Susanne Schröter sieht beim Religionsunterricht für muslimische Schüler Nachholbedarf. Die Islamexpertin spricht im Interview über die Schwierigkeiten in der Praxis und übt Kritik am baden-württembergischen Modell.
Frau Schröter, welchen Nutzen hat der islamische Religionsunterricht für die Integration der Muslime in Deutschland?
Der islamische Religionsunterricht könnte dazu beitragen, den Widerspruch zwischen religiösen Normen und den Werten unserer Gesellschaft abzubauen, und eine Integration von Menschen ermöglichen, die sich bislang abgeschottet haben. Das würde allerdings eine moderne, hermeneutisch orientierte islamische Theologie voraussetzen.
Wo liegen die Schwierigkeiten in der Praxis?
Man möchte den islamischen Religionsunterricht nach dem Beispiel des christlichen Unterrichts organisieren. Der Islam hat allerdings keine Kirche herausgebildet, und so fehlt ein entsprechender Partner auf islamischer Seite. Man behilft sich mit islamischen Vereinen, die jedoch nur eine Minderheit der Muslime in Deutschland vertreten.
Welche Rolle sollten Islamverbände spielen?
Es handelt sich primär um auslandsgesteuerte Vereinigungen des politischen Islam, die denkbar ungeeignet sind, eine moderne Religionsauffassung zu vermitteln. Zudem sind etliche von ihnen ausgesprochen integrationsfeindlich und vertreten Ideologien, die in Gegensatz zum Grundgesetz stehen.
Wird die Mehrheit der nicht organisierten Muslime zu sehr bevormundet oder gar ausgegrenzt?
Die Mehrheit der Muslime wird von den Islamverbänden nicht repräsentiert und hat daher keine Stimme in der Angelegenheit.
Was halten Sie für sinnvoller: bekenntnisorientierten Religionsunterricht oder reine Islamkunde?
Momentan fehlt es an Partnern, mit denen ein bekenntnisorientierter Islamunterricht durchgeführt werden könnte. Organisationen des politischen Islam über den Religionsunterricht Zugriff auf Schüler in staatlichen Schule zu ermöglichen, halte ich für fatal. Daher lässt sich nur ein Islamkundeunterricht rechtfertigen.
Gibt es ein deutsches Bundesland, das den islamischen Religionsunterricht schon mustergültig geregelt hat?
Nein.
Wie bewerten Sie das baden-württembergische Modell des islamischen Religionsunterrichts?
Der Sunnitische Schulrat hat gezeigt, dass er seine Macht missbraucht, um Theologen kaltzustellen, die einen modernen grundgesetzkonformen Islam vertreten. Er repräsentiert ein rückwärtsgewandtes undemokratisches Islamverständnis, das an staatlichen Schulen nichts zu suchen hat.