Stuttgart - Es klingt ein wenig nach Hollywood und nach den Oscars. Dabei trifft sich nur die baden-württembergische CDU zu ihrem 76. Landesparteitag, um den Koalitionsvertrag für die neue grün-schwarze Landesregierung zu beschließen. „Liebe Isa, the floor is yours“, sagt Strobl, kaum dass die Delegiertenversammlung mit einer Viertelstunde Verzögerung mit einem Gedenken an die aus Hohenlohe stammende Widerstandskämpferin Sophie Scholl und die Befreiung von der Naziherrschaft vor genau vor 76 Jahren begonnen hat. Mit dieser Einleitung präsentiert Strobl die designierte neue Generalsekretärin der Landes-CDU Isabell Huber aus dem Wahlkreis Neckarsulm. Der Landeschef hat damit einen politischen Coup gelandet.
Das Offizielle wird nachgeholt
„Keine Angst“, hat Strobl den Delegierten außerdem zugerufen, er habe die Mitglieder des Landesvorstands wenige Minuten vor Beginn des Parteitags über diese Personalentscheidung informiert, und er will dabei „freundliche Begeisterung“ in vielen Gesichtern erspäht haben. Aber darüber hinaus werde Isabell Huber bei der nächsten ordentlichen Landesvorstandssitzung natürlich auch noch ordnungsgemäß als kommissarische Generalsekretärin und Nachfolgerin ihres vor kurzem zum Landtagsfraktionschef bestellten Amtsvorgängers Manuel Hagel bestätigt. Und beim nächsten Wahlparteitag der Südwest-CDU im Herbst wird Huber offiziell und regulär von ihm zur Wahl für dieses Amt vorgeschlagen. Die letzte Entscheidung, so wollte Strobl herausheben, liege natürlich bei den Delegierten und nicht bei ihm.
Das dürfte angesichts der Überrumpelung der Delegierten wohl nötig gewesen sein. Denn tatsächlich nimmt die Landes-CDU auf Wunsch ihres Vorsitzenden in ungewöhnlicher Weise den Aufstieg der Jungpolitikerin auf ihren neuen Platz an der Parteispitze voraus. Denn es ist nicht, wie geplant, Manuel Hagel, der durch den virtuellen, aus der Stuttgarter Messe gestreamten Parteitag der Christdemokraten aus dem Südwesten führt, sondern das tut die erst designierte Isabell Huber. Das Bestreben Strobls, mehr neue, jüngere und weibliche Gesichter in die erste Reihe der baden-württembergischen CDU zu holen, wie die Basis es von ihm verlangt, beschert Isabell Huber einen steilen Aufstieg. Erst 2019 kam sie als Nachrückerin in den Landtag. Sie sei es gewohnt ins kalte Wasser zu springen, bescheinigte Strobl ihr. Und nicht nur er freue sich daran, wie sie sich dabei schlage. Huber sei zielorientiert, kreativ und strukturiert. Damit habe sie sich auch schnell Respekt und Anerkennung ihrer CDU-Kollegen im Landtag erworben.
Die Neue kann nicht nur verbinden, sondern auch fordern
Isabell Huber ist Verwaltungsbeamtin, hat bis zu ihrem Wechsel in den Landtag als persönliche Mitarbeiterin des Haupt- und Personalamtsleiters in der Landeshauptstadt gearbeitet. Aufgewachsen ist sie in Wüstenrot, sie ist verheiratet und hat eine kleine Tochter. Bisher hat sie sich im Landtag vor allem für bessere Verkehrsinfrastruktur, Digitalisierung und mehr Familienfreundlichkeit eingesetzt. CDU-Mitglied ist sie seit 2009.
Ihr Vorgänger Manuel Hagel, der mit der Wahl zum Fraktionschef im Landtag als neuer starker Mann der Südwest-CDU in der Machtarchitektur der grün-schwarzen Koalition bereits fest installiert ist, bezeichnete sie als „klasse Wahl“. Fraktionsvize Nicole Razavi lobt ihre Kompetenz und ihre „verbindende Art“ als großen Gewinn für die Landtagsfraktion. Dass sie den strategischen Wert der Geschlossenheit in Wahlkampfzeiten als hohes Gut erkannt hat, bewies Huber nach der Kür des Kanzlerkandidaten Armin Laschet.
Dass sie selbst – und viele Parteifreunde in ihrem Kreisverband – eigentlich Markus Söder in dieser Rolle favorisiert hat, erklärte sie am Tag der Entscheidung gegenüber unserer Zeitung. Aber jetzt, so fügte sie an, gelte es, den Blick nach vorne zu richten. „Wichtig ist jetzt, die enttäuschten Mitglieder mitzunehmen und ihren Ärger vor Ort anzuhören. Dafür muss jetzt Raum sein. Denn wir brauchen für einen schwierigen Bundestagswahlkampf wirklich jeden“, fordert sie im Blick auf die nächsten Wochen. Die Mitglieder für einen engagierten Bundestagswahlkampf zu gewinnen, wird ab jetzt noch viel mehr ihre eigene Aufgabe sein, als sie damals ahnen konnte.
Dass Isabell Huber nicht nur die verbindliche Tonart beherrscht, stellte sie auf der Bühne der Stuttgarter Messe aber auch gleich unter Beweis. Die Parteitagsrede ihres Vorsitzenden Thomas Strobl, lobte sie nicht nur, weil er die CDU-Duftmarken im Koalitionsvertrag herausgestellt hatte; sie befand im Blick auf die Überlänge von Strobls Rede souverän, dass das künftig noch „effizienter“ werden könne. Bei seinem zweiten Auftritt – zur Vorstellung des Sicherheitskapitels im Koalitionsvertrag – versicherte Strobl schon mal, dass er den Rüffel verstanden habe.
Merz und Laschet nehmen die neue in die Pflicht
Sowohl der Wirtschaftspolitiker Friedrich Merz – der im Südwesten viele Fans hat und im neuen CSU-Sprech sicher als Bundesparteichef der Herzen in der Landes-CDU durchgehen könnte – als auch der Chef der Bundes-CDU und Kanzlerkandidat Armin Laschet machten auf offener Bühne deutlich, wie viel in den nächsten Monaten von Baden-Württemberg abhängt: An die 40 Prozent der Stimmen oder noch ein bisschen mehr müsse die Landes-CDU bei der Bundestagswahl erobern, damit die CDU nicht zum Wahlverlierer im Bund werde und das Kanzleramt verlassen müsse, forderte Friedrich Merz. Laschet wurde sogar noch deutlicher. „Wenn’s schwer wird, muss man sich hinstellen und kämpfen“, sagte er freundlich an die Adresse der Newcomerin gewandt. Hubers Mission beschreibt er knallhart: Es sei ab jetzt ihre erste Aufgabe, „Bundestagswahlkreise für die CDU zu sichern, unsere Partei auf Platz eins zu bringen und das Kanzleramt für die CDU zu sichern“. Für die Generalsekretärin einer Partei, die bei der Landtagswahl mit 24 Prozent zufrieden sein musste, ist das ein Knochenjob. Hollywood, das das unmögliche liebt, würde einen Film daraus machen; er könnte „Mission Impossible“ heißen.