Der Krieg Israels und der USA gegen den Iran treibt die ganze Welt um – besonders Menschen hierzulande, die Verwandte und Freunde in Städten wie Teheran oder Isfahan haben.
Mahsa Ramezanpour hat in der vergangenen Woche das vorerst letzte Mal mit ihrer Schwester gesprochen, bei einem Whatsapp-Anruf zwischen Stuttgart und Isfahan im Zentraliran. Damals sei es ihrer Schwester gut gegangen, heute, ein paar Tage später, weiß es Mahsa Ramezanpour nicht mehr. Seit Freitag, also seit einem Tag vor den Angriffen Israels und der USA auf den Iran, ist das Internet in ihrem Herkunftsland unterbrochen.
Mahsa Ramezanpour, 27 Jahre alt, Sozialarbeiterin in einer Unterkunft für Geflüchtete in Stuttgart-Stammheim, kann sich jetzt nur noch über persische Auslandssender wie Iran International ein Bild machen. Sie hat gesehen, dass es auf Isfahan Angriffe gab. Ihr Verlobter, dessen Familie in der Hauptstadt Teheran lebt, hätte wenigstens einen kurzen Anruf seiner Mutter bekommen, die sagte: „Wir sind am Leben, macht euch keine Sorgen.“
Mahsa Ramezanpours Gefühle sind geteilt: Die ständige Sorge um die Schwester, Tanten und Onkels mischt sich mit der Freude über die Angriffe auf den Iran, denn für die junge Frau ist klar: „Ich stehe voll und ganz hinter den Angriffen von Israel und den USA. Die Menschen im Iran haben seit Jahren versucht, das Regime zu stürzen, aber sie schaffen es nicht allein.“ Ähnliche Sätze habe sie in letzter Zeit auch von jenen iranischen Geflüchteten gehört, die sie in der Stammheimer Unterkunft betreut – aber auch von Freunden und Verwandten im Iran: „Wir können nicht mehr. Wir warten auf die Angriffe.“
Menschen jubelten und tanzten
Eine Haltung, die viele Exiliraner teilen, auch Lena Raisdanai, Nahostwissenschaftlerin und Aktivistin aus Stuttgart. Als am Samstag der Tod des iranischen Führers Ali Chamenei nach und nach durchsickerte, hielt die 33-Jährige gerade eine Rede bei einer Kundgebung auf dem Stuttgarter Schlossplatz. „Ich habe dann durch das Mikrofon den Leuten gesagt, dass wohl der Ajatollah tot ist. Ich werden diesen Moment mein Leben nicht vergessen“, erzählt Raisdanai. Das ganze vergangene Wochenende über sei sie auf der Straße gewesen, Menschen hätten gejubelt und getanzt: „Es war wie an Neujahr oder Weihnachten, wir haben uns gegenseitig Glückwünsche ausgesprochen.“
Natürlich wisse sie um die Ambivalenz von Amerika und Israel als Verbündeten, sehe deren sonstige politische Umtriebe sehr kritisch. Es seien nicht ihre Wunschpartner, aber derzeit wohl unumgänglich. Das sieht auch Mahsa Ramezanpour so. Generell lehne sie Krieg ab, aber in dieser Situation sehe sie keinen anderen Ausweg, spätestens seit den Massakern des Regimes an seinen protestierenden Bürgern im Januar nicht mehr. Dass Chamenei tot ist, war für sie „die beste Nachricht“. Als Nachfolger des jetzigen Regimes befürwortet sie Reza Palavi, den Sohn des ehemaligen Schahs. Und Lena Raisdanai sagt: „Ich hoffe, dass wir bald einen politischen Wechsel ohne Einfluss des Islams in der Politik haben werden, auch wenn der Iran ein islamisches Land ist.“
Arwin Mirzaie: Widerständler hätten es aus eigener Kraft geschafft
Arwin Mirzaie hat klare Vorstellungen, wie er sich die Zukunft des Landes vorstellt, aus dem seine Eltern vor rund 30 Jahren geflohen sind: „Eine freiheitlich-demokratische Republik“ wünsche er sich. „Keine Schah-Diktatur, kein religiöses Regime“. Mirzaie engagiert sich im Verien „Junge stimme Iran“, organisierte Demos mit, unterstützt den Zehn-Punkte-Plan des Nationalen Widerstandsrats Iran (NWRI), der unter anderem allgemeine Wahlen und Gleichberechtigung fordert.
Auch wenn der 25-Jährige keine engen Verwandten mehr im Iran hat, nehmen ihn die Ereignisse mit, vor allem wie das Regime immer wieder Widerstand nieder schlug und Menschen tötete. Eine Einmischung von Außen, wie jetzt geschehen, sieht Mirzaie aber kritisch: „Ich bin überzeugt, dass die Widerstandsgruppen im Iran das Regime selbst stürzen können“, sagt der Sutttgarter Student.
14-jährige Tochter noch im Iran
Serveh Ezazi (40) hingegen glaubt, dass sich Israel und die USA zurecht eingeschaltet haben. Anders sei ein Umbruch nicht machbar. Die kurdischstämmige Iranerin lebt seit 2022 in Deutschland und heute in Stuttgart. Sie sorgt sich um ihre 14-jährige Tochter, die beim Vater in Nord-Westen des Irans bleiben musste, und um ihre Mutter und jüngste Schwester in Teheran. Von keiner der dreien hat sie in letzter Zeit etwas gehört. Wie geht es ihnen? Wie kommen sie durch den immer noch kalten Winter und den Krieg? Um diese Fragen kreisen Serveh Ezazis Gedanken.
„Seltsame Gefühle“ seien es, mit denen sie in diesen Tagen auf ihr Heimatland blicke. Da sei die „Freude von Herzen“, dass der Ajatollah tot ist, und die Hoffnung auf Demokratie und Freiheit für alle, insbesondere auch die Kurden, in ihrem Land. Andererseits treibe sie diese große Sorge um die Lieben um. „Wie soll ich da fröhlich sein?“, fragt Serveh Ezazi.