Irlands Wirtschaftswunder Der „Keltische Tiger“ erwacht neu

Geld zum Shoppen wie hier in Dublins Grafton Street ist in Irland vorhanden. Foto: imago //Lucas Vallecillos

Einst eines der ärmsten Länder Europas, verfügt Irland dank Google, Apple & Co. nun über ein Milliardenplus – und will die Rekordsteuereinnahmen in Fonds bunkern.

Korrespondenten: Peter Nonnenmacher (non)

Die Gegensätze könnten kaum krasser sein: Einerseits wird in Irland die große Wohnungsnot beklagt, und es gibt verzweifelte Appelle, Hilfe für die Ärmsten zu leisten und die vernachlässigte Infrastruktur zu verbessern. Andererseits sprudeln die Staatseinnahmen in einem Ausmaß, wie es weltweit kaum ein anderes Land verzeichnen kann – und wie es der Inselstaat mit seinen mehr als fünf Millionen Einwohnern selbst nie erwartet hätte.

 

Die Insel im Nordwesten Europas erlebt derzeit eine regelrechte Geldschwemme. Milliarden an Euro, mit denen vor zehn Jahren niemand gerechnet hätte, füllen die Staatskasse. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt pro Kopf belegt Irland nach Angaben des Internationalen Währungsfonds (IWF) unter 192 Nationen Platz zwei – gleich nach Luxemburg. Die Einnahmen sind so groß, dass sich die irische Regierung im Herbst entschlossen hat, zwei staatliche Fonds einzurichten, die sich in den nächsten Jahren als zusätzliche Geldreserven – etwa zur Umstellung auf grüne Energiegewinnung oder zur Verbesserung der öffentlichen Dienste – nutzen lassen. Für 2022 beläuft sich das Einnahmeplus laut Internationalem Währungsfonds auf sechs Milliarden Euro. Auch für die nächsten Jahre sagt der IWF Irland Milliardenüberschüsse vorher.

Der „Keltische Tiger“ sprang – und landete hart

Der Kontrast zur Vergangenheit ist bemerkenswert. Noch bis in die 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts war Irland ein ausgesprochen armes Land an der Peripherie Europas – ein Land, das immer neue Wellen der Emigration durchlitt, weil es seine Bevölkerung nicht ernähren konnte, und das lange auf Hilfe aus Europa angewiesen war.

Mitte der 90er Jahre besserte sich die Lage. Zehn Jahre lang ging es wirtschaftlich bergauf. Überall war respektvoll vom „Keltischen Tiger“ die Rede. Bis sich in der Finanzkrise 2008 herausstellte, dass der „Tiger“ eine Schimäre war – und der neue Reichtum Resultat von skrupellosen Bauspekulationen und einer hochriskanten Verschuldungsstrategie der Banken war.

Nach dem spektakulären Kollaps mussten der Internationale Währungsfonds und die EU den Iren im Jahr 2010 mit insgesamt 67,5 Milliarden Euro unter die Arme greifen. Seinerzeit wurde die Irische Republik als Pleitekandidat im gleichen Atemzug mit dem überschuldete Griechenland genannt.

Erst Ende 2013 konnte das Hilfsprogramm mit seinen drakonischen Auflagen beendet werden. Schon im folgenden Jahr deutete sich ein neuer, andersartiger Aufschwung an. Nach und nach begannen sich große internationale Konzerne für Irland zu interessieren. Die geringe Steuer- und Abgabenquote für Unternehmen von 20 Prozent erwies sich dabei als ein starker Magnet. Zum Vergleich: In Deutschland liegt diese nach Angaben des Instituts der deutschen Wirtschaft bei 45 Prozent.

Irland punktet dabei auch mit seiner politischen Stabilität, zudem wird auf der Insel Englisch gesprochen, was für internationale Konzerne wichtig im Alltagsgeschäft ist, und nicht zuletzt ist Irlands in der EU verankert: Während die britischen Nachbarn den Ausstieg aus der Europäischen Union beschlossen, offeriert Irland seinen Investoren weiterhin freien Zugang zum Kontinent.

Mittlerweile hat sich in Irland eine beeindruckende Zahl – vornehmlich US-amerikanischer Techno- und Pharmariesen – angesiedelt. Firmen wie Apple, Amazon, Google, Microsoft, Meta und Pfizer unterhalten riesige Niederlassungen und beschäftigen Tausende von Mitarbeitern im ganzen Land. Die Steuern, die sie zahlen, kommen vor allem dem irischen Staat zugute. „Die Körperschaftsteuer macht mehr als ein Viertel der irischen Gesamtsteuereinnahmen aus“, sagt Alan Berrett vom Irischen Institut für Wirtschafts- und Sozialforschung. In Deutschland sind es laut Bundesfinanzministerium vier Prozent.

Doch so sehr dieser Geldsegen Irland zugutekommt und nun die Einrichtung nationaler Fonds erlaubt, in die die Überschüsse fließen sollen, so besorgt sind Experten und Politiker auf der Insel, dass der Aufschwung wieder zu Ende gehen könnte. Der Boom hält zwar noch an, und Abwanderungstendenzen der Konzerne gibt es bislang nicht. Aber die Erfahrung des „Keltischen Tigers“ mit dem Trauma der Finanzkrise wirkt noch immer nach.

Von Januar an muss auf Drängen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) die Körperschaftsteuer zudem von 12,5 auf 15 Prozent angehoben werden. Und in den USA, in denen die meisten der in Irland angesiedelten Großkonzerne zu Hause sind, erwägt die Administration von US-Präsident Joe Biden offenbar, mehr Geschäftsaktivitäten ans eigene Land zu binden.

In Irland aber hängt viel davon ab, dass diese Riesen ihre Stützpunkte auf der Grünen Insel behalten. Von ihnen ist das Land extrem abhängig geworden. Zehn der multinationalen Konzerne bestreiten fast 60 Prozent der Körperschaftsteuer, die Dublin derzeit einnimmt. Apple und Microsoft allein sind für 30 Prozent verantwortlich. Für ein Zehntel aller Arbeitsplätze in Irland kommen die „Multis“ auf.

Um sich für eine ungewisse Zukunft zu rüsten, hofft man in Dublin, nun allein über den neu eingerichteten Hauptfonds, den „Future Ireland Fund“, bis zum Jahr 2035 insgesamt 100 Milliarden Euro extra anzusparen. Für das kleine Irland ist das eine Menge Geld. Einige Politiker fordern allerdings, dass die Überschüsse zeitnah eingesetzt werden. Viele Iren bräuchten dringend Hilfe, so ihre Forderung. Allzu lang warten könne man deshalb nicht.

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