Islamistischer Terrorismus Anschlag auf Stuttgart geplant?

Von dapd,hef,kä 

Stuttgart ist möglicherweise für einen Terrorakt ausgespäht worden. Auf dem Computer des gescheiterten Time-Square-Attentäters fand man Hinweise.

Der Stuttgarter Hauptbahnhof war möglicherweise im Visier des Terroristen. Foto: dpa
Der Stuttgarter Hauptbahnhof war möglicherweise im Visier des Terroristen. Foto: dpa

Berlin/Stuttgart - Islamistische Terroristen haben vor gut einem Jahr möglicherweise die Stuttgarter Innenstadt als Ziel für einen Terroranschlag ins Visier genommen. Recherchen des SWR-Hörfunks zufolge fanden US-Ermittler entsprechende Hinweise. Sie entdeckten diese nach dem vor einem Jahr gescheiterten Anschlagsversuch auf den Times Square in New York auf dem Computer des Attentäters. Sicherheitsexperten bestätigten die SWR-Informationen der Nachrichtenagentur dapd.

Bei dem Anschlag wollte ein pakistanischstämmiger US-Bürger am 1. Mai vergangenen Jahres eine Autobombe auf dem belebten Platz zünden. Der Sprengsatz explodierte allerdings nicht. Der Attentäter Faisal Shahzad wurde in den USA zu lebenslanger Haft verurteilt. Auf seinem Laptop fand sich die Spur nach Stuttgart: Etwa drei Monate vor dem Anschlagsversuch hatte sich ein Nutzer auf dem Computer gezielt und wiederholt einen Plan der Innenstadt angeschaut. Über die Seite google maps wurde dabei immer wieder das Viertel rund um Hauptbahnhof und Schlossplatz aufgerufen.

Sicherheitsexperten, denen die Hinweise schon länger bekannt waren, bestätigten dem SWR und der Nachrichtenagentur dapd, dass der Attentäter oder dessen militante islamistische Mitstreiter dabei möglicherweise Ziele für einen Terroranschlag ausspähten. Das Landeskriminalamt Baden-Württemberg wollte die Informationen nicht kommentieren, ein Sprecher sagte aber, man werde sie auch nicht dementieren.

Sicherheitsbehörden nahmen Hinweise sehr ernst

Ein konkretes Anschlagsszenario konnte bis heute offenbar nicht ermittelt werden. Dennoch nahmen deutsche Behörden die wohl von den US-Dienststellen übermittelten Informationen äußerst ernst, wie Insider bestätigten. Denn sie fügten sich in eine Reihe von mehreren Hinweisen auf eine gewachsene terroristische Bedrohung ein. Der damalige Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) ordnete im Herbst vergangenen Jahres deswegen verschärfte Sicherheitsmaßnahmen an. Polizeibeamte des Bundes und der Länder patrouillierten daraufhin Monate lange mit Maschinenpistolen an Orten, die als besonders gefährdet galten.

Zu dem Anschlagsversuch in New York vom 1. Mai 2010 hatte sich unmittelbar danach die Terrororganisation „Tehrik-e-Taliban Pakistan“ (TTP, Pakistanische Taliban) bekannt. Faisal Shahzad hatte auf dem Times Square einen Geländewagen mit drei selbst gebauten Bomben abgestellt, eine Lunte entzündet und sich abgesetzt. Ein Straßenhändler bemerkte jedoch den Rauch an dem Fahrzeug, sodass die Sprengsätze noch rechtzeitig entschärft werden konnten.

Der damals 30-jährige Shahzad wurde bereits zwei Tage nach dem gescheiterten Anschlag, wenige Minuten bevor er über Dubai nach Pakistan ausreisen wollte, festgenommen. Bei seinem Geständnis sagte er im Oktober, er habe die Bombe absichtlich an einem Samstagabend zünden wollen, um möglichst viele Menschen zu töten. In einem nach der Tat aufgetauchten Märtyrer-Video hatte er erklärt: „Dieser Angriff auf die Vereinigten Staaten ist ein Angriff, um Rache für all die Mujahideen und für die Unterdrückung muslimischer Völker zu nehmen.“ Noch bei der Verkündung des Urteils rief Shahzad: „Der Krieg mit den Muslimen hat gerade erst begonnen.“ Hinweise, dass der gebürtige Amerikaner dabei an weitere Terrorakte in Stuttgart oder anderen Städten dachte, gibt es allerdings nicht.

"Ungläubige" im Visier

Die Pakistanischen Taliban, bei denen Shahzad im Dezember 2009 in einen Camp in Waziristan eine kurze Ausbildung erhielt, gelten als Partnergruppe von Al-Kaida. Der Anschlagsversuch von New York und weitere Terrorakte passen in die von der Terrororganisation ausgegebene Strategie, „den Feind mit kleineren, aber häufigeren Operationen anzugreifen“. Der Dschihad-Ideologe Shaykh Adil al-Abbab legitimierte Terrorakte gegen westliche Länder erst vor wenigen Monaten im Magazin „Inspire“, das die Organisation Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel regelmäßig veröffentlicht: „Ihre Regierungen bekämpfen diejenigen, die die Scharia einführen wollen. Und so nehmen wir sie ins Visier, denn sie sind Ungläubige und sie führen Krieg gegen uns.“ Militärische und ökonomische Ziele sollten Vorrang haben; wenn das nicht ginge, seien aber auch Angriffe auf Zivilisten legitim.

Auch die gerade durch Wikileaks bekannt gewordenen US-Vermerke zu Insassen des Gefangenenlagers Guantanamo zeigen, was aus Sicht von Al-Kaida legitime Anschlagsziele sind. So erklärte der einstige Chefplaner der Terrorgruppe und Kopf hinter den Anschlägen vom 11. September 2001, Khalid Sheich Mohammed, es gehe darum, die Bürger leiden zu lassen. Geplant wurde laut US-Dokumenten etwa, einen „nuklearen Höllensturm“ in den USA zu entzünden.

Zudem wollten die Terroristen das größte Gebäude Kaliforniens, Kernkraftwerke oder Flughäfen, auch mit gekaperten Frachtflugzeugen, attackieren. Die Brooklyn-Bridge sollte zerstört werden und Gasexplosionen ganze Häuser sprengen. Al-Kaida setzt die Strategie um, möglichst viele Zivilisten zu töten. Das haben Anschläge wie die von Djerba, Bali, Istanbul, Madrid oder London gezeigt.

 

Sonderthemen