Ist die Pandemie vorbei? „Corona ist für Überraschungen gut“
Eine Entwarnung will Karlin Stark, Leiterin des Gesundheitsamtes für den Kreis Ludwigsburg, trotz des Endes der Pandemie nicht geben.
Eine Entwarnung will Karlin Stark, Leiterin des Gesundheitsamtes für den Kreis Ludwigsburg, trotz des Endes der Pandemie nicht geben.
Kann man die Corona-Pandemie für beendet erklären? Eine Normalität hält im privaten und öffentlichen Leben Einzug, doch immer noch sorgen sich viele Bürger, insbesondere Menschen aus den Risikogruppen. Wo stehen wir? Karlin Stark, Leiterin des Gesundheitsamtes im Landratsamt Ludwigsburg, mahnt zur Vorsicht.
Der Virologe Christian Drosten hat gesagt: „Die Pandemie ist vorbei.“ Sehen Sie das auch so?
Ja. Durch die mittlerweile hohen Erkrankungszahlen kombiniert mit den Impfeffekten ist die Bevölkerung nicht mehr ungeschützt. Corona ist dabei, in den meisten Regionen der Welt endemisch zu werden.
Die Politik scheint auf Durchseuchung zu setzen. Müssen wir noch Angst vor einer Ansteckung haben?
Die endemische Ausgangslage darf nicht darüber hinwegtäuschen: Covid kann nach wie vor eine schwer verlaufende Krankheit sein. Dies bedeutet, dass man sich nicht gefahrenfrei infizieren kann. Das Virus kann sowohl seine Übertragbarkeit verändern, als auch die Art und Schwere des Krankheitsbildes, das verursacht wird. Menschen mit Risikofaktoren können aber durch einen aktualisierten Impfschutz und durch das entsprechende Verhalten – Abstand und Maskentragung – ihr jeweiliges Risiko reduzieren.
Die Testpflicht in Krankenhäusern und Altenheimen sowie die Maskenpflicht in Arztpraxen und Bahnen könnte nach dem 5. April, dem Ende des Infektionsschutzgesetzes, fallen. Wären Sie dafür?
Perspektivisch werden diese Pflichten fallen, aber meiner Ansicht nach wäre es sinnvoll und logisch, die Maßnahmen über den Winter hinweg beizubehalten und im Frühjahr oder Sommer aufzuheben. Corona war aber schon mehrfach für eine Überraschung gut: Wenn zum Frühjahr oder Sommer eine „Problemvariante“ auftritt, könnte das die Einschätzung verändern.
Angst spielte eine große Rolle während der Pandemie. Manche Maßnahmen wie Versammlungsverbote im Freien oder G2-Regelungen in Einzelhandelsgeschäften bei freiem Zugang in vollen Supermärkten erschienen nahezu widersinnig und wurden teilweise von Gerichten kassiert. Welche Fehler der Politik waren die größten?
Im Nachhinein kann man leicht Kritik an den verordneten Maßnahmen üben. Da ich selber während meiner Zeit als Leiterin des Landesgesundheitsamtes die Entscheidungsprozesse im ersten Jahr der Pandemie „hautnah“ erlebte, weiß ich, wie vielschichtig und kontrovers damals diskutiert wurde. Die Entscheidung zum ersten Lockdown habe ich im Februar 2020 voller Überzeugung mit unterstützt. Andere Entscheidungen, wie die Einführung von kostenlosen, anlasslosen Testungen, habe ich mit getragen, obwohl ich neben den unstrittigen Vorteilen auch Probleme sah durch die vielen falsch positiven und falsch negativen Antigenschnelltestungen.
Wie stehen Sie jetzt zu den Lockdowns?
Unser medizinisches Versorgungssystem stand Anfang 2020 kurz vor einem Kollaps. Dieser wurde definitiv durch den Lockdown verhindert. Im Vergleich zu anderen Ländern hat unser System der Pandemie durchgehend Stand gehalten.
Sind die Kinder die Verlierer?
Rückblickend betrachtet, sehe ich die Schließungen von Kinderbetreuungseinrichtungen und Schulen als kritisch. Es wurden dadurch sicher Infektionen verhindert, aber die Folgen für die Entwicklung der Kinder, denen nun ein oder zwei Jahre von normaler Kindergarten- oder Schulzeit fehlen, wurde nicht ausreichend bedacht oder zu gering gewertet. Wir sehen bei den Einschulungsuntersuchungen vermehrt Konzentrations- und Verhaltensauffälligkeiten.
Kürzlich hat die Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckhardt (Grüne) davon gesprochen, dass die Politik sich mit Impfnebenwirkungen befassen muss, es gebe sie. Was meinen Sie?
Die Nebenwirkungen und Komplikationen im zeitlichen Zusammenhang mit Impfungen werden erfasst und kontinuierlich vom Paul-Ehrlich-Institut bewertet. Die Berichte darüber werden veröffentlicht. Es gibt Nebenwirkungen und in seltenen Fällen sind diese schwer oder sehr schwer.
Erschüttern Berichte wie die arte-Dokumentation „Impfen – die ganze Geschichte“ Ihr Vertrauen darin, dass Impfstoffe gründlich erforscht werden, bevor sie zugelassen werden?
Grundsätzlich ist unser Zulassungssystem darauf ausgelegt, dass Medikamente gründlich untersucht werden, bevor eine Zulassung erfolgt. Vom Grundsatz her glaube ich an das existierende System und dessen Sinnhaftigkeit und Funktionsfähigkeit. Ein Missbrauch ist leider nie ganz ausgeschlossen.
Führungskraft
Karlin Stark ist Fachärztin für öffentliches Gesundheitswesen mit den Zusatzbezeichnungen Umweltmedizin, Sozialmedizin und Naturheilverfahren. Bevor sie im Juli 2015 die Leitung des Landesgesundheitsamts Baden-Württemberg übernahm, leitete sie das Gesundheitsamt beim Landratsamt Heilbronn. Leiterin des Gesundheitsamtes Ludwigsburg ist die 59-jährige Freudentalerin im Februar 2021 geworden. Sie ist in ihrem Wohnort Fraktionsvorsitzende der CDU im Gemeinderat und hat einen Lehrauftrag an der medizinischen Fakultät der Universität in Ulm.
Werdegang
Stark beendete ihr Medizinstudium in Ulm im Jahr 1991. Danach sammelte sie beruflich medizinische Erfahrungen in Yorkshire in England, arbeitete als Ärztin in den Gesundheitsämtern in Heidenheim und Ulm. Im Jahr 2004 wurde sie stellvertretende Leiterin des Gesundheitsamtes im Kreis Heilbronn und übernahm dort auch die Leitung des Bereichs Infektion und Umwelt. Im Jahr 2008 wurde sie Leiterin des Gesundheitsamtes im Kreis Heilbronn.