Iranerin aus Ludwigsburg Proteste im Iran:„Dieses Mal wird es zum Sieg führen“

Die Ludwigsburgerin Arezoo Shoaleh bei einer früheren Kundgebung für Freiheit im Iran. Foto: Simon Granville

Die Proteste im Iran wachsen, das Regime tötet und der Kanzler hält sich zurück. Ein Gespräch mit Lokalpolitikerin Arezoo Shoaleh aus Ludwigsburg, die aus dem Iran stammt.

Ludwigsburg: Sandra Lesacher (sl)

Arezoo Shoaleh ist sich sicher: „Dieses Mal ist es anders, dieses Mal wird es zum Sieg führen.“ Seit Ende Dezember dauern die Proteste in ihrem Heimatland, dem Iran, an. Menschen jeden Alters und aus allen Schichten gehen auf die Straße, protestieren für ein Ende des Regimes. Seither wartet die Ludwigsburgerin darauf, „dass wir die Befreiung des Irans feiern können“.

 

Im Gespräch kämpft sie mit den Tränen. Arezoo Shoaleh ist traurig und wütend – hat Angst, aber auch Hoffnung. Sie ist im Iran aufgewachsen und wurde 1979 nach der islamischen Revolution binnen einer Woche vom „normalen Mädchen“ zum Mädchen mit Kopftuch. Die islamische Republik unterdrücke seit mehr als 46 Jahren die Bevölkerung, foltere und morde.

Warten auf Nachrichten

Arezoo Shoaleh kam 1999 mit einem Studentenvisum nach Deutschland. Ihr halbes Leben hat sie hier verbracht, engagiert sich im Ludwigsburger Gemeinderat, arbeitet als Verhandlungsdolmetscherin und ist pädagogische Leiterin beim Verein Frauen für Frauen. Obwohl sie in Deutschland zu Hause ist, treibt sie die Situation in ihrer Heimat um. Aktuell schlafe sie kaum noch oder gar nicht und warte auf immer neue Nachrichten aus dem Iran.

Diese sind zuletzt dramatisch. Das Regime schlägt die Proteste der Bevölkerung brutal zurück, die Menschenrechtsorganisation HRANA spricht am Mittwoch von mehr als 2500 Toten, das iranische Exilmedium Iran International hat recherchiert, dass es mehr als 12.000 Tote sind. Seit Tagen gibt es keine Internetverbindung mehr, nur wenige Nachrichten und Bilder dringen nach außen.

„Wie kann es in der heutigen Zeit möglich sein, dass ein Land sein Volk umbringt?“

Arezoo Shoaleh, Lokalpolitikerin

Sie sind jedoch umso erschreckender. Schwer bewaffnete staatliche Sicherheitskräfte schießen Demonstranten „reihenweise ab, es wird gezielt auf Kopf und Hals gezielt“, hat Arezoo Shoaleh erfahren. „Diese Revolution im Iran“, sagt sie, „ist ein Krieg des Regimes gegen sein Volk“. Dabei gehe es ihr nicht um sich selbst oder ihre Familie im Iran, von der sie seit Tagen nichts mehr gehört hat. Sie weint um Menschen, die sie nicht kennt. „Ich habe 90 Millionen Menschen im Iran. Wie kann es in der heutigen Zeit möglich sein, dass ein Land sein Volk umbringt?“

Die Ludwigsburgerin findet es „enttäuschend und erschreckend“, dass Deutschland und Europa so lange weggesehen, den Ernst der Lage nicht realisiert haben. Wieder einmal. Zwei Wochen hat es gedauert, bis sich der deutsche Kanzler Friedrich Merz zu den Geschehnissen im Iran äußerte. Von vielen anderen, etwa Abgeordneten, war bislang gar nichts zu hören. „Dabei geht es nicht nur um die Menschen im Iran, sondern auch um die Sicherheit in Europa – das hängt zusammen.“

Dass ausgerechnet der amerikanische Präsident Donald Trump, der „weder etwas auf Frauen-, noch auf Menschenrechte gibt, sich einmischt und vielleicht etwas bewirkt, ist skandalös für Europa“, sagt Shoaleh. Dennoch macht es Hoffnung. Die Ludwigsburgerin ist sich sicher, dass das Ende des Regimes nahe ist.

Dass sich der Ludwigsburger Oberbürgermeister Matthias Knecht bei ihr regelmäßig und auch jüngst nach der Lage im Iran informiert, findet sie menschlich und wichtig. In einem Statement in den sozialen Medien meldete sich Knecht zudem zu Wort. Als OB einer schwäbischen Kommune sei man eigentlich nicht berufen, sich zu weltpolitischen Entwicklungen zu äußern, schreibt er. Und doch gebe es Momente, „in denen das Weltgeschehen so nahe rückt und Schweigen keine Option ist“.

„Nicht nur kommentieren, sondern tun“

Matthias Knecht möchte die Menschen im Iran wissen lassen: „Ihr Weg zur Demokratie ist nicht einsam. Untere Unterstützung gilt dem iranischen Volk.“ Das fordere er insbesondere auch von „unseren Regierenden und von der Europäischen Union. Nicht nur kommentieren, sondern tun.“ Der Beitrag hat auf Instagram bereits rund 400 Reaktionen erhalten, deutlich mehr als Knechts Posts normalerweise erhalten. Darunter viele lobende Kommentare wie der einer Nutzerin: „Danke für dieses klare und menschliche Statement. Es macht Hoffnung.“

Solidarität mit den Menschen im Iran soll auch am Freitag, 16. Januar, auf dem Ludwigsburger Rathausplatz gezeigt werden. Mit einer Kundgebung unter dem Motto „Wir schauen hin“ will Arezoo Shoaleh auf die Lage im Iran aufmerksam machen und Solidarität zeigen. Beginn ist um 17.30 Uhr.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Iran Ludwigsburg Proteste Demo Kundgebung