch die Krise. Peking hat in der Vergangenheit viel Wert auf die Energiesicherheit gelegt, erneuerbare Energien ausgebaut und die Rohstoffe aus vielen verschiedenen Ländern bezogen. Dennoch bleibt das Land der weltweite größte Importeur von Rohöl – und hat in den vergangenen Monaten und Jahren gigantische Reserven angelegt. Deren genaue Menge ist geheim, sollte aber über mehrere Monate bis hin zu einem Jahr reichen – für ein Land mit 1,4 Milliarden Menschen.
Ob diese Vorräte bereits angezapft werden ist ebenso geheim – gilt aber als unwahrscheinlich. Denn der mit großem Abstand wichtigste Energieträger ist die heimische Kohle, die deutlich mehr als die Hälfte der gesamten Energieversorgung ausmacht. Deren Nutzung ist für die Unabhängigkeit gegenüber dem Weltmarkt ein Segen für Peking – und für das Weltklima eine Katastrophe.