Israel Die Straße der Nabatäer ist die Route 64

Einblicke in die Negevwüste in Israel. Foto: Tschepe 10 Bilder
Einblicke in die Negevwüste in Israel. Foto: Tschepe

Die Straße der Nabatäer in der Negevwüste in Israel ist die Route 64. Nabatäer fanden dort ihr Zuhause, Beduinen pilgerten zu einer 1000 Jahre alten Pistazie.

Rems-Murr: Martin Tschepe (art)
WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Stuttgart - Die Nacht im Beduinenzelt mitten in der südisraelischen Negevwüste war lang und kühl. Im Winter wird es hier schon am Spätnachmittag stockdunkel. Abends haben wir noch Reis, Gemüse und gegrilltes Huhn gegessen, danach süßen Tee getrunken, dann sind wir auch schon in die Schlafsäcke gekrochen. Am nächsten Morgen führt der Zeltherr Salman die europäischen Besucher mitten hinein in die Felsenwüste. Der 38-jährige Beduine wohnt südlich von Sde Boker, dem Kibbuz, in dem der erste israelische Ministerpräsident David Ben Gurion seine letzten Jahre bis 1973 verbracht hat. Salman lebt vom Tourismus. Früher leitete er ein Unternehmen mit zwei Dutzend Angestellten. Doch dann wurde ihm alles zu viel. Nun lautet sein Motto „weniger ist mehr“ - das passt gut zum Urlaub im Negev.

Salman kennt die Wüste wie seine Westentasche. Bereits als kleiner Bub hütete er in dieser Einöde die Ziegen der Familie. Wer mit ihm unterwegs ist, entdeckt alle paar Schritte jahrtausendealte Spuren der einstigen Siedler. Salman deutet auf einen Berg und erklärt, dass die Höhlen im Felsen von den Nabatäern als Speisekammern angelegt worden seien.

Die Nabatäer waren Nomaden, die vor rund 2000 Jahren im Negev lebten. Sie haben damals achtzig Prozent der Wüste landwirtschaftlich genutzt, was nur möglich war wegen ihres ausgeklügelten Wasserauffang- und -leitungssystems. Die Nabatäer versuchten fast jeden Tropfen, der vom Himmel fiel, in riesigen Zisternen zu sammeln. Diese bis zu sechs Meter tief in die Felsen gehauenen Wasserspeicher kann man noch heute finden - wenn man weiß, wo man suchen muss.

Ein heiliger Baum von 1000 Jahren

Nach einer kurzen Wanderung erreichen wir den einzigen Baum weit und breit. Die Atlantische Pistazie ist mindestens tausend Jahre alt. Für die Beduinen sei dieser Baum heilig, sagt Salman. Dann erzählt unser Reiseführer eine Anekdote, die einer wichtigen Geschichte im Neuen Testament verblüffend ähnelt: Der Patriarch der Beduinen habe sich einst unter dieser Pistazie schlafen gelegt. Als er am nächsten Tag erwachte, sei seine Frau, oh Wunder, schwanger gewesen. Der Sohn, der ohne das Zutun des Patriarchen gezeugt wurde, sei der Vorfahre der Beduinen im Negev. Noch heute ehrten einige Wüstenbewohner, die eigentlich längst islamisiert seien, den Baum. Sie hängen an die Zweige kleine Stofffetzen, die den Patriarchen wärmen sollen.

Es kommen immer weniger Beduinen zur Pistazie, dafür aber seit ein paar Jahren mehr und mehr Wanderer und Mountainbiker in den Negev - um der winterlichen Kälte zu entfliehen und vielerorts historische Spuren sowie Meilensteine der jungen Geschichte des Staates Israel zu erkunden. Tagsüber ist es in der Wüste angenehm warm, aber längst nicht so heiß, wie im Hochsommer. Mitten in dem riesigen Erosionskrater Ramon, gleich neben dem Wüstenstädtchen Mitzpe Ramon, befinden sich die Reste einer ausgegrabenen Nabatäersiedlung: Saharonim war einst eine Art frühes Motel. Hier haben Kamelkarawanen, die auf der Gewürzstraße unterwegs waren, Rast gemacht.

Der Drehort von "Jesus Christ Superstar" liegt mitten in der Wüste

An diesem Tag ist Zvi Sherzer unser Begleiter. Der Israeli, der in Sde Boker lebt, erzählt, dass es auf der Strecke vom Oman bis nach Gaza einst 64 solche Stationen gegeben habe. In Anspielung auf die legendäre Route 66, welche die USA von Osten nach Westen durchquert, bezeichnet Zvi Sherzer die alte Straße der Nabatäer augenzwinkernd als Route 64. Später in Ein Akev springen wir ins Wasser einer Quelle mit einem neun Meter tiefen Pool. Dann führt der Guide die Wanderer zu Steinen, in die vor ein paar Tausend Jahren Zeichnungen geritzt worden sind: Männchen, Kamele und andere Tiere.

Wir besuchen Ben Gurions Grab in Sde Boker. Der Tourguide erzählt, dass in seinem Kibbuz im Jahr 1973 mehrere Szenen für das Musical „Jesus Christ Superstar“ gedreht wurden. Wir erfahren, dass Wölfe, Füchse und Leoparden im Negev leben. Keine Angst, die Wildtiere ließen sich kaum blicken. Dann backt Salman mitten in der Wüste Brot und kocht Tee. Der Beduine grinst breit und sagt: „Tee ohne Brot ist wie Sex ohne Liebe.“




Unsere Empfehlung für Sie