IS-Milizen zerstören Weltkunst Im Krieg gegen die Kultur

März 2015: stolz dokumentiert das IS-Propagandavideo  die Zerstörung in  Ninive. Foto: AFP
März 2015: stolz dokumentiert das IS-Propagandavideo die Zerstörung in Ninive. Foto: AFP

Die Welt ist entsetzt über den Vandalismus der IS-Milizen gegen Schätze der Weltkultur im Irak. Die Bilderstürmerei hat aber eine lange Tradition – auch im Westen.

Kultur: Tim Schleider (schl)
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Bagdad - Die Empörung über die jüngsten Zerstörungen wertvoller Kultur­güter im Norden des Iraks durch die Terrorbanden vom Islamischen Staat (IS) ist riesig. Eigentlich muss man sich darüber wundern. Seit Jahr und Tag verüben die IS-Kämpfer in dieser Region derart abscheuliche Verbrechen an Menschen – wie übrigens manche andere Kriegsparteien in der Region auch, zum Beispiel die Truppen des syrischen Diktators Assad –, dass man schon die Frage stellen kann und muss, warum nun ausgerechnet das Zerhacken, Sprengen oder Niederwalzen von Säulen oder Steinfiguren, und seien sie noch so viele tausend Jahre alt, dem die Schreckenskrone aufsetzen könnte?

Und warum sollte ein Weltsicherheitsrat der Vereinten Nationen, der aufgrund höchst unterschiedlicher Interessen seiner Mitglieder seit Beginn der Auseinandersetzungen weder zu den Ereignissen in Syrien noch im Irak politisch irgendeinen bedeutsamen Entschluss gefasst hat, ausgerechnet wegen einiger verwackelter Bilder von tobenden Vandalen im Museum von Mossul zu einer „Dringlichkeitssitzung“ und „entschiedener Gemeinsamkeit“ motiviert sein, wie das Irina Bokova, die General­sekretärin der UN-Kulturorganisation Unesco, zuletzt forderte?

Wer über den Terror der IS gegen jahrtausendealte Kunstschätze der Menschheit in seinem Machtbereich räsoniert, muss darum gleich am Anfang zweierlei festhalten: Dieser Krieg gegen die Kunst ist ganz sicher nicht das Schlimmste, was der IS in der Welt anzurichten bereit ist – wenngleich er sich zweifellos in die uns bekann­te  totalitäre Weltsicht der IS-Führer mühelos einfügt. Und zweitens: ihren Kulturterror verübt der IS zwar im Namen des Islams, verweist dabei auf Bilderverbote oder den Kampf gegen Götzenverherrlichung, aber der Islam an sich ist alles andere als eine kulturfeindliche Religion.

Am härtesten trifft es die muslimische Bevölkerung selbst

Ob es nun um die Zerstörung assyrischer Schätze im Irak geht, um das Verbrennen jahrhundertealter Schriftrollen und Manuskripte 2013 in Timbuktu durch die Dschihadisten in Mali oder um das Sprengen der Buddha-Statuen von Bamiyan 2001 durch die Taliban – am meisten und schlimmsten schockiert waren darüber die an Ort und Stelle lebenden Menschen zumeist islamischen Glaubens. Die Kulturschätze des Nahen Ostens werden geborgen und gepflegt von arabischen Wissenschaftlern und Museumsmitarbeitern. Beim Vorrücken der Terroristen in Mali waren es Bürger von Timbuktu, die versuchten, unter Einsatz ihres Lebens die größten Schätze vor den Brandstiftern und Plünderern zu retten. Und auch in Bamiyan waren es lang vor irgendwelchen inter­nationalen Truppen viele Einheimische selbst, die versuchten, dem selbstgerechten Tun der religiösen Fanatiker Widerstand zu leisten – zum Beispiel die Familie von Habiba Sarabi, die nach der Befreiung 2004 zur Gouverneurin der Region aufstieg.

Es ist ganz sicher nicht der Islam, dem eine Feindschaft zur Kultur innewohnt. Jede Religion, jede Ideologie, jede Staats- und Gesellschaftsform, die sich absolut setzt, führt in ihrem Krieg um die Alleinherrschaft auch einen Krieg gegen die Kultur der Anderen. Die katholischen Heere Europas bekriegten im Namen der Christianisierung die Kulturen in Südamerika, Afrika und im Fernen Osten. Die evangelischen Volksbanden der Bilderstürmer zogen durch die Kirchen und zerstörten jahrhundertealte Heiligenfiguren und Wandmalereien. Die endgültige Sprengung des Berliner Stadtschlosses 1950 war ein Herrschafts- und Willkürakt der kommunistischen DDR-Führung. Die amerikanischen Interventionstruppen in Vietnam bombardierten derweil 1968 die alte Kaiserstadt von Hué in Schutt und Asche.




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