Israels Einmarsch im Libanon Der Krieg im Libanon könnte den Iran-Krieg überdauern
Im Schatten des Iran-Kriegs haben die Kämpfe zwischen Hisbollah und Israel eine eigene Dynamik entwickelt. Die Auswirkungen für den Libanon sind dramatisch.
Im Schatten des Iran-Kriegs haben die Kämpfe zwischen Hisbollah und Israel eine eigene Dynamik entwickelt. Die Auswirkungen für den Libanon sind dramatisch.
Die Kämpfe im Libanon zwischen der Hisbollah-Miliz und der israelischen Armee sind zu einem neuen Krieg eskaliert, der den Iran-Konflikt überdauern dürfte. Israelische Truppen rücken nordwärts auf libanesisches Gebiet vor, um eine Pufferzone im Nachbarland zu schaffen. Bemühungen der libanesischen Regierung um eine Entwaffnung der vom Iran unterstützten Hisbollah sind vorerst gescheitert. Die wichtigsten Fragen und Antworten.
Warum wird im Libanon gekämpft?
Nach dem Waffenstillstand im letzten Krieg zwischen der Hisbollah und Israel vor zwei Jahren, als Israel die damalige Hisbollah-Führung tötete und viele Waffen der pro-iranischen Miliz zerstörte, blieb es an der israelisch-libanesischen Grenze trotz kleinerer Scharmützel relativ ruhig. Auch im Zwölf-Tage-Krieg von USA und Israel gegen den Iran im vorigen Jahr griff die Hisbollah, eine der mächtigsten pro-iranischen Milizen im Nahen Osten, nicht ein.
Nach Ausbruch des neuen Iran-Krieges am 28. Februar gab die Hisbollah diese Zurückhaltung auf und begann, Israel mit Raketen und Drohnen zu beschießen. Israel antwortete mit Luftschlägen und der Entsendung von Bodentruppen. Mehr als tausend Menschen sind seitdem getötet worden, mehr als 1,2 Millionen wurden vertrieben.
Warum schaltete sich die Hisbollah diesmal in den Konflikt ein?
Aus Sicht der Hisbollah erscheint es auf den ersten Blick widersinnig, Israel anzugreifen. Die Organisation ist vom letzten Krieg geschwächt und muss damit rechnen, noch mehr Kämpfer und Waffen zu verlieren. Vom Iran, der selbst von USA und Israel angegriffen wird, kann die Hisbollah keinen schnellen und wirksamen Nachschub erwarten. Zudem bringt die Hisbollah die libanesische Regierung und einen Großteil der Bevölkerung gegen sich auf, denn sie hat einen Konflikt provoziert, der dem Libanon neue Zerstörungen und neues Leid bringt.
Hisbollah-Chef Naim Qassem gab dennoch den Angriffsbefehl. Er wollte damit zum einen eine neue Front eröffnen, um Teile der israelischen Streitkräfte zu binden und den Partner Iran im Krieg zu entlasten. Zum anderen betrachtet die Hisbollah den neuen Krieg als Antwort auf Verletzungen des Waffenstillstandes im Süden Libanons durch Israel. Mit dem neuen Konflikt beendet die Hisbollah außerdem die inner-libanesische Diskussion über ihre Entwaffnung: Die Regierung in Beirut hatte einen Plan vorgelegt, um der Miliz die Waffen abzunehmen – doch die Hisbollah zeigt jetzt, dass sie die Vorgaben der Politiker missachten und eine Annäherung zwischen dem Libanon und Israel torpedieren kann.
Welche Ziele verfolgt Israel mit dem neuen Krieg?
Der neue Feldzug solle die Gefahr für die Menschen im Norden Israels durch die Raketen und Drohnen der Hisbollah beseitigen, sagt die israelische Regierung. Doch es geht um mehr.
Israel und die Hisbollah bekriegen sich seit Jahrzehnten, doch für Israel haben sich die Spielregeln seit dem Überfall der ebenfalls pro-iranischen Hamas auf Israel im Oktober 2023 geändert, wie der Nahost-Experte Simon Waldman vom King’s College in London sagt. „Seit dem 7. Oktober will Israel die Hamas und die Hisbollah nicht mehr durch Abschreckung im Zaum halten, sondern ganz vernichten oder zumindest entscheidend schwächen“, sagte Waldman unserer Zeitung. Da die Hisbollah mit ihren neuen Angriffen seit Anfang des Monats gezeigt habe, welche militärische Kapazitäten sie noch habe, reagiere Israel mit Härte: „Jerusalem wird einen längeren Krieg führen.“
Ein wichtiges Ziel Israels ist der Litani-Fluss, der etwa 30 Kilometer nördlich der israelisch-libanesischen Grenze ins Mittelmeer mündet. Israelische Bodentruppen sollen nun bis zum Litani vorstoßen, um eine Pufferzone in der Hisbollah-kontrollierten Gegend zu schaffen; schon von 1982 bis zum Jahr 2000 hatte Israel eine solche Zone auf libanesischem Gebiet kontrolliert, damals im Kampf gegen die Palästinensische Befreiungsorganisation PLO.
Israels Verteidigungsminister Israel Katz erklärte, die israelischen Soldaten hätten Brücken gesprengt und sollten Dörfer innerhalb der Pufferzone dem Erdboden gleichmachen. Zehntausende vertriebene libanesische Bewohner dürfen vorerst nicht in die Gegend südlich des Litani heimkehren.
Wie lange wird der Konflikt dauern?
Obwohl der neue Krieg zwischen der Hisbollah und Israel wegen des Iran-Konflikts ausbrach, „sieht es danach aus, dass die Militäroperationen gegen die Hisbollah auch dann weitergehen, wenn der Krieg gegen den Iran endet“, meint Orna Mizrahi vom Institut für Studien der Nationalen Sicherheit in Israel. Die Regierung in Jerusalem wolle mit dem Feldzug die Hisbollah entwaffnen und die Bedrohung durch die Miliz aus der Welt schaffen, schrieb Mizrahi in einer Analyse.
Die Dauer des Konflikts hängt zum einen davon ab, ob, wie schnell und wie stark Israel die Hisbollah militärisch weiter schwächen kann. Sollte es eine Einigung zwischen den USA und dem Iran geben, könnte auch diese Konsequenzen für die Hisbollah und den Libanon haben, sagt Nahost-Experte Waldman: Zu den Forderungen der US-Regierung an Teheran gehört das Ende der iranischen Unterstützung für Gruppen wie die Hisbollah.
Was bedeutet der Krieg für den Libanon?
Der libanesische Präsident Joseph Aoun wollte die Hisbollah entwaffnen, um sein Land zu stabilisieren und aus der Dauerkrise zu führen; allein die wirtschaftlichen Schäden durch den letzten Krieg zwischen der Hisbollah und Israel im Jahr 2024 werden auf 14 Milliarden Dollar geschätzt. Im vergangenen Jahr verzeichnete der Libanon mehr Investitionen aus dem Ausland und mehr Touristen.
Nun befürchtet die Regierung, dass der neue Krieg die bisherigen Erfolge zunichte macht und dass südliche Landesteile dauerhaft von Israel besetzt werden. Eine israelische Pufferzone bis zum Litani-Fluss würde das Gebiet um Tyros, die viertgrößte Stadt des Landes, vom Rest des Libanon abschneiden. Die Regierung in Beirut beschwerte sich bei den Vereinten Nationen über den israelischen Vorstoß auf libanesisches Gebiet, doch die Weltorganisation kann Israel nicht stoppen. Militärisch ist der Libanon zu schwach, um Israel oder der Hisbollah Einhalt zu gebieten.
Rechtsgerichtete Politiker in Israel fordern bereits, den Süden des Libanon gleich ganz zu annektieren: „Der Litani muss die neue israelische Grenze sein“, sagte Finanzminister Bezalel Smotrich jetzt. Der neue Krieg müsse „mit einer völlig neuen Realität enden“.