Islamismus in Deutschland Wenn Glaube zum Zwang wird

Kurt Möller und Mitarbeitende der Hochschule Esslingen haben Gespräche und Interviews mit Aussteigern aus der islamistischen Szene geführt. Foto: dpa

Islamistische Gruppen werfen ihre Netze auch in den sozialen Medien aus. Warum verfangen sich junge Menschen darin? Ein Team der Hochschule Esslingen hat mit Aussteigern aus der extremistischen Szene über ihre Erfahrungen gesprochen.

Esslingen - Warum werden junge Menschen zu Islamisten? „Ich fühlte mich wie ein Loser.“ – „Ich hatte kaum Freunde und suchte Anerkennung.“ – „Ich kriegte mein Leben nicht bewältigt.“ – „Ich wollte Ungerechtigkeit bekämpfen“. Das sind einige der Antworten, die Kurt Möller und seine Mitarbeitenden zusammengetragen haben. Das Team um den Professor an der Hochschule Esslingen sprach im Rahmen seines Forschungsprojektes „Wendezeit“ mit 45 Aussteigern aus der islamistischen Szene.

 

Das Forschungsprojekt Drei Jahre lang beschäftigen sich Kurt Möller, wissenschaftliche Mitarbeiter und studentische Hilfskräfte der Hochschule Esslingen mit „Wendezeit“. Das vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend geförderte Projekt begann im März 2019 und läuft in drei Monaten im Februar 2022 aus. Erforscht werden sollen laut Kurt Möller die Gründe für einen Einstieg junger Erwachsener in und einen Ausstieg aus der islamistischen Szenen vor dem Hintergrund biografischer Daten. Das Team führte dafür deutschlandweit 45 Interviews mit ehemaligen Mitgliedern extremistischer Gruppen. In zehn Fällen, so erläutert der Professor, gab es zusätzliche Gespräche mit Eltern, Lehrkräften, Beratern oder anderen Personen aus dem sozialen Milieu der Befragten. Die Kontakte zu den Gesprächspartnern kamen über das Präventionsprogramm „Wegweiser“ in Nordrhein-Westfalen, vermittelnde Einzelpersonen, Verbindungen aus früheren Projekten, Moscheeverbände oder private Beziehungen zustande. Die Ergebnisse der Untersuchung werden in einem Buch zusammengefasst, das nächstes Jahres erscheinen soll.

Der Einstieg „Ich hatte Schuld auf mich geladen.“ – „Ich wurde gemobbt.“ – „Ich hatte Angst vor der Hölle.“ – „Ich liebe gemeinsames Beten.“ In den teilweise sehr langen Interviews erfuhren Kurt Möller und sein Team viel über die Motivation für einen Einstieg in extremistische Gruppen. Die unterschiedlichen Antworten fasst der Professor mit einer „unzureichenden Befriedigung von Bedürfnissen nach Lebensgestaltung“ zusammen. Fehlende Kontrolle über das eigene Dasein, Integrationsprobleme, unerfüllte religiöse Bedürfnisse und sinnliche Erlebenswünsche wie die Freude an Mystischem machten die von seinem Team Befragten offen für die Angebote der extremistischen Szene. Die Islamisten, so Kurt Möller, lockten mit deutschsprachigen, speziell auf Jugendliche zugeschnittenen Angeboten und niederschwelligen, leicht zugänglichen Auftritten in den sozialen Netzwerken. Sie schienen durch strikte Regeln, den vermeintlichen Schutz vor jenseitiger Bestrafung, Gemeinschaftserlebnisse, Zugehörigkeit und Anerkennung oder Deutungsangebote für erlittene Diskriminierungen Antworten und Lösungen zu liefern.

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Die Distanzierung Der Ausstieg ist schwer. Eine junge Frau berichtete in den Interviews von extremen Kontrollen durch ihren islamistischen Partner: Sie musste schwarze Vollverschleierung und ein Earphone tragen, damit Gespräche mit Männern, Mitschülern und Nicht-Muslimen ausgeschlossen werden konnten. Zudem wurde ihr im Falle von „Fehlverhalten“ mit dem Anlegen eines Sprengstoffgürtels gedroht. Solche Erfahrungen von Druck, Zwang und Gewalt, das Erreichen persönlicher Belastungsgrenzen oder enttäuschte Erwartungen könnten zur Distanzierung vom Islamismus führen. „Es ist eben nicht alles Gold, was glänzt“, meint Kurt Möller. Eine Desillusionierung von Kontroll-, Integrations-, Sinn- und Sinnlichkeitshoffnungen würde eintreten. Szeneinterne Streitereien, Konflikte in den Gruppierungen oder der Unterschied zwischen Ideal und Wirklichkeit könnten zu einer Abkehr führen. Junge Erwachsene wollten oft nicht auf das Hören von Musik, den Kontakt zu nicht-muslimischen Freunden oder das Tragen bestimmter Kleidung verzichten. Manchmal würden auch biografische Veränderungen wie ein Umzug, Schulwechsel oder Studienbeginn zur Abnabelung führen.

Die Prävention Islamistische Gefahren, so fasst Kurt Möller seine Forschungsergebnisse zusammen, könnten durch verbesserte Lebenschancen, eine Aufwertung der biografischen Situation, Beratungsangebote, eine zielgerichtete Jugendarbeit oder funktionierende Beziehungsgeflechte im sozialen Umfeld verringert werden. Einstiegsfaktoren wie mangelhafte Integration, Diskriminierung oder unerfüllte religiöse Bedürfnisse müssten verringert werden. Schulischer Islamunterricht könnte Vorkenntnisse über diese Religion vermitteln und so die Anziehungskraft extremistischer Haltungen mindern. In Moscheen könnte eine andere, eine friedliche Auslegung des Korans vermittelt werden. Wichtig wären seiner Ansicht nach eine höhere Medienkompetenz, eine Stärkung der Quellenkritik und das Vermitteln eines distanzierteren Umgangs mit sozialen Medien bei jungen Erwachsenen. Ohne solche Gegenmaßnahmen, so Möllers Fazit, werde der Islamismus nicht entschärft.

Islamismus und seine Erforschung in Deutschland

Die Zahlen

28 715 Personen wurden 2020 dem islamistischen Personenpotenzial zugerechnet, zitiert Kurt Müller den Bericht des Verfassungsschutzes von 2021. Diese Zahl bedeute ein Plus von 2,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Unter den Islamisten seien 12 150 Salafisten, 564 zu exzessiver Gewalt bereite Gefährder und 529 Unterstützer etwas durch Waffenlieferungen.

Die Zahlen

1150 Personen, davon ein Viertel Frauen, seien seit 2012 aus islamistischen Gründen nach Syrien oder in den Irak ausgereist. Ein Drittel, vor allem Frauen und Kinder, seien zurückgekehrt. Von diesen Rückkehrern sei etwa die Hälfte abgetaucht, und ein Viertel sei zur Kooperation mit den Behörden bereit. Coronabedingt erfolge eine zunehmende Radikalisierung über das Internet. Die Anschläge würden vermehrt von Einzeltätern mit psychischen Auffälligkeiten durchgeführt.

Zur Person

Kurt Möller wurde 1954 geboren, machte 1973 sein Abitur in Ahaus und studierte Erziehungswissenschaften, Soziologie und Germanistik in Münster und Bielefeld. 1979 legte er die Prüfung zum Diplom-Pädagogen an der Westfälischen-Wilhelms-Universität Münster ab. Promotion und Habilitation erfolgten an der Fakultät für Pädagogik der Universität Bielefeld. Seit 1989 ist er Professor für Theorien und Konzepte Sozialer Arbeit an Fakultät Soziale Arbeit, Bildung und Pflege der Hochschule Esslingen.

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