Island ist für überwältigende Natur bekannt. Doch auch unter Wasser hört das Staunen nicht auf. Zum Beispiel beim Tauchen zwischen zwei Kontinenten.

Reykjavik - Eine Hand greift links ans Gestein, die andere auf die rechte Seite der steil abfallenden Felswand. Der Blick nach unten führt in eine immer enger und dunkler werdende Felsspalte. Sieht man durch die Maske nach oben, streicheln Sonnenstrahlen die Wasseroberfläche. Es ist mucksmäuschenstill. Nur die ausgeatmeten Luftblasen blubbern an den Ohren vorbei an die Wasseroberfläche. Was für ein erhabenes Gefühl, denn die mit dicken Neopren-Fäustlingen bewehrten Hände berühren gleichzeitig die nordamerikanische Kontinentalplatte und die eurasische Platte. Die spaltenartige Verwerfung zwischen den beiden Kontinentalplatten, die sich quer durch Island zieht, bewegt sich pro Jahr etwa zwei Zentimeter auseinander.

 

An dieser Engstelle schiebt von hinten die stete Strömung die vierköpfige Tauchergruppe sanft voran. Rund 100 Jahre alt ist das eiskalte und kristallklare Wasser. So lange hat es gebraucht, um am Gletscher Langjökull in rund 40 Kilometer Entfernung zu schmelzen und dann langsam durch das Lavagestein hindurch bis zum Nordende des Sees Thingvallavatn zu sickern, wo es aus unterirdischen Quellen wieder hervortritt - eine effektive Natur-Filteranlage. Dies ermöglicht Sichtweiten von bis zu 120 Metern, und das eiskalte Wasser in der Silfra-Spalte ist so rein, dass man es ohne weiteres trinken kann. Apropos eiskalt: zwei bis vier Grad Celsius hat das Wasser hier ständig, behaupten die Reiseführer.

Selten mehr als ein Grad

„Ich tauche hier schon seit Jahren, und meine Instrumente haben noch nie mehr als ein Grad angezeigt“, hat Ted, der britische Tauchführer, zuvor beim Briefing gesagt, und sein feuerroter Vollbart bebte dabei vom Lachen. Es sind raue Gesellen, die sich jeden Tag zweimal dick eingepackt in Thermo-Overall und Trockenanzug in das bibberkalte Wasser werfen, um Taucher oder Schnorchler durch die Silfra-Spalte zu führen. Dieser einzigartige Unterwasserplatz liegt mitten im Nationalpark Thingvellir, etwa eine knappe Autostunde östlich von Reykjavík entfernt. Nirgendwo sonst auf der Welt kann man in so klarem Wasser tauchen, nirgendwo sonst können erfahrene Sporttaucher ohne besondere Ausrüstung einen Tauchgang zwischen zwei Kontinentalplatten erleben, aber eben auch in warm haltenden Trockenanzügen steckende Schnorchler an der Wasserober-fläche. Nachdem die Taucher an der engsten Passage das klassische Erinnerungsfoto gemacht haben, treiben sie nahezu ohne Beinschlag weiter über eine Felskante hinweg. Schwarz-blaue Basaltsteine schweben vorbei, mit grünem, schnurförmigen Algen-Bewuchs, der in der Strömung tanzt wie Troll-Haare.

Wieder geht es hinab auf etwa zehn Meter Tiefe. Der Canyon wird jetzt breiter. Die Gruppe taucht langsam durch eine große, majestätische Kathedrale mit nahezu tiefschwarzen Wänden rechts und links, einem sandfarbenen Boden und einem von Tiefblau ins Hellblau übergehenden Wasserdach über einem. Nach einem kleinen Anstieg über eine Sandbank hinweg biegen die dick eingepackten Froschmänner mit wenigen kräftigen Flossenschlägen links ab in die sogenannte Blaue Lagune. Ásgeir, der die Gruppe anführt, dreht sich um und lacht - soweit man seine Mimik unter der Maske und der Kopfhaube überhaupt erkennen kann. Zwischen ihm und seiner vierköpfigen Tauchgruppe befindet sich nichts außer kristallklarem Wasser. Keine Schwebstoffe lenken das Licht ab. Es wirkt vollkommen surreal. Als ob Ásgeir in seinem Trockenanzug schweben würde, die Flossen als Flügel.

Auch an Weihnachten wird getaucht

Nur die aufsteigenden Luftblasen verraten, dass sich diese dick vermummten Menschen unter Wasser befinden. An manchen Stellen spiegelt sich die Szenerie an der Wasseroberfläche, und das Hirn des Beobachters hat Schwierigkeiten zu entscheiden, welche Gesteinsformation echt ist und welche eine Spiegelung. Die Teilnehmer dieser einzigartigen Unterwasser-Exkursion tauchen nacheinander auf, die Schwerkraft zerrt an Flasche und Blei, der Marsch zurück zum Ausgangspunkt und die Sonnenstrahlen im Gesicht wärmen schnell wieder auf. Doch nicht nur bei gutem Wetter wird die Tour angeboten, sondern im Prinzip jeden Tag, auch wenn durch meterhohen Schnee gestapft werden muss.

„Wir tauchen auch an Weihnachten, dann haben wir einen Baum unten und Unterwasser-Lautsprecher mit Weihnachtsliedern“, sagt Tauchführer Ásgeir, nachdem sich jeder wieder aus dem Anzug geschält hat und sich bei heißem Tee und Keksen über die Erlebnisse unter Wasser austauscht. „Liquid Meditation“ nennt Tauchbasis-Chef Tobias Klose das Tauchen in den eiskalten Gewässern auf Island. Er hat schon Schauspieler wie Tom Cruise oder Ben Stiller und den schwedischen König Carl Gustaf mit in das kristallklare Wasser genommen und ist mit seinem Unternehmen ein Pionier beim Thema Tauchen auf Island. Denn nicht nur in der Silfra-Spalte lohnt der Ausflug in die Tiefe. Island hat sowohl Süß- als auch Meerwasser-Tauchmöglichkeiten zu bieten, die nahezu unerschöpflich und fast immer einzigartig sind. Angesichts der vielfältigen Möglichkeiten steckt Tauchen auf Island noch in den Kinderschuhen. Rund 99 Prozent aller Seen auf der Insel im Nordatlantik sind unter Wasser noch völlig unberührt.

Infos zu Island

Anreise
Flüge nach Reykjavík/Keflavík ab Stuttgart in der Sommersaison mit Wow-Air ( www.wowair.com ). Icelandair ( www.icelandair.de ) hat ganzjährig ab München und Frankfurt Flüge in die isländische Hauptstadt im Angebot.

Unterkunft
Island erkundet man am besten mit einem Wohnmobil (zum Beispiel über www.kukucampers.is ). Jeder größere Ort verfügt jedoch auch über Hotel- oder Hostel-Betten. Geführte Reisen veranstalten Island Erlebnisreisen ( www.islanderlebnis.de ) oder Katla Travel ( www.katla-travel.is ).

Tauchen
Die Dive.is-Tauchschule ist als einziger Anbieter von der isländischen Verwaltung zertifiziert, um sowohl Schnorchler als auch Taucher mit täglichen Touren durch die Silfra-Spalte zu führen. Der Schnorcheltrip kostet etwa 130 Euro, der Tauch-Trip mit zwei Tauchgängen etwa 230 Euro inklusive Shuttle-Service von den Hotels in Reykjavík und Leihausrüstung. ( www.dive.is )

Allgemeine Informationen
Visiticeland, www.visiticeland.com