Israels Generalkonsulin Talya Lador-Fresher „Was nun kommt, wird lang und blutig sein“

Israels Fahne vor dem Landtag in Stuttgart Foto: dpa/Bernd Weißbrod

Israels Wohl sei deutsche Staatsräson, hieß es nicht nur im Landtag von Baden-Württemberg. Diese Worte sollen auch nächste Woche nicht vergessen werden, fordert Israels Generalkonsulin Talya Lador-Fresher.

Politik/ Baden-Württemberg: Christian Gottschalk (cgo)

Die Landtagsdebatte zum Hamas-Terror gegen Israel sei ein starkes Zeichen, sagt die israelische Generalkonsulin Talya Lador-Fresher. Sie hofft, dass die Solidarität auch dann noch anhält, wenn Bilder von toten Zivilisten aus dem Gazastreifen kommen. Man dürfe nie vergessen, wer diesen Krieg begonnen hat.

 

Frau Lador-Fresher, wie viele Solidaritätskundgebungen wie diese im Landtag von Baden-Württemberg haben Sie schon erlebt?

Die Frage müsste lauten, wie oft haben Sie schon so eine Tragödie erlebt. Und die Antwort heißt: nie in meinem Leben. Ich bin seit 60 Jahren israelische Bürgerin, ich war Soldatin im ersten Libanonkrieg. Wir hatten unzählige Anschläge und Raketenangriffe. Aber so etwas, das konnte ich mir in meinen schlimmsten Albträumen nicht vorstellen. Das ist kein Terroranschlag. Es ist Krieg. Die Hamas hat uns den Krieg erklärt, sie werden Krieg bekommen.

Wie ist das Gefühl, in so einer Situation nicht im eigenen Land zu sein?

Meine ganze Familie ist in Israel. Ich möchte meine Tochter und meinen Sohn umarmen. Es ist Schicksal, dass ich jetzt hier bin. Persönlich möchte ich in Israel sein, aber ich bin jetzt eine diplomatische Soldatin.

Die Ukraine hatte mit Andrej Melnik einen diplomatischen Soldaten, der von Deutschland viel gefordert hat. Was fordern Sie?

Ich hoffe, dass die deutsche Solidarität anhält. Alle reden über die viel zitierte Staatsräson. Besonders in den kommenden Wochen, die hart werden, sollen diese Worte nicht vergessen werden. Denn das, was jetzt kommt, wird lang und blutig sein.

Wir werden bald viele Bilder sehen von blutüberströmten Zivilisten und toten Kindern im Gazastreifen. Wird das die Länder um Israel herum dazu veranlassen einzugreifen?

Ich bin sehr besorgt, aber kämpferisch. Es wurden 1200 Israelis getötet, wir konnten noch nicht alle beerdigen. Die Hamas agiert genauso wie der so genannte Islamische Staat (IS). In der Brutalität steht die Hamas dem IS in nichts nach. Wir sind im Krieg. Ich hoffe, dass es nur ein Krieg im Süden Israels sein wird, mit der Hamas. Aber unsere Augen sind offen nach allen Seiten. Wir haben in der Vergangenheit immer versucht, die Zivilbevölkerung in Gaza bei unseren Aktionen so gut wie möglich zu schützen. Ich fürchte, so präzise wird es dieses Mal nicht sein können. Leider. Und wie gesagt: Ich hoffe, die deutsche Solidarität bleibt auch dann bestehen. Man darf nicht vergessen, wer diesen Krieg begonnen hat.

Reichen Worte oder brauchen Sie mehr?

In der heutigen Sondersitzung wurde bereits darüber gesprochen. Es wäre gut, wenn Deutschland sich machtvoll gegen die Menschen stellt, die für die Terroristen auf die Straße gehen. Ich sage bewusst nicht pro Palästinenser, sondern pro Terror. Früher gab es vielleicht Demonstrationen für Palästinenser, wer jetzt demonstriert, der unterstützt Terroristen.

Werden diese Solidaritätsadressen in Israel überhaupt wahrgenommen?

Selbstverständlich. Ich bin für fünf Bundesländer zuständig, neben Baden-Württemberg auch noch Bayern, Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland. Das, was der Landtag hier auf Initiative der CDU-Fraktion gemacht hat, gab es in diesem Bereich noch nirgends. Ich bin da wirklich sehr dankbar. Für mich ist es auch sehr wichtig, dass die israelische Fahne vor dem Gebäude gehisst ist. Das sind starke Zeichen von Solidarität, auch die Kundgebungen wie am Dienstag in Stuttgart. Und dass das Brandenburger Tor in den israelischen Farben erleuchtet wurde, das hat jeder Israeli gesehen.

Wie wird es jetzt weiter gehen?

Wir sind geschlossen, aber wir sind in Trauer. Und wir wissen, es werden noch mehr israelische Opfer kommen.

Talya Lador-Fresher

Diplomatin
 Talya Lador-Fresher ist seit 1989 im diplomatischen Dienst, unter anderem in Jamaika und New York. Zwischen 2015 und 2019 war sie Botschafterin in Österreich. Seit wenigen Wochen leitet sie das Generalkonsulat Israels für Süddeutschland.

Hintergrund
 Lador-Freshers Vater wurde in Leipzig geboren. Er floh in der NS-Zeit aus einem Ghetto und kam 1975 als Diplomat nach Deutschland zurück.

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