Ist Öko zu teuer? Nürtinger Forscher: Viele Verbraucher sind nicht bereit, mehr zu bezahlen

Vor zwei Jahren wurde am Nürtinger Campus Innenstadt das neue Informationszentrum der Hochschule eröffnet, das auch architektonisch eine Brücke aus der Vergangenheit in die Zukunft schlägt. Foto: Ines Rudel

Wie lassen sich Ökonomie und Ökologie in der Landwirtschaft in Einklang bringen? Der Rektor der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen, Andreas Frey, spricht darüber, welche Rolle Verantwortungsbewusstsein in der Lehre spielt.

Region: Corinna Meinke (com)

Von der Höheren Landbauschule zur modernen Hochschule war es in Nürtingen ein langer Weg. Und wo früher staatlich geprüfte Landwirte ausgebildet wurden, ist 75 Jahre später ein breites akademisches Bildungsangebot bis hin zur Promotion längst Alltag. Vor allem die Wirtschaftsstudiengänge wie der noch recht neue Studiengang Zukunftsökonomie landen bei internationalen Rankings regelmäßig auf den vorderen Plätzen, was Ansporn und Verpflichtung bedeutet. Was kann die Hochschule heute unter dem Druck des Klimawandels für eine gute Zukunft beitragen? Ein Gespräch mit dem Rektor Andreas Frey.

 

Herr Frey, alles begann vor 75 Jahren mit der Agrarwissenschaft. Ein Studienfeld, das sich längst der Nachhaltigen Intensivierung, Digitalisierung und Automatisierung der Landwirtschaft zugewandt hat. Wie kann die Agrarwissenschaft angesichts der heutigen Umweltbelastungen das Schutzgut Boden fördern?

In unseren Studiengängen Agrarwirtschaft und Nachhaltige Agrar- und Ernährungswirtschaft ist das ein wichtiges Thema, zu dem geforscht und auch angewandte Forschung zusammen mit der Praxis betrieben wird. Hier kommen verschiedene Faktoren zusammen. Es gibt einen ökonomischen Druck auf die Betriebe, der Klimawandel macht den Erhalt und Pflege des Bodens immer schwieriger. Daraus resultieren zum Beispiel pflanzenbauliche Herausforderungen. Auch das ist ein Feld, in dem an der HfWU geforscht wird.

Rektor Andreas Frey leitet die HfWU seit 2013. Foto: privat

Und welchen Stellenwert wird der ökologische Landbau in diesem Zusammenhang künftig haben?

Fachleute schätzen, dass der ökologische Landbau durchaus als Modell für eine ökologischere Wirtschaftsweise geeignet ist. Die um etwa 50 Prozent niedrigeren Erträge werden allerdings vermutlich noch länger der Grund dafür sein, dass die Nachfrage nach ökologisch erzeugten Produkten nicht sehr stark steigt. Derzeit wird in Baden-Württemberg auf circa 15 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche ökologisch gewirtschaftet. Man kann versuchen, die Nachfrage zu stimulieren, um diesen Anteil zu steigern. Man muss aber auch sehen, dass viele Verbrauchende offensichtlich nicht bereit sind, für eine ökologischere Produktion den höheren Produktpreis zu bezahlen.

Der Studiengang Landespflege wurde zu den Studienfächern Landschaftsarchitektur sowie Landschaftsplanung und Naturschutz weiterentwickelt. Welche Themen stehen heute angesichts des globalen Klimawandels dort im Fokus?

Nachhaltigkeitsaspekte spielen in der Lehre eine stärkere Rolle, in die auch die Themen „Umwelt & Technik“ und „Gesellschaft“ integriert sind. Dazu kommen Studieninhalte Vegetation, ressourcenschonendes Bauen und neue Materialien. In Bezug auf die Klimawandelfolgenanpassung geht es um die Themen Stadtbegrünung (Dach- und Fassadenbegrünung, auf Starkregen und Trockenheit angepasste Bäume und sonstige Vegetation), Biodiversität, Umgang mit Wasser in der Stadt (Wasserrückhalt und Stärkung der Verdunstungsleistung, Wasserspeicherung, Versickerung). Auch neue Mobilität sowie Fragen zur dezentralen Energiegewinnung werden behandelt.

Die HfWU hat sich verpflichtet, die „Notwendigkeit, wirtschaftliche Wertschöpfung zum Wohle aller zu gestalten und dabei die planetaren Grenzen einzuhalten“. Wie wird dies in den betriebswirtschaftlichen Studiengängen realisiert?

In allen BWL-Studiengängen sind Nachhaltigkeitsthemen verankert. In der BWL beginnt dies gleich im ersten Semester mit der Veranstaltung „verantwortungsvolles Handeln“. Auch in weiteren Pflichtkursen im Grundstudium ist Nachhaltigkeit immer wieder ein Thema und im Hauptstudium wird die Vertiefungsrichtung „Nachhaltige Unternehmensführung“ angeboten, in der ausschließlich nachhaltigkeitsbezogene Kurse laufen. Auch in anderen Vertiefungsrichtungen spielt das Thema eine Rolle, so in der Vertiefung Marketing, in der ein Modul „Marketing & Sustainability“ angeboten wird. Hinzu kommt: Professoren des Studienganges Betriebswirtschaft an der HfWU haben einen Sammelband „Nachhaltige Betriebswirtschaft“ herausgegeben. Ein Grundlagenwerk, in dem rund 40 Lehrende des Studienganges alle BWL-Einzeldisziplinen unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten beschreiben.

Was bedeutet das für die Forschung?

Auch die Forschung spielt eine Rolle: Am Institute for International Research on Sustainable Management and Renewable Energy (ISR) laufen wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Forschungsprojekte in den Bereichen Nachhaltigkeit und Erneuerbare Energien.

Wie kann die Forschung an der HfWU dazu beitragen, den Hunger in der Welt zu bekämpfen?

Als Hochschule für angewandte Wissenschaften haben wir einen regionalen Fokus, also auf die landwirtschaftlichen Betriebe und die Agrarbranche in Baden-Württemberg. Das bedeutet allerdings nicht, dass sich die Lehre und die Studierenden nicht der globalen Herausforderungen bewusst sind. Unsere Forschung ist entsprechend ausgerichtet. Wir wissen, dass das, was wir hier tun, Auswirkungen auch auf andere Teile dieser Welt hat.

Was heißt das denn konkret?

An der HfWU wird an nachhaltiger Landwirtschaft geforscht, die möglichst wenig negative Auswirkungen auf Ökosysteme und Menschen hier sowie in anderen Teilen der Erde hat, jetzt und in der Zukunft. Die Bekämpfung des Hungers ist allerdings vor allem auch eine politische und systemische Frage. Hier geht es insbesondere um eine effiziente Flächennutzung. Derzeit beanspruchen wir für unsere Futter- und Lebensmittelproduktion sowie die Produktion von Bioenergie deutlich mehr Fläche als wir in Deutschland haben. Ein verändertes Konsumverhalten, hin zu einer mehr pflanzenbasierten Ernährung wäre ein Weg, die Eigenversorgung sicherzustellen, ohne Flächen außerhalb Deutschlands beziehungsweise Europas zu nutzen.

Seit 2022 haben die Hochschulen in Baden-Württemberg das Recht, qualifizierte Absolvierende zur Promotion zu führen. Wie wichtig ist dies mit Blick auf die universitäre Konkurrenz?

Das Promotionsrecht ist ein wichtiger Schritt für unsere Hochschulart. Es ist eine Wertschätzung der Qualität unserer Forschungsarbeit und gibt unseren Absolventen den Zugang zu einer wissenschaftlichen Tätigkeit, der ihnen bislang verwehrt blieb. Damit sind wir auf Augenhöhe mit den Universitäten, das Profil der Hochschularten bleibt jedoch erhalten. Die HfWU ist mit zehn Professorinnen und Professoren im Promotionsverband vertreten. Derzeit werden an der HfWU 47 Dissertationen betreut.

Mit dem Studiengang Stadtplanung hat die HfWU im Jahr 2000 den einzigen seiner Art in Süddeutschland geschaffen. Wie können künftige Planer-Generationen angesichts der Herausforderungen des Klimawandels vorgehen?

Der Studiengang hat den Anspruch, die gebaute und natürliche Umwelt von Morgen in der Stadt und auf dem Land zu planen. Die Stadtplanung spielt beim Klima-, Struktur- und demografischen Wandel eine zentrale Rolle. Beim didaktischen und methodischen Konzept hat das Projektstudium einen hohen Anteil. Wir holen die Praxis in die Hochschule beziehungsweise gehen mit den Studierenden in die Region und arbeiten an realen Projekten: ein neuer Stadtteil für Konstanz, die Bahnstadt in Nürtingen, die Dorfentwicklung Zimmern – dies sind einige Beispiele. Die Lehrenden führen die Studierenden über forschendes Lernen zu innovativen Lösungen. Das alles geschieht zusammen mit Kooperationspartnern, Büros und Kommunen in der Region und darüber hinaus.

Die HfWU gilt als Modellhochschule für Nachhaltige Entwicklung dank dem Profil Wirtschaft und Umwelt. Später kamen die Kunsttherapie sowie der Studiengang Theatertherapie B.A als dritte und soziale Säule dazu. Ist damit das Profil der HfWU ausgereizt?

Ausgereizt trifft die Sache nicht ganz. Unser Profil ist definiert und alle Säulen der Nachhaltigen Entwicklung sind unter dem Dach der HfWU vereint. Alle unsere Aktivitäten in diesem Feld sind daran ausgerichtet, die Nachhaltigkeitsziele zu erreichen. Seit zwei Jahren haben wir dafür eine Nachhaltigkeitsstrategie etabliert, die wir konsequent umsetzen.

Die Ökonomie der Zukunft und ihre planetaren Grenzen

Rektor
Seit 2013 leitet Professor Andreas Frey (57) als Rektor die Geschicke der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen. Der promovierte Wirtschaftswissenschaftler arbeitete zunächst als Systemingenieur bei der Siemens AG, bevor er 2004 an die Hochschule Osnabrück berufen wurde. Im Jahr 2013 wurde Frey als Nachfolger von Werner Ziegler für sechs Jahre an der HfWU gewählt. Frey befindet sich in seiner zweiten Amtszeit.

Eckdaten An der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen studieren rund 5000 Frauen und Männer in 32 Studiengängen. Der Studienbetrieb verteilt sich – wie der Name bereits nahelegt – auf die Großen Kreisstädte Nürtingen und Geislingen (Kreis Göppingen).

Zukunft Im 2022 gestarteten neuen Studiengang Zukunftsökonomie lernen Studierende, wie wirtschaftliche Wertschöpfung auch in Zukunft gestaltet werden kann, ohne dabei die Tragfähigkeit des Planeten zu gefährden. Sie sollen Ziele, Dringlichkeit und Bestimmungsfaktoren erkennen und praxisbezogene Schlüsse für die notwendige Transformation ziehen.

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