Israelitischer Friedhof in Stuttgart-Nord Unterricht am Gedenkstein

Schüler der Anne-Frank-Schule in Möhringen haben gemeinsam mit Kultusminister Andreas Stoch den israelitischen Friedhof am Pragfriedhof besucht. Dahinter steckt das Projekt „Lernort Gedenkstätte“, das Schülern außerhalb des Klassenzimmers Wissen zur Geschichte vermitteln will.

Filderzeitung: Rebecca Anna Fritzsche (fri)

S-Nord - Möhringen - Das Laub raschelt unter den Füßen der Schüler der Anne-Frank-Gemeinschaftsschule, als sie sich auf dem israelitischen Teil des Pragfriedhofs bewegen. Ziel ist ein versteckter Grabstein. Er gehört dem Rabbiner Joseph Wochenmark und seiner Frau Bella. Aus ihrem Leben während der Zeit des Nationalsozialismus erzählt Sabine Schreck, die die Jugendlichen über den Friedhof führt. Sie erzählt von Kündigungen, Einschränkungen, vom Zwangsumzug in sogenannte Judenhäuser, schließlich bekommt das Ehepaar den Deportationsbefehl. „Dann haben beide sich zum Freitod entschlossen“, so Schreck. Wochenmark stirbt, seine Frau überlebt aber, wird deportiert und kommt in Auschwitz ums Leben. Nun schickt Sabine Schreck die Schüler los: Sie sollen andere Grabsteine betrachten, nach hebräischen Buchstaben suchen, nach Hinweisen auf Todesorte, Konzentrationslager oder Deportationen.

„Geschichte muss lebendig bleiben“

Die Führung ist Teil des Projekts „Lernort Gedenkstätte“, das von der Stuttgarter Jugendhausgesellschaft getragen wird. Ziel ist es, Geschichte den Schülern direkt vor Ort an Gedenkstätten zu vermitteln. Diese Woche war Kultusminister Andreas Stoch bei einigen dieser außerschulischen Lernorte zu Gast. „Wenn wir an der Schule vermitteln wollen, dass alle Menschen gleich sind, funktioniert der erhobene Zeigefinger nicht“, meinte er. An solchen dezentralen Gedenkstätten funktioniere es aber: „Dadurch, dass die Orte vor der Tür liegen, sind sie viel greifbarer“, sagte Stoch. Die Schule müsse Teil der Gesellschaft sein, und dazu gehöre das Lernen in und außerhalb der Schule.

Dem stimmte Barbara Traub, die Vorstandssprecherin der israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg, zu: „Geschichte in einem Buch zu lesen, ist etwas anderes als an dem Ort zu sein“, sagte sie. „Geschichte muss lebendig bleiben, die Erinnerung muss an die nächste Generation weitergetragen werden.“ Sieghard Kelle, der Leiter der Jugendhausgesellschaft, sagte, dass das Projekt schon seit Beginn „regen Zulauf“ erfahre. „Die jugendpolitische Bildung gehört zu unseren Aufgaben“, sagte Kelle, so auch diese an solchen „erfahrbaren Orten“.

Schüler sind beeindruckt

Die Schüler der Anne-Frank-Schule zeigten sich von dem Rundgang über den israelitischen Friedhof beeindruckt. „Wir können froh sein, in einer Welt zu leben, die anders ist“, sagte die 15-jährige Giulia. Die Schrecken des Nationalsozialismus seien lange her, „aber es ergreift uns trotzdem“, sagte die gleichaltrige Milena. Und zieht Parallelen zur aktuellen Flüchtlingssituation: „Wir schauen zu, machen aber nichts. Wir sollten eigentlich alle etwas tun.“

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