Islamisten in Nigeria Boko Haram auf Vormarsch

Ein Kind, das vor Boko Haram aus Bama geflohen ist, wird mit Essen versorgt – in einer Schule der Stadt Maiduguri, die nun ihrerseits von der Sekte bedroht wird. Foto: AP
Ein Kind, das vor Boko Haram aus Bama geflohen ist, wird mit Essen versorgt – in einer Schule der Stadt Maiduguri, die nun ihrerseits von der Sekte bedroht wird. Foto: AP

Die brutalen Extremisten von Boko Haram erzielen überraschende Bodengewinne im Nordosten Nigerias und jagen die Menschen in die Flucht. Ziel der Fundamentalisten ist ein grenzübergreifendes Kalifat. Ihr Vorpreschen alarmiert mittlerweile den Kontinent.

Abuja - Bewohner der nigerianischen Provinzhauptstadt Maiduguri verlassen derzeit in Scharen ihre Heimat – in Erwartung eines Angriffs der extremistischen islamischen Boko-Haram-Sekte, deren Kämpfer auf die über eine Million Einwohner zählende Stadt vorrücken. Ihre Absicht ist ein Feldzug zur Gründung eines „Kalifats“ im Nordosten Nigerias.

Die Straße zwischen Maiduguri und der westlich gelegenen Hauptstadt des Yobe-Staats, Damaturu – der einzigen noch sicheren Verkehrsader aus der Stadt – ist inzwischen von Flüchtlingen überflutet. „Es heißt, dass Boko Haram noch an diesem Wochenende angreifen könnte“, sagte Saka Lawal der Agentur Reuters. Der Automechaniker sucht sich mit seiner Frau und den zwei Kindern in Sicherheit zu bringen.  

Die überraschenden Gebietsgewinne der Extremisten lösen nicht nur in Nigeria selbst Alarm aus. Die Entwicklungen seien „zunehmend gefährlich“ und „zutiefst beunruhigend“, sagte die US-Staatssekretärin für Afrika, Linda Thomas-Greenfield, bei einem Sicherheitstreffen in der nigerianischen Hauptstadt Abuja. Ein Angriff auf Maiduguri würde zu einem „fürchterlichen Blutzoll“ unter der Bevölkerung führen.

  Bereits Mitte der Woche hatten die extremistischen Kämpfer die knapp 70 Kilometer von Maiduguri entfernte Stadt Bama eingenommen. Selbst zwei Tage nach der Eroberung der 270 000-Einwohner-Stadt säumten dort noch immer unzählige Leichen die Straßen, berichtete der Abgeordnete Ahmed Zanna: Die Boko-Haram-Führer hätten der Bevölkerung verboten, die Toten zu begraben. Fast 30 000 Menschen sollen in Bama ihr Zuhause verloren haben: Die humanitäre Lage dort soll „erschreckend“ sein. Neben dem im Südosten Maiduguris gelegenen Bama sollen die Extremisten auch zahlreiche weitere im Norden, Osten und Süden der Provinzhauptstadt gelegene Städte und Siedlungen beherrschen. Würde Maiduguri eingenommen, hätte die Sekte faktisch den gesamten Borno-Staat unter ihre Kontrolle gebracht.  

Die etwa 200 Mädchen bleiben weiterhin entführt

Die fundamentalistische Organisation hat in den letzten Jahren durch Terroranschläge und Entführungen auf sich aufmerksam gemacht – unter anderem wurden im April über 200 Mädchen entführt, die noch immer nicht befreit werden konnten. In den vergangenen Wochen hat Boko Haram die Vorgehensweise drastisch verändert. Statt die Sicherheitskräfte mit Sprengstoffanschlägen vor allem auf Busstationen, Schulen und Kasernen zu überraschen, soll nun offenbar eine Region aus dem Vielvölkerstaat Nigeria herausgebrochen werden.

Boko-Haram-Chef Abubakar Shekau erklärte Mitte August eine zunächst noch kleine Region zum „Kalifat“ – offenbar nach dem Vorbild des „Islamischen Staats“ (IS) in Syrien und dem Irak. „Wir haben nichts mehr mit Nigeria zu tun“, erklärte der von zwei Leibwächtern flankierte Sektenchef auf einem Video: „Wir sind ein islamischer Staat.“ Dass zwischen Boko Haram und IS direkte Verbindungen bestehen, gilt allerdings als unwahrscheinlich.

Massendesertationen in der Armee

Nigerias Armee steht den Geländegewinnen der Sekte machtlos gegenüber. Immer wieder kommt es zu Massendesertationen offenbar schlecht ausgerüsteter und unbezahlter Soldaten. Im August floh ein gesamtes Bataillon über die Grenze nach Kamerun. Obwohl die Streitkräfte kürzlich erst wieder eine weitere Milliarde Dollar von Präsident Goodluck Jonathan zugesprochen bekamen, verschwinden die Mittel regelmäßig, bevor sie zu den an der Front kämpfenden Truppen gelangen: Unbezahlte Soldaten sollen sogar militärisches Gerät an die Feinde verkaufen, um sich schadlos zu halten.




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