Ausnahmetalente, Überflieger, Genies? Zwei bis drei Prozent der Menschen in Deutschland haben einen Intelligenzquotienten von 130 und mehr. Isabelle Rozeé aus Singen am Bodensee ist eine davon und gilt damit als hochbegabt. „Schon im Kindergarten und später in der Grundschule habe ich viel lieber gelesen als mit anderen gespielt“, sagt die 19-Jährige. Viel Gesprächsstoff mit Gleichaltrigen gab es nicht. Ihre Klassenkameradinnen interessierten sich für Barbiepuppen, Isabelle für Meeresbiologie. Mit 15 machte sie einen Intelligenztest, ihre Mutter wollte Klarheit.
Der IQ gilt zwar nicht mehr als wichtigster Gradmesser für Hochbegabung. Längst hat sich eine facettenreichere Definition durchgesetzt, man spricht vom Potenzial eines Menschen in den unterschiedlichsten Bereichen, das erkannt und mit geeigneten Maßnahmen gefördert werden muss. Doch IQ-Tests helfen bis heute bei den Einschätzungen. Dem Klischee vom Wunderkind, das sich mit drei das Lesen beibringt, mit sieben zwei Klassen überspringt, mit 14 Abi macht und im Schnelldurchlauf studiert, entsprechen dabei die wenigsten Kinder und Jugendlichen mit außergewöhnlichem Talent. Auch Isabelle Rozée fällt als Kind nicht groß auf. Sie spürt allerdings, dass sie anders ist als die allermeisten Mitschüler. So mag das Mädchen keine großen Gruppen, auch auf Lärm reagiert sie empfindlich.
„Mehr denken, mehr fühlen, mehr wahrnehmen“
Geräusche, Gerüche, Licht, Berührungen: Wissenschaftler gehen davon aus, dass Hochbegabte auf Sinneseindrücke häufig stärker reagieren. „Ich nenne es mehr denken, mehr fühlen, mehr wahrnehmen“, sagt Ophelia Markgraf, die Vorsitzende des baden-württembergischen Regionalzweigs der Deutschen Gesellschaft für das hochbegabte Kind (DGhK). Diese gesteigerte Sensibilität könne, so Markgraf, dazu führen, dass diese Menschen sich manchmal lieber einigeln, bestimmte Stoffe auf der Haut nicht ertragen oder vor sich hin summen, um den Lärm der Welt nicht hören zu müssen. Ein weiteres Anzeichen für Hochbegabung könne auch eine extrem hohe Empathiefähigkeit sein.
Verallgemeinern lässt sich jedoch wenig. So vielfältig die Ausprägung und die Richtung einer Hochbegabung, so unterschiedlich sind die Hochbegabten selbst – wie jeder Mensch eben. Manche lieben Geselligkeit, andere sind in sich gekehrt. Isabelle Rozée ist als Kind zurückhaltend, schüchtern und hat kaum Freunde. Gestört oder belastet hat sie das nie: „Ich war mir selbst genug.“ Erst seit der Oberstufe und jetzt an der Uni, wo sie Psychologie studiert, falle es ihr leichter, auf andere zuzugehen und Kontakte zu knüpfen. Es mache ihr sogar Spaß.
Dass die Tochter nicht ganz der Norm entspricht, merken ihre Eltern früh. Das Mädchen malt leidenschaftlich gern, verschlingt Bücher, auch viele englischsprachige, am liebsten Biografien, Reise- und Fantasygeschichten. Gleichaltrigen ist sie in ihren Fähigkeiten und Interessen weit voraus. Mutter Birgit organisiert eine individuelle Förderung. „Da muss man aber ganz genau schauen, was passt, was dem Kind Freude bereitet, was es wirklich gern macht“, sagt die Buchhalterin, die in Singen seit einigen Jahren die DGhK-Elterngruppe leitet.
Isabelle bekommt Musikunterricht, fängt ganz traditionell mit Blockflöte an, steigt dann auf Waldhorn um. Heute spielt sie in zwei Orchestern – im Blasmusikverein und in einer Big Band. Zudem nimmt sie ein paar Mal an Biologie-Olympiaden teil. Auch der Sport wird nicht vernachlässigt: Eineinhalb Jahre trainiert Isabelle in einer Ringergemeinschaft, inzwischen konzentriert sie sich auf Karate. „Ich habe den lila Gürtel und möchte mich weiter verbessern.“
Wie sollen Lehrer reagieren?
In der Schule ist Isabelle keinesfalls eine Streberin, auch wenn ihre Noten durchweg gut sind. Sie ist eher unauffällig und angepasst. „Wie so viele hochbegabte Mädchen“, sagt Ophelia Markgraf. „Während bei Jungs nach der Einschulung teils Probleme entstehen, funktionieren die Mädchen und bleiben still“, sagt Markgraf, die selbst zwei hochbegabte Kinder hat. Mitunter werden Jungs durch permanente Unterforderung zu Störenfrieden in der Klasse, teils sogar zu Schulverweigerern. „Viele Mädchen nehmen ihre Langeweile oft leise hin.“
So auch Isabelle. Als sie in der sechsten Klasse ist, fällt einem Lehrer zum ersten Mal auf, was für ein besonderes Mädchen er vor sich hat: Die ganze Zeit male sie, wirke abwesend. Stelle er ihr eine Frage, habe sie jedoch sofort die Antwort parat. „Das ist eine Geschichte, die meine Mutter immer gern erzählt“, sagt Isabelle Rozeé. Denn sie weist auf ein grundlegendes Problem hin.
Wie sollten Lehrer reagieren, wenn sie eine Hochbegabung vermuten? Zunächst müssen sie die Anzeichen erkennen, ein Gespür dafür haben. „In der Schule und generell in der Gesellschaft fehlt es an Aufklärung“, kritisiert Ophelia Markgraf. Die wenigstens wüssten, dass manche Hochbegabte bei Unterforderung die Motivation verlieren und buchstäblich ihr Gehirn abschalten.
Vor einigen Jahren ergab eine Umfrage des Hochbegabtenvereins Mensa, dass Hochbegabte zwar größtenteils positiv gesehen werden. Die meisten Befragten verbinden mit dem Begriff jedoch vor allem Leistung und Erfolg. „Und das stimmt einfach nicht. Hochbegabung kann man nicht mit Hochleistung gleichsetzen“, sagt Ophelia Markgraf. Zum einen seien die Talente ohnehin extrem facettenreich. Zum anderen sei eben nicht jeder in der Lage, diese auch sichtbar umzusetzen. „Es braucht also die Einsicht, dass Hochbegabte Unterstützung brauchen“, so Markgraf.
Für Kinder, die unterdurchschnittlich intelligent sind und sich mit dem Lernen schwertun, wird viel getan. Auch Höchstbegabte werden heute schneller erkannt und gefördert. Aber den vielen begabten Kinder dazwischen müsse frühzeitiger geholfen werden. „Vor allem den Mädchen, denn sie werden zu selten gesehen.“
Bleibt Hilfe aus, können sich Selbstzweifel aufbauen. „Vor allem Mädchen meinen dann, irgendwas an ihnen sei falsch. Sie ziehen sich zurück. Oder passen sich wie ein Chamäleon an, weil sie unbedingt dazugehören wollen“, sagt Ophelia Markgraf. Zudem können sich – bei Jungs wie Mädchen – die Begabungen nicht voll entfalten.
„Ich bin einfach so, wie ich bin“
Isabelle Rozée ist ihrer Mutter für die frühe Förderung dankbar: „Sie hat mir rechtzeitig Bücher zum Thema gegeben. Da habe ich erkannt, was mit mir los ist. Dass ich nicht seltsam bin. Dass ich nur anders denke. Und dass es andere gibt, die auch so sind.“
Das Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung an der Uni Tübingen geht unter anderem der Frage nach, wie man an Schulen Motivation steigern kann. Die Hector-Kinderakademien bieten Förderprogramme für hochbegabte Grundschüler. Auch Elterngruppen wie die DGhK haben Zusatzangebote im Blick, etwa wenn sie Treffen ihrer Kinder organisieren. „Da können sie sich auf ihrem Niveau mit Gleichgesinnten unterhalten“, sagt Birgit Rozée. Ihre Tochter empfand das als Bereicherung und Erleichterung zugleich. Denn in der Schule habe sie oft nicht verstanden, wieso die anderen Kinder so viel langsamer waren.
Heute nimmt sich Isabelle Rozée längst nicht mehr als Außenseiterin wahr. Ist sie froh, hochbegabt zu sein? So möchte sie es nicht ausdrücken: „Ich bin einfach so, wie ich bin.“ Wenn sie sich für etwas interessiert, könne sie ihr Potenzial abrufen. Nur interessiere sie sich eben für ganz viele Dinge. Derzeit ist sie vor allem damit beschäftigt, eine Struktur in ihr Leben zu bringen. „An der Schule lernt man das leider nicht, an der Uni wird es aber erwartet.“
Überhaupt die Uni. Sehr spannend findet sie es da. Zunächst wollte sie Medizin studieren. In der Oberstufe erkannte sie dann aber, dass es sie mehr zur Psychologie zieht – weshalb sie gleich mal ihren Lerneifer drosselte: „Für Medizin hätte es im Abi ein Schnitt von 1,0 sein müssen.“ So habe sie aber keinen Sinn in zu großer Mühe gesehen – und ihre Energie anderweitig eingesetzt. Beim Freiwilligen Sozialen Jahr in einer Behinderteneinrichtung fühlte sie sich in ihrer Entscheidung fürs Psychologiestudium bestätigt.
Und wie sehen die weiteren Pläne aus? Irgendwann bei den Eltern ausziehen, in eine WG, das würde Isabelle Rozeé gefallen. „Und ich möchte ein Auslandsjahr machen. Vielleicht in einem osteuropäischen Land, wo man sonst ja nicht unbedingt hinreist.“