Israels Erfahrung mit Terror „Nicht in Panik und Hysterie verfallen“

Arye Sharuz ShalicarArye Sharuz Shalicar wuchs als Sohn iranischer Juden in Göttingen und Berlin auf. Heute ist er einer von   vier Pressesprechern der Israelischen Armee. Foto: Shalicar
Arye Sharuz Shalicar
Arye Sharuz Shalicar wuchs als Sohn iranischer Juden in Göttingen und Berlin auf. Heute ist er einer von vier Pressesprechern der Israelischen Armee. Foto: Shalicar

Panik und Hysterie sind genau das, was Terroristen erreichen wollen, sagt der israelische Sicherheitsexperte Arye Sharuz Shalicar im Interview. Dem Wissen um Gefahr begegne man am besten mit einer Mischung aus Wachsamkeit und Gelassenheit.

Korrespondenten: Katja Bauer (tja)

Berlin - In Israel gehören Terror und Bedrohung zum Alltag. Aber die Gelassenheit, mit der die Gesellschaft reagiert, sei auch die Botschaft an die Täter, dass sie nichts erreicht haben, sagt Arye Sharuz Shalicar.

Herr Shalicar, wie blicken Israelis nach Brüssel, Nizza, Ansbach auf Europa?
In Israel haben alle seit Jahrzehnten verinnerlicht, dass man in einer Gefahrenzone lebt und von einer gewaltbereiten Nachbarschaft umgeben ist. Daraus entstand als Lebensgefühl die Bereitschaft sich jederzeit zu verteidigen – und oft war der Eindruck, dass dies in Europa nicht so sehr verstanden wird. Es gab zum Beispiel oft Kritik, wenn Angreifer getötet wurden. Seit den Anschlägen vom November in Paris scheint sich dies zu ändern. Obwohl es auch schon zuvor Anschläge auf europäischem Boden gab, scheint sich nun eine Art gemeinsames Verständnis für das Leben in einer Bedrohungslage zu entwickeln. So nehmen es zumindest viele Israelis wahr.
Was kann Deutschland aus Ihrer Sicht von Israel in der Terrorbekämpfung lernen?
Das ist ein sehr komplexes Thema ohne einfache Antwort. Dazu muss man erst einmal ein Prinzip verstehen, nach dem die israelische Gesellschaft funktioniert. Seit Jahrzehnten bezahlt jeder einen persönlichen Preis für die Verteidigung gegen den Terror – jede Familie hat jemanden, der entweder gerade im Militärdienst ist oder im Reservedienst aktiv ist. Die ganze Gesellschaft ist aktiv darin involviert, ihr Land zu verteidigen. Gleichzeitig ist es wichtig, nicht in Panik und Hysterie zu verfallen und nicht zu pauschalisieren. Es gilt als Tugend, das nicht zu tun. Denn wenn man damit anfinge, würde man den Terroristen genau das geben, was sie suchen.
Welche Sicherheitsmaßnahmen bewähren sich?
Nirgends gibt es 100 Prozent Sicherheit. In Israel steht das Konzept auf mehreren Füßen, es ist ein Mix. Erstes Ziel ist, Anschläge zu vereiteln. Wenn dies nicht gelingt, eine Lage schnell zu beenden. Bei Großveranstaltungen braucht man Präsenz – in Uniform und Zivil. Es gibt Geheimdienste, deren Arbeit sehr wichtig ist. Man muss Herr der Lage sein und den Gegner schnell außer Kraft setzen können. Dazu kommen weitere operative Maßnahmen wie Taschenkontrollen, Detektoren. Ein Fall wie am Flughafen Brüssel wäre allein deshalb unwahrscheinlicher, weil schon bei der Anfahrt zum Flughafen Fahrzeuge genau kontrolliert werden. Aber vor allem sind alle darauf getrimmt, wachsam zu sein.
In Israel entsprechen junge palästinensische Männer dem Gefährderprofil. Sie werden daher besonders häufig kontrolliert. Diese Form des racial profiling wird als diskriminierend kritisiert. Können Sie die Kritik nachvollziehen?
Nun, wir hatten seit Oktober 2015 ungefähr 600 Anschläge, von denen etliche vereitelt werden konnten oder nur der Täter sein Leben ließ. Keiner der Täter war blond, blauäugig und 1,90 Meter groß. Ich will das nicht ins Lächerliche ziehen, aber 90 Prozent aller Täter sind männlich und die mit Abstand meisten von ihnen sind Palästinenser unter 24 Jahren. Für mich ist klar, dass man auf ein Profil achtet.
Die Wachsamkeit der Israelis mischt sich mit einer ganz bestimmten Gelassenheit. Wie schafft man es, seinen Alltag zu leben und dem Bedrohungsgefühl zu trotzen?
Wenn neben mir einer im Café sitzt und ich sehe eine Pistole unter seinem T-Shirt, dann beruhigt mich das eher. Ich trinke meinen Kaffee entspannter, weil jemand da ist, der reagieren könnte. In der zweiten Intifada hat fast jede Familie Blut gelassen. Wir leben alle mit dem Wissen im Hinterkopf, dass jederzeit vor jeder Schule, in jedem Bus etwas passieren kann. Gleichzeitig herrscht das kollektive Bewusstsein, dass dies hier unser Zuhause ist, welches wir nicht aufgeben. Dazu gehört auch der nach dem Holocaust tief wurzelnde Entschluss, nie wieder Opfer sein zu wollen. Und so strömt man dann auch genau in das Cafe, in dem es gerade einen Anschlag gegeben hat – das ist die Botschaft an die Terroristen, dass sie absolut nichts erreicht haben.



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