Irland: Ein Massengrab für 800 Kinderleichen Die Geschichte der Magdalen-Heime

Leben: Markus Brauer (mb)
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Besserungsanstalten für „gefallene Mädchen“

Magdalenen-Heime und -Häuser waren Anstalten für „gefallene Mädchen“, ursprünglich gedacht als Besserungsanstalten für Prostituierte. Aber auch viele ledige Mütter wurden hier mit ihren Kindern festgehalten. Im 19. Jahrhundert entstanden vieler solcher kirchlichen Einrichtungen – als „Magdalen Laundries“ (Magdalenen-Wäschereien) bezeichnet – im erzkatholischen Irland.

Die ehemaligen Prostituierten und ledigen Mütter mussten dort in den Wäschereibetrieben unter sklavenähnlichen Bedingungen schuften. Bis Ende des 20. Jahrhunderts existierten auch in Deutschland solche Heime „für gefallene Mädchen“ als geschlossene Einrichtungen der Gefährdeten-Fürsorge. Meistens wurden sie von kirchlichen Träger betrieben.

Tuam – nur die Spitze des Eisberges

Experten sprechen mit Blick auf die aktuellen Funde in Tuam von der Spitze des Eisberges. Zehntausende „gefallener Frauen“ sollen allein in Irland in solchen Einrichtungen untergebracht worden sein. Die Sterblichkeit der Kinder in den Unterkünften war oft weit höher als im Landesdurchschnitt. Auch im benachbarten Nordirland herrschten schreckliche Zustände in ähnlichen Einrichtungen.

Die Kommission legte 2013 einen ersten Untersuchungszwischenbericht „Justice for Magdalenes“ vor, in dem eine „maßgebliche Verwicklung des Staates“ in das menschenrechtswidrige System der „Magdalenen-Wäschereien“ konstatiert wird. Mehr als 10 000 Frauen ohne Schuld, oftmals ohne überhaupt zu wissen, weshalb sie in dem Heimen waren, seien zwischen 1922 und 1996 eingekerkert worden, heißt es dort.

Sexuelle, körperliche und emotionale Misshandlung

„Es gibt Beweise für sexuelle, körperliche und emotionale Misshandlung“, sagte der Präsident der Untersuchungskommission kürzlich bei der Vorstellung eines Zwischenreports. Die Experten hatten Fälle aus den Jahren 1922 bis 1996 in irischen Einrichtungen der Kirche, des Staates und von Wohlfahrtsverbänden untersucht. Demnach haben die Einrichtungen teilweise lange versucht, ihren Ruf zu schützen – und die Täter. Dazu zählten Priester und Nonnen, die ihre Schützlinge emotional, körperlich und seelisch missbrauchten.

Wie geht es in Tuam weiter? Die Untersuchungen werden fortgesetzt, auch um die genauen Todesursachen zu klären. Befürchtet wird, dass unter einem neuen Kinderspielplatz auf dem Grundstück des ehemaligen Heims noch weitere Kinderleichen liegen könnten.




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