Israels Dramatiker Jehoschua Sobol Unterhaltsam sein – und dabei weh tun

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Kann man ein Musical über den Holocaust machen? Der israelische Dramatiker Joshua Sobol, einer der kritischsten Geister seines Landes, konnte es 1984: „Ghetto“. Am 24. August wird er 80 Jahre alt.

Der israelische Autor und Dramatiker Jehoschua Sobol Foto:  
Der israelische Autor und Dramatiker Jehoschua Sobol Foto:  

Tel Aviv - Es gibt viele Gründe, dem israelischen Autor und Theatermann Jehoschua Sobol zum achtzigsten Geburtstag am 24. August zu gratulieren, denn er hat die Bühnen seit 1970 mit einer großen Zahl an Stücken bereichert, die häufig jüdische Geschichte und israelische Gegenwart in ein spannungsvolles Verhältnis setzen. Dabei machte er sich schon früh unbeliebt bei religiös-konservativen Kreisen seines Landes, denn der biografisch tief im linken und weltlichen Zionismus verwurzelte Sobol wies stets darauf hin, dass der Staat Israel nur dann eine gute Zukunft hat, wenn er einen vernünftigen Ausgleich findet mit den palästinensischen Mitbürgern und den arabischen Nachbarn.

Vor allem aber muss man erinnern an jenes zentrale Sobol-Stück, mit dem 1984 der Regisseur Peter Zadek die bundesdeutsche Theaterwelt auf den Kopf stellte: „Ghetto“. Als Sobol und Zadek damals bekanntgaben, am Städtischen Theater in Haifa und an der Freien Volksbühne in West-Berlin ein Musical über den Holocaust herausbringen zu wollen, ernteten sie allenthalben Aufruhr und Empörung, vor allem in den kritischen Feuilletons, die beim Stichwort Musical nur an „Cats“ denken konnten. Die alte BRD hatte ja gerade erst angefangen, sich mit sehr ernsten und dramatischen Geschichten und Filmen dem Thema Judenvernichtung zu widmen. Und nun das Ganze mit Musik und Tanz? Wenn diese Idee nicht von zwei jüdischen Künstlern gekommen wäre, es hätte vermutlich damals nirgendwo eine Bühne dafür gegeben.

So begann die Karriere von Ulrich Tukur

Was dann an Theaterkunst entstand und zunächst in Berlin, später am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg zu sehen war, wird wohl allen ewig in Erinnerung bleiben, die es sehen konnten. Die historisch wahre Geschichte der Juden aus dem Getto in Vilnius, die vom SS-Obersturmführer Bruno Kittel, übrigens einem Saxofonspieler, gezwungen werden, im Gettotheater für ihn zu singen und zu tanzen, war auf eine geradezu unheimliche Art unterhaltsam – das schreibt sich selbst 35 Jahre später noch schwer –, aber eben auch voller Schmerz und Anklage.

„Ghetto“ erweiterte nicht nur enorm die ästhetischen Möglichkeiten, sich den Schreckensthemen der Welt zu widmen. Es hat auch auf anderem Wege die Kultur geprägt: Die Rolle des SS-Teufels brachte dem damals erst 27-jährigen Ulrich Tukur den Durchbruch. Der israelischen Sängerin Esther Ofarim gelang nach der Produktion eine zweite Karriere. Und viele Deutsche erlebten erstmals auf der Bühne einen argentinischen Klarinettisten, der dem hiesigen Publikum seitdem tief verbunden ist: Giora Feidman.

Und so begann auch die Karriere von Itay Tiran

Jehoschua Sobol hat stets versucht, sein Publikum zu fesseln, zu unterhalten – um es dann mit den Wahrheiten der Geschichte und der Gegenwart nur noch tiefer treffen zu können. Stuttgart schenkte er 2013 eine Uraufführung: Manfred Langner inszenierte am Alten Schauspielhaus den „Kaufmann von Stuttgart“, die Geschichte des Joseph Süß Oppenheimer.

Und noch eine Beziehung von Sobol zu Stuttgart: Die Karriere des israelischen Schauspielers Itay Tiran, der in der vergangenen Saison am Staatstheater Stuttgart so viele Zuschauer begeistert hat, begann 2004 am Cameri Theater in Tel Aviv mit der Hauptrolle in einem Sobol-Stück: „IWitness“ erzählt vom Kriegsdienstverweigerer Franz Jägerstätter in Nazi-Deutschland und forschte zugleich nach den jungen israelischen Kriegsdienstverweigerern unserer Tage, die sich weigern, ihren Wehrdienst in den besetzten Gebieten abzuleisten. Derart hochriskante Bezüge und Vergleiche, verdichtet zu packendem Theater: das ist Sobol.