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Israel und Westjordanland Wie Jesus durch die Wüste

Nabi Musa nahe Jericho bei Sonnenaufgang - nachmuslimischer Tradition wird hier das Grab Mose vermutet. Foto: Peter Böhlemann
Nabi Musa nahe Jericho bei Sonnenaufgang - nach muslimischer Tradition wird hier das Grab Mose vermutet. Foto: Peter Böhlemann

Wer auf den Spuren des Messias durch Israel und das Westjordanland wandert, merkt schnell: Er war ein zäher Knochen. Die Tour erfordert Kondition - doch sie belohnt mit überwältigenden Eindrücken.

Politik: Siri Warrlich (swa)
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Hier soll Jesus in Sandalen unterwegs gewesen sein? Es scheint unmöglich. Der Wanderpfad ist seines Namens kaum würdig. Überall liegen Steine, groß, klein, winzig. Das gleißende Weiß des Gerölls blendet immerzu die Augen. Elf Deutsche stolpern durstig durch die Landschaft. Nach vier Stunden in der Steinwüste begreifen sie: Wasser, noch mehr Wasser, wäre wichtiger gewesen als die schwere Kamera im Rucksack. 40 Grad Celsius, mindestens, sagt das Gefühl. Doch der Kopf sagt: Das kann nicht sein. Nach dem viertausenddreihundertvierundfünfzigsten Stein erscheint in der Ferne die Erlösung. Ein Baum! Nicht zu glauben! Die letzten Stunden war kaum eine Menschenseele zu sehen. Doch nun zieht der Baum in der Wüste wie ein Magnet alles Lebendige an sich. Ein junger Schäfer ist schneller, der Fleck Schatten unter dem Baum sofort von seiner Herde ausgefüllt. Den Wanderern bleibt nur ein schmaler Streifen Schatten neben einem Felsvorsprung. Wie zehn Säcke Sand lassen sie sich zu Boden fallen und nuckeln müde an ihren Wasserflaschen. Eines ist mittlerweile völlig klar: Jesus war ein ganz schön zäher Knochen. In den Fußstapfen des berühmten Mannes aus Nazareth wandert die Gruppe durch Israel und das Westjordanland – neben Gaza-Streifen und Ost-Jerusalem eines der drei palästinensischen Gebiete, die unter anderem der Internationale Gerichtshof als von Israel besetzt bezeichnet.

In der Wüste überlebt man nur als Gruppe

In drei Tagesetappen geht es vom Kibbuz Lavi nahe Nazareth bis in die heilige Stadt Jerusalem. Atemberaubende Sonnenaufgänge und sanfte Täler wechseln sich ab mit Touren, die die Wanderer an ihre körperlichen Grenzen bringen. Ab und zu wird geschummelt. Zwischendurch steigt die Gruppe gelegentlich in den Bus. „Fünf Evangelien schildern das Leben Jesu; vier findest du in Büchern - eines in der Landschaft“, schrieb der Benediktinermönch Bargil Pixner. „Liest du das fünfte, eröffnet sich die Welt der vier.“ Das Leben Jesu durch die Landschaft verstehen, die ihn umgab: Das ist der Plan dieser Reise. Dass er aufgeht, wird spätestens an dem fast grausam heißen Vormittag in der Steinwüste klar: „In der Wüste“, sagt Wanderführer Georg Rössler, „kannst du nur als Gruppe überleben.“ Mit energischen Gesten spickt Rössler seine Ausführungen. Woher nimmt dieser Mann, verschmitztes Lächeln unter braunem Hütlein, seine grenzenlose Energie? Bis zum Ende der Reise bleibt es ein Mysterium. Vor mehr als 30 Jahren ist Rössler nach Israel ausgewandert. Er und sein Kollege Gedi Hampe, fast zwei Jahrzehnte jünger, in Köln aufgewachsen und nun in Jerusalem lebend, leiten mit vollem Elan durch die Reise. „,Liebe deinen Nächsten wie dich selbst‘ - erst die Wüste macht dieses Gebot greifbar“, sagt Rössler. Recht hat er. Auf diesem Fleckchen Erde allein zurechtzukommen, steht nicht zur Debatte.

Eben zog die Gruppe an einer Beduinenfamilie vorbei: eine Stoffplane über vier Pfosten, ein paar Wasserkanister, Tiere, Utensilien - ansonsten: nichts. Überleben, hier, ohne zusammenzuarbeiten? Unmöglich. Plötzlich macht die Bibel - zumindest ein Teil von ihr - auch für Atheisten Sinn. „Fit und gläubig“, so beschreibt Rössler das neue Pilgerreisen in Israel und im Westjordanland. Bislang hätten die meisten Pilger den Großteil des Heiligen Landes durch verwaschene Fensterscheiben gesehen: Der Reisebus sei das Fortbewegungsmittel der Wahl gewesen. Neuerdings aber merke Rössler: Die Leute wollen etwas anderes. Hape Kerkeling goes Israel, sozusagen. Rössler und seine Kollegen von der Wander-Agentur SK Tours in Nature freuen sich über die veränderte Nachfrage. „Pilgern“, sagt Rössler, heiße schließlich in der ursprünglichen Wortbedeutung „sich über den Acker machen“. Da bleibt ein Reisebus leicht stecken.

Die Wanderwege in Israel

Die Fußstapfen von Jesus zeichnen in Israel und im Westjordanland gleich drei Wanderwege nach: Der Jesus Trail, der Gospel Trail und der Jerusalemweg - teilweise überschneiden sie sich, haben aber andere Schwerpunkte. Auf dem Jesus Trail sollen Wanderer viel Kontakt mit Einheimischen haben. Der Gospel Trail hat die Landschaft Galiläas zum Schwerpunkt. Während beide nahe dem See Genezareth enden, zeichnet der Jerusalemweg auch Ausschnitte der weiteren Reise Jesu durch die Judäische Wüste nach Jerusalem nach. Für die Gruppe aus Deutschland wählen Rössler und Hampe die Höhepunkte des Jerusalemweges aus. Einer davon: Das Wadi Qelt, ein von einst reißenden Fluten aus dem Berg geschnittenes Tal. Meterhohes Schilf und glänzend gewaschene Steine tief unten, umgeben von steil in die Luft ragenden Felswänden: Vor dieser magischen Kulisse spielt der dritte, und letzte, Tag in Trekkingstiefeln. Die Gruppe wandert oben in den Felswänden auf Wegen, die teils - gruselig - erst durch die tiefe Schlucht ihre Begrenzung finden.

Neben dem Durst als ewigem Begleiter ist heute auch Kollege Nervenkitzel mit von der Partie. Warum man sie nicht vorher gewarnt habe, wollen manche wissen. „Die Erfahrung zeigt: Dann trauen sich die Leute nicht“, sagt Rössler grinsend. Mehr kletternd als wandernd fräst sich die Gruppe den Weg durch das Tal, ständig zwischen zwei Polen pendelnd: Man will grinsen angesichts der unglaublichen Schönheit dieser Natur; man will weinen, weil es zu heiß, zu anstrengend, der Weg zu nah am Abgrund ist. Am Ende schaffen es alle. Und werden belohnt: Ein Park mit Schwimmbecken liegt am Ziel. Nicht immer kommt der Sprung ins kalte Wasser zu Beginn einer Reise. Manchmal kommt er auch am Schluss. Reichlich Neues im Gepäck nehmen die Wanderer mit nach Hause: Schlafmangel, weil der Wecker drei Tage lang gegen fünf Uhr morgens geklingelt hat. Blasen. Eine Erkältung, der Klimaanlage sei Dank. Sonnenbrand. Tiefe Erschöpfung. Und eine neue Art, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. Was gehört in welche Kategorie? Drei Tage Jesus-Trekking verändern die Antwort. Die neue Hitparade der wichtigsten Dinge der Welt: ein Fleckchen Schatten, ein Frühstücksei am Wegesrand und nach langer Wanderschaft ein Bad im kalten Wasser.

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