Friedmann Eißler Das hat der Islambeauftragte der Kirche vor

Kenner des türkischen Islams: Friedmann Eißler, Islambeauftragte der Landeskirche in Württemberg. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Friedmann Eißler, der neue Islambeauftragter der Evangelischen Landeskirche, will über den Islam aufklären und Vorurteilen begegnen. Auch kritische Themen sollen dabei auf die Agenda kommen. Welche das sind – und welche Herausforderungen dieser Job mit sich bringt.

Stuttgart - Friedmann Eißlerentschuldigt sich bei seinem Besucher, dass an den kahlen weißen Wänden noch kein Bild hängt und in den Regalen noch keine Bücher lehnen. Er ist erst vor ein paar Wochen in sein neues Büro im Hospitalhof mitten in Stuttgart eingezogen. Am Türschild steht die neue große Aufgabe des freundlichen Mannes, Theologe, schlank, Typ feinsinniger Intellektueller: „Islambeauftragter der Evangelischen Landeskirche in Württemberg“.

 

Eißler, der am kommenden Sonntag in der Paul-Gerhardt-Kirche im Stuttgarter Westen in sein Amt eingeführt wird, ist erst der zweite Inhaber des 2007 geschaffenen Amtes. Der 56-Jährige soll Pfarreien beim Umgang mit muslimischen Gemeinden beraten und den Dialog mit den Islamverbänden und Moscheegemeinden pflegen. Dabei macht er sich über die schwierige Aufgabe keine Illusionen. Das Thema Islam sei „politisch sehr aufgeladen“, sagt er. „Die Polarisierung in der Gesellschaft hat stark zugenommen.“

Und trotzdem freut er sich über den neuen Job. „Ich möchte zum Dialog ermutigen“, betont er. Er möchte stark gemeindeorientiert arbeiten, den Menschen begegnen und zuhören. Die ersten Anfragen aus Pfarreien gebe es bereits. Außerdem will er Orientierung geben, über den Islam aufklären, Vorurteilen begegnen und den offiziellen Dialog mit den Islamverbänden pflegen. Zu all dem gehört für ihn auch, „die Ängste und Kritik am Islam und Muslimen nicht zu ignorieren, sondern ernstzunehmen“.

„Niemand so im Thema drin“

Eißler scheint wie geschaffen für seine neue Aufgabe. Im kleinen Hülben, im Landkreis Reutlingen geboren, wächst er als eines von sieben Geschwistern in Bad Urach auf. In pietistischer Tradition. „Aber „glücklicherweise nicht von ihren Schattenseiten“, wie er sagt. Er engagiert sich in der christlichen Jugendarbeit, promoviert in evangelischer Theologie an der Universität Tübingen, wo er sich nach kurzer Pfarrtätigkeit wissenschaftlich mit judaistisch-islamkundlichen Fragen befasst. Von 2008 bis 2020 arbeitet er bei der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) in Berlin, der Denkfabrik der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), lange als deren stellvertretender Leiter. Dort entwickelt er sich zum Experten für den türkischen Islam in Deutschland.

Eißlers Amtsantritt wird von Vorschusslorbeeren innerhalb und außerhalb der Kirche begleitet. „Friedmann Eißler ist ein kundiger Ratgeber“, meint Klaus Rieth, Referatsleiter für den Bereich Mission, Ökumene und Entwicklung bei der Landeskirche. Es gebe in den Gemeinden immer noch großen Bedarf, sich über muslimische Gesprächspartner vor Ort zu informieren. Ein gut informierter türkischer Gesprächspartner hält Eißlers Berufung für „nur positiv“. Es gebe „zur Zeit niemanden in der evangelischen Kirche, der so im Thema drin ist“.

Von Islamverbänden desillusioniert

Kirchliche Kreise hatten bei Bekanntwerden seiner Ernennung von einer „Richtungsentscheidung“ gesprochen, weil er anders als sein Vorgänger für einen kritischen Dialog stehe, der Probleme nicht tabuisiere. Offiziell will die Kirche nichts von einer Kurskorrektur wissen. Die Entscheidung für Eißler sei „eine klare Entscheidung für die Kompetenz einer Person gewesen“, hieß es. Eißler sagt: Für den Islamdialog „bildet die freiheitlich-demokratische Verfasstheit unseres Gemeinwesens die Basis“. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Aus Sätzen wie diesen spricht einiges an Desillusionierung über die konservativen Islamverbände wie der türkischen Ditib oder dem Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ) – beides unter dem islamisch-nationalistschen Einfluss aus der Türkei entfremdete Dialogpartner.

Integration als Schlüssel

Jüngster Anlass: Vertreter des VIKZ-Landesverbandes und der Islamischen Gemeinschaft der Bosniaken in Deutschland wollen über die vom Land geschaffenen Stiftung Sunnitischer Schulrat unterbinden, dass der Reformtheologe Abdel-Hakim Ourghi weiter an der PH Freiburg islamische Religionslehrer ausbildet. Formaler Grund laut Satzung des Schulrats: Ourghi habe kein abgeschlossenes Lehramtsstudium im Fach islamische Theologie/Religionspädagogik oder einen gleichwertigen Abschluss. „So wird versucht, einen herausragenden Vertreter des liberalen Islam an den Rand zu drängen und mundtot zu machen“, sagt Friedemann Eißler dazu.

Um seine Vorstellung von gelungener Integration auf den Punkt zu bringen, zitiert er gerne den früheren Bundestagspräsidenten Norbert Lammert: „Multikulturalität ist noch kein Konzept für das Miteinander, sondern erst einmal ein Zustand.“ Dann gehe der gemeinsame Dialog aber erst los. Eißler scheint dafür bereit.

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