WG für Menschen mit Behinderung Damals wie heute eine Vorreiterrolle

Von Waltraud D. Engel 

Am Freitag ist das neue Irene-Farenholtz-Haus in Sonnenberg den künftigen Bewohnern übergeben worden. Das Konzept ist bislang einmalig.

Jürgen Kaltenbrunner (rechts) und Reinhard Bratzel (Zweiter von rechts) übergeben den gebackenen Schlüssel an die anwesenden Bewohner. Foto: Waltraud Daniela Engel
Jürgen Kaltenbrunner (rechts) und Reinhard Bratzel (Zweiter von rechts) übergeben den gebackenen Schlüssel an die anwesenden Bewohner. Foto: Waltraud Daniela Engel

Sonnenberg - Sophie Kowalik ist sichtlich glücklich: In wenigen Wochen kann sie ihr neues WG-Zimmer im Irene-Farenholtz-Haus an der Laustraße beziehen und damit einen wichtigen Schritt in Richtung selbstbestimmtes Leben gehen. „Dann geht es endlich weg von meiner Mutter“, sagt die 22-Jährige und lacht. Ganz wie ihre Brüder wolle sie in der Wohngemeinschaft leben, Grillpartys feiern und am liebsten jeden Abend auf dem Klavier spielen.

Dass der jungen Frau dies ermöglicht wird, liegt unter anderem an der neuartigen Wohnform, die im Irene-Farenholtz-Haus angeboten werden soll. Insgesamt 14 Menschen mit Behinderung können künftig in dem Gebäude der Stuttgarter Lebenshilfe in Wohngemeinschaften zusammen leben. Je nach individuellen Bedürfnissen erfahren sie dann Unterstützung im Alltag. Diese sogenannten ambulant begleiteten Wohngemeinschaften versprechen den Bewohnern eine größtmögliche Selbstständigkeit. „Wir haben die Chance ergriffen, die uns das neue Wohn-, Teilhabe- und Pflegegesetz (WTPG) geboten hat“, sagt der Vorstand der Lebenshilfe Stuttgart und der Geschäftsführer der Stuttgarter Wohnstätten GmbH, Andreas Galts.

Die Lebenshilfe geht neue Wege

Da das aus dem 1930ern stammende, ursprüngliche Irene-Farenholtz-Haus an der Laustraße merklich in die Jahre gekommen war, stand man in der Lebenshilfe Stiftung vor der Entscheidung zu sanieren oder neu zu bauen. Schnell war klar, dass keine Sanierung den heutigen Standards gerecht werden könnte, weshalb Anfang 2016 das Gebäude abgerissen wurde. In knapp eineinhalbjähriger Bauzeit ist nun an gleicher Stelle das neue Irene-Farenholtz-Haus entstanden. Den Namen zu behalten, war eine bewusste Entscheidung der Lebenshilfe. Namensgeberin Irene Farenholtz, Ehefrau des ehemaligen Baubürgermeisters Christian Farenholtz, setzte sich in den frühen 1970er Jahren für die Belange von Menschen mit Behinderung ein und ermöglichte ihnen die Teilhabe am normalen Leben, was zu dieser Zeit ein absolutes Novum war. Bis dato waren Menschen mit Behinderungen entweder zuhause versorgt worden oder in großen stationären Einrichtungen auf dem Land untergebracht.

Dank dem nun eingeweihten Neubau an der Laustraße begeht die Lebenshilfe wieder neue Wege. „Wir sind auch gespannt, wie sich das Projekt entwickelt“, sagt Holger Brambach, Fachbereichsleiter Wohnen der Stuttgarter Wohnstätten GmbH. Da durch den Neubau auch 14 neue Mieter einziehen werden und ein gemeinsames Probewohnen, wie das in manch anderen Einrichtungen üblich sei, nicht möglich war, bergen die Achter-, Vierer- und Zweier-Wohngemeinschaften vielleicht auch Überraschungen. Dennoch ist auch er von dem Konzept überzeugt: „Wir ermöglichen es, auf individuelle Wünsche und Bedürfnisse einzugehen“, betont Brambach.

Die Nachfrage nach den WG-Wohnungen war groß

Deshalb habe man sich die Entscheidung, wer in das Haus einziehen dürfe, nicht leicht gemacht. Mehr als viermal so viele Bewerber wie letztendlich Plätze hätten die sozialpädagogischen Mitarbeiter, die auch künftig täglich als Ansprechpartner im Haus dienen, im Vorfeld besucht und befragt. Herausgekommen sei eine bunte Mischung: von 22 bis 53 Jahren seien die Bewohner, von denen jeder sein eigenes Zimmer mit eigenem Bad bekommen wird. „Das ist zwar noch nicht im Wohn-, Teilhabe- und Pflegegesetz vorgeschrieben, aber wir wollten auch langfristig denken“, sagt der Vorstand der Lebenshilfe, Galts.

Als besondere Gäste waren zur Einweihung des Neubaus und der Schlüsselübergabe an die Bewohner extra Christian Farenholtz und seine Familie aus Hamburg angereist. Er freute sich sehr, im Namen seiner bereits in den 1970ern verstorbenen Frau Irene den Neubau mit übergeben zu können. Die künftige Bewohnerin Sophie Kowalik hingegen freute sich am meisten über das eigene Bad – etwas, das ihre Brüder in ihrer Studenten-WG nämlich nicht haben.

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